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Grevesmühlen Bürger wehren sich gegen Industriegebiet
Mecklenburg Grevesmühlen Bürger wehren sich gegen Industriegebiet
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00:02 01.12.2017
Einwohner von Sabow gehen auf die Straße, um Kritik an den Plänen für ein Industriegebiet unweit ihres Dorfes vorzubringen. Sie befürchten einen Verlust an Lebensqualität auch über den Ort hinaus. Quelle: Fotos: Jürgen Lenz
Sabow

Es ist kalt, neblig, ungemütlich. Trotzdem zieht es Einwohner des Schönberger Ortsteils Sabow auf die Straße. Was sie bewegt, sind Pläne für ein Industriegebiet, das zwischen ihrem Dorf und der A 20 entstehen soll. Sie warnen: Es würde nicht nur Sabow betreffen, sondern ganz Schönberg, die Region. Der Lkw-Verkehr würde zunehmen, auch nachts und nicht nur aus Richtung der Autobahn, erklären sie. Erschlossen ist das Industriegebiet noch nicht. Sabower hoffen, dass das nie passieren wird. Um ihre Interessen zu wahren, haben sie bei der Stadt Widersprüche eingelegt und einen Anwalt beauftragt.

Einwohner von Sabow warnen vor möglichen Folgen für die Region / Laut Plänen soll Nachtbetrieb möglich sein

Die Bürger kritisieren: Die laut Planungsunterlagen zulässigen Lärmpegel sind ebenso wenig zu akzeptieren wie die vorgesehenen Mindestabstände zwischen Produktionsstätten im Industriegebiet und Wohnhäusern. „Es wurde zum großen Nachteil der Bürger geplant“, sagt Ronny Arnold. Es werde eine Politik gemacht, die nicht nachhaltig sei. Arnold und weitere Bewohner des Ortes befürchten: „Man holt sich die ganze schmutzige Industrie nach Schönberg.“ Tatsächlich heißt es in der Erläuterung eines aktuellen Beschlusses der Schönberger Stadtvertretung zum geplanten Industriegebiet: „Die Lage des Plangebietes ist geeignet, Industriebetriebe anzusiedeln, die hinsichtlich ihrer Störfunktion besonderer Standortanforderungen bedürfen.“ Konkreter wird es in der Änderung des städtischen Flächennutzungsplanes, die nötig war, um einen Bebauungsplan für ein Industriegebiet in der Nähe des Ortsteils der Stadt Schönberg aufstellen zu können: „Das Plangebiet liegt in einem technisch vorgeprägten Bereich und relativ weit entfernt von der Stadt Schönberg. Daher können bezüglich der Lärmproblematik höhere Grenzwerte angesetzt werden, die auf Teilflächen auch Nachtarbeit zulassen.“

Warum das? In dem Dokument heißt es: „Gerade in letzten Ansiedlungsgesprächen und Erfahrungen hatte die Stadt erfahren, dass es für Unternehmen und für deren Ansiedlung unheimlich wichtig ist, dass ein weitgehend uneingeschränkter Nachtbetrieb möglich ist.“

„Es war ein Schock für uns.“ Mit diesen Worten beschreibt der Sabower Jens-Uwe Damrau die Reaktion vieler Einwohner, die unlängst erfuhren, dass die Stadt Schönberg das Industriegebiet plant. Anlass war der angekündigte Beschluss zu einer Änderung des Bebauungsplans, dessen Aufstellung die Stadtvertretung bereits am 26. Mai 2004 beschloss (die OZ berichtete). Die Verwirklichung war mehr als ein Jahrzehnt kein Thema. Einwohner von Sabow kritisieren, es werde hinter der Hand gehalten, die Stadt handele nicht transparent. Zu dieser Ansicht passt, was Ronny Wortmann sagt, der sich für ein stadteigenes Grundstück in Sabow interessierte: „Es gab keinen Hinweis auf das Gewerbegebiet.“

In einer Sitzung des Hauptausschusses der Stadtvertretung am Dienstagabend dieser Woche ging der Schönberger Bürgermeister Lutz Götze (SPD-Fraktion) auf Reaktionen von Landbesitzern ein, die es gerne sehen würden, dass entlang der A 20 auf einem Teil des geplanten Industriegebietes Fotovoltaikanlagen errichtet werden. Götze sagte vor den Stadtvertretern: „Bei einem Teil der Grundstückseigentümer stößt dieser Beschluss auf Widerspruch, da sie diese Flächen für den Verkauf an einen Investor für Energieanlagen vorgesehen haben.“ Die eingegangenen Widersprüche und Beschwerden würden zur „rechtlichen Würdigung“ dem Rechtsanwalt der Verwaltung übergeben.

Auf Anfrage sagte der Schönberger Bürgermeister gestern zu den Befürchtungen von Einwohnern von Sabow, künftig Lärm aus einem Industriegebiet ausgesetzt zu werden: „Es gibt Vorschriften, dass bestimmte Pegel einzuhalten sind.“ Noch stehe nicht fest, welche Unternehmen sich ansiedeln. Maßgabe des Landesamtes für Raumordnung und Landesentwicklung ist, dass das Gebiet erst dann erschlossen wird, wenn dafür ein konkreter Bedarf vorliegt.

Wohl der Stadt, die solche Bürger hat

Vor einigen Jahren haben Bürger und politische Vertreter von Schönberg ein Leitbild für eine nachhaltige Entwicklung ihrer Stadt entworfen: Ein „wirtschaftlicher Mittelpunkt einer landschaftlich schönen, umweltbewussten Region“ solle Schönberg sein und ein „familienfreundlicher Lebensraum vor den Toren Lübecks“. Die Pläne für ein Gewerbegebiet in der Nähe des Ortsteils Sabow stimmen mit diesen Zielen nicht überein. Es sind Sätze in den Planungsunterlagen wie der folgende, die klarmachen, in wessen Interesse bisher vorgegangen wurde: „Unter dem Gesichtspunkt bereits in der Stadt realisierter Ansiedelungen ist es wichtig, für produzierende Unternehmen auch in der Nachtzeit weitgehend geringfügige Einschränkungen darzubieten.“ Es sind die Interessen von Unternehmern und Betrieben, nicht die der Einwohner von Sabow, denen bereits durch die A 20 und riesige Windräder einiges zugemutet wird. Wenn Planer argumentieren, zusätzlicher Lärm schade bei dieser Vorbelastung nicht, ist das anmaßend.

Die Sabower sind keine Schönberger Bürger zweiter Klasse. Es ist gut, dass sie sich zu Wort melden, dass sie Kritik üben und warnen, dass sie berechtigte Interessen vehement vertreten. Eine Stadt kann froh sein, wenn sie solche Bürger hat.

Jürgen Lenz

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