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Grevesmühlen Das Wahrnehmen
Mecklenburg Grevesmühlen Das Wahrnehmen
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00:05 16.09.2017

Ganz für sich sitzt die Frau in der Ecke. Ihr Blick ist unbewegt, der Rücken durchgedrückt, Füße und Knie sind eng aneinander gepresst. Alles scheint hart an ihr: Ihre Griffe, ihr Biss in das Pausenbrot, lange braucht sie nicht für das Essen. Dann steht sie zackig auf und verlässt den Raum. Ihr Schritt ist fest. In Erinnerung an diese Szene höre ich ihre Schuhe knallen und die Botschaft ist: „Ihr kriegt mich nicht klein “

Tief in DDR-Zeiten sah ich diese Momentaufnahme unter Arbeitskollegen – wie alle gemütlich in der Runde beim Mittagstisch saßen und gut aufgelegt lachten. Jene Frau allerdings saß immer für sich.

Eine von der Kirche war sie, klug, beweglich im Kopf, verletzlich. Dem Mobbing in der Abteilung musste sie jeden Tag neu sehr viel Energie entgegensetzen. Ergeben hat sie sich nicht. Wie eine Aussätzige wurde sie ausgegrenzt, vor allem in ihren Leistungen abqualifiziert. Auch wenn sich die Zeiten längst geändert haben: Die erlittenen Demütigungen kleben ihr noch heute auf der Haut.

Aussätzige, Leprakranke waren gefürchtet in der Antike. Ob man sie wirklich nicht anders behandeln konnte, als sie vor den Stadttoren zu isolieren, ist fraglich. Aber historisch verbürgt ist: Wer vom Aussatz betroffen war, war lebendig schon in den sozialen Tod getrieben. Tot geredet. Wie jene Frau, isoliert und ausgegrenzt – und das funktioniert auch heute noch gut in der kleinsten Gruppe. Leute wie sie passen nicht ins Schema. An ihnen kann man gut das eigene ‚Mütchen kühlen‘. Von einem Aussätzigen wird erzählt, dass er sich energisch der Isolation widersetzte. Bitter konfrontierte er Jesus: „Die machen mich erst richtig krank mit ihrer Ausgrenzung!“ Jesus akzeptierte keine Form von Ausgrenzung: „Das soll dich nicht länger krank machen. Ich will, dass du gesund wirst.“ Solches Wahrnehmen ist wie eine Erlösung. Da kann ein Mensch wieder „heil“ werden. Man weiß nicht, wie es dem Mann damals erging. Vielleicht klebte ihm die erlittene Demütigung auch lange auf der Haut.

Ausgegrenzte unserer Tage müssen solche „Erlösung“ auch erst einmal erfahren. Da braucht es einen Menschen, der dir sagt: „Ich sehe, was dich krank macht. Ich will, dass sich das verändert.“ Dann muss niemand mehr den Rücken durchdrücken und die Füße hart aufsetzen.

OZ

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