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„Den Hunger vergisst man nicht“

Das Vertriebenenlager Questin Heute: Familie Leipelt aus Tlutzen „Den Hunger vergisst man nicht“

Im Sommer 1946 kam Familie Leipelt aus Tlutzen in das Lager nach Questin. Später wurden die drei Kinder, die Eltern und die Großmutter nach Tarnewitz umgesiedelt.

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Eine Luftaufnahme der Aliierten zeigt die Halbinsel Tarnewitz mit dem Flugplatz, in dem Dorf lebte die Familie fast zehn Jahre.

Quelle: Fotos: M. Prochnow

Questin/Wismar. Wenn Kurt Leipelt redet, dann unterstreicht er jeden Satz mit den Armen. Immer wieder beschreiben die Hände große Kreise, er hebt die Stimme. Wenn sie leise wird, senkt er die Arme und sagt Sätze wie: „Der Hunger, den vergisst man nicht.“ Leipelt, 78 Jahre alt, lebt heute in Wismar. Ebenso wie seine Schwester Edeltraud Stiehr (80). Doch die Wurzeln liegen weit im Süden, im heutigen Tschechien. Leipelts wurden vertrieben, im Sommer 1946 musste die Familie, die damals aus Kurt (damals 6), seiner Schwester Edeltraud (8), dem drei Jahre alten Heinz, der Großmutter und den Eltern bestand, die Heimat verlassen.

 

OZ-Bild

Das ehemalige Wohnhaus der Leipelts in Tlutzen, die Aufnahme des Bauernhauses stammt aus den 1960er Jahren.

Quelle: Foto: Privat
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Ich konnte das Zeug nicht ausstehen. Es hat Jahre gedauert, bis ich es essen konnte.Kurt Leipelt (78) über Steckrüben

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Wir haben in der Familie nur wenig über die Vergangenheit gesprochen.Edeltraud Stiehr (80)

Die Heimat, das war der Bauernhof der Familie in Tlutzen, einem kleinen Dorf nach der Bahnstrecke zwischen Leibneritz, der damaligen Kreisstadt, und der Elbe. Heimat? „Das ist es schon längst nicht mehr“, sagt Edeltraud Stiehr. Doch die Erinnerungen an die Zeit damals, die sind immer noch wach.

Zwangsarbeiter auf den Höfen

Frühjahr 1945: Die Rote Armee zieht durch Tlutzen. Wie jeder andere Bauernhof auch hat die Familie russische Zwangsarbeiter auf dem Hof. Bei den Leipelts muss eine 17-jährige Ukrainerin arbeiten.

„Laraska hieß sie“, erinnert sich Edeltraud Stiehr. „Es gab Vorschriften, wonach die Zwangsarbeiter nicht bei uns mit am Tisch sitzen durften. Aber unsere Mutter hat sich nicht daran gehalten.“ Als die Russen das Sudetenland einnahmen, befragten sie zuerst die Zwangsarbeiter. „Wir hatten Glück, wir hatten sie gut behandelt, so dass es keine Probleme gab.“ Die Kommandantur der Roten Armee richtete sich im Bauernhaus der Leipelts ein, die Mutter kochte für die Soldaten. Der Krieg hatte Tlutzen verschont.

Dann kamen die Tschechen.

Der Vater hatte ein Jagdgewehr im Haus versteckt. Offenbar nicht gut genug. Edeltraud Stiehr erinnert sich an die schlimme Nacht. „Die Mutter musste danebenstehen, wie sie ihn die halbe Nacht verprügelt haben. Wir haben die Schreie gehört.“ Wie erlebt man als Kind so eine Situation? „Ich hatte nur Angst.“

Während die deutschen Bewohner nach und nach das Dorf verlassen, arbeiten Leipelts für die Tschechen. Arbeitskräfte waren Mangelware. „Wir saßen auf gepackten Koffern, wir wussten ja, dass es jeden Tag losgehen konnte“, erzählt Kurt Leipelt. Der damals Sechsjährige erlebt die Zeit als Abenteuer, er spielt mit der Nachbarstochter, einem tschechischen Mädchen, lernt ein paar Sätze Tschechisch.

„Was Kinder eben so lernen in dem Alter.“

Dann müssen sie ihr Haus verlassen, einige Wochen verbringen sie in der Kreisstadt Leibneritz, in der Schule. Edeltraud bekommt Läuse, die Haare sollen ab. Doch das Mädchen wehrt sich. „Schließlich haben sie mir irgendetwas über den Kopf gekippt, ich habe Blasen am Hals davon gekriegt. Aber die Läuse waren weg.“ Dann wird die Familie in einem Güterwagon gebracht, 40 Menschen zusammengepfercht.

Im Güterwagon nach Grevesmühlen

Der dreijährige Heinz liegt in einem Kinderwagen, die Familie hat ihr Hab und Gut in Säcke gestopft. Drei Tage geht es durch das zerstörte Deutschland, bis der Zug in Grevesmühlen hält. Es ist Sommer 1946, jene Zeit, in der die meisten Vertriebenen aus dem Sudetenland in Grevesmühlen ankommen. Sie werden in die Erdbunker nach Questin gebracht, in das Quarantänelager. „Ich weiß noch, wie ich als Steppke nackt zwischen den ganzen Männern stand, die wurden abgespritzt mit so einer Flüssigkeit, mich haben die da einfach reingesteckt.“ Kurt geht stromern, sucht nach Lebensmitteln in der Umgebung, sammelt Brombeer- und Himbeerblätter, die die Männer im Lager trocknen und als Tabak benutzen. Edeltraud verweigert das Essen, das Mädchen magert ab, wird krank. „Ich konnte diese Rübenschnitzel nicht einmal riechen, es hat viele Jahre gedauert, bis ich überhaupt wieder einen Steckrübeneintopf essen konnte. Es war furchtbar“, sagt die 80-Jährige. Ihr Bruder nickt. „Ich konnte das Zeug auch nicht ausstehen.“ Doch die schlimmste Zeit steht der Familie erst noch bevor.

Nach wenigen Wochen im Lager geht es mit dem Zug nach Klütz. Kurt staunt dort über die Flugzeugteile, die von den Russen auf dem Bahnhof verladen werden. „Das weiß ich noch ganz genau.“ Die Familie wird in einer Häuslerei einquartiert, in einem der Häuser am Weg in Richtung Eulenkrug. Drei Zimmer, nur eins davon lässt sich heizen. Die Vertriebenen bekommen zu spüren, dass sie nicht willkommen sind. „Aus heutiger Sicht kann ich das sogar verstehen“, sagt Kurt Leipelt. „Die Siedler hatten sich gerade etwas aufgebaut, jetzt mussten sie die Vertriebenen aufnehmen.“

Der Hunger beginnt

Die extremen Winter in den Jahren nach dem Krieg machen der Familie zu schaffen. Die Kinder gehen betteln in der Nachbarschaft. „Die Mutter wollte das nicht, aber die Großmutter wusste, dass wir mithelfen müssen“, erinnert sich Edeltraud Stiehr. Die Kindheit der drei Geschwister ist geprägt von der Suche nach Nahrung. Und von den Entbehrungen. „Unserer Mutter hat das Herz geblutet, wenn sie gesehen hat, wie die Einheimischen die Essensreste an die Hühner oder die Hunde verfüttert haben“, sagt die 80-Jährige. „Das war eine schlimme Zeit.“ Und sie hielt an. Nach einem Jahr zieht die Familie in eine der Baracken am östlichen Rand von Tarnewitz. Zusammen mit anderen Umsiedlern, wie die Vertriebenen offiziell genannt werden, gibt es zumindest ein intaktes soziales Umfeld. Die Kinder gehen in die Dorfschule, erst in Tarnewitz, wo die ersten und zweiten Klassen unterrichtet werden, später wechseln sie nach Boltenhagen, wo die Schule in einer Villa neben dem Deutschen Haus eingerichtet wird. Sommer und Herbst sind die Jahreszeiten, an die sich Kurt Leipelt und seine Schwester erinnern. Wenn Obst, Gemüse und Getreide wuchsen.

Irgendwann verlässt der Vater die Familie, die Mutter arbeitet in der Meloration, muss Entwässerungsgräben ausheben und reinigen. Es ist körperlich schwere Arbeit, die Großmutter kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Fürsorge hat keinen Platz zwischen Hunger und Kälte. „Das war nicht leicht, sie war streng, aber das musste sie auch sein“, sagt Edeltraud Stiehr. „Wenn es Arbeit gab, dann hat sie unsere Hausaufgabenhefte in die Ecke geworfen. So war das damals.“

Flugplatz als Abenteuerspielplatz

Und trotzdem finden die Kinder Zeit zum Stöbern. Der Flugplatz Tarnewitz, auf dem Flugzeugwaffen erprobt wurden, wurde von Russen gesprengt, doch es liegen noch jede Menge Munitions- und Waffenreste dort herum. Immer wieder werden Kinder und Jugendliche schwer verletzt oder sogar getötet, wenn es zu Unfällen kommt. Kurt Leipelt hat Glück. „Wir haben Schwefelklumpen, die die Bauern beim Pflügen aus der Erde geholt haben, mit dem Phosphor aus der Leuchtspurmunition angezündet. Das war zwar nicht ganz einfach, aber wir haben es geschafft.“

Mitte der 1950er Jahre beenden Kurt Leipelt und seine Schwester die Schule in Boltenhagen. Kurt studiert, wird Bauingenieur, geht für vier Jahre als Aufbauhelfer nach Afrika, wird Technischer Direktor, landet später im Baudezernat. Seine Schwester will Lehrerin werden, muss aber aus gesundheitlichen Gründen umsatteln. Auch sie arbeitet später in der Wismarer Stadtverwaltung. 1970 fährt die Familie das erste Mal nach der Vertreibung wieder in die alte Heimat. „Wir haben das Mädchen, mit dem wir damals gespielt haben, wiedergefunden. Unser Haus war inzwischen der Dorfladen“, erinnert sich Edeltraud Stiehr. Für ihren Bruder ist vor allem eines in Erinnerung geblieben. „Das Haus sah viel kleiner aus, als ich es in Erinnerung hatte.“

Heimweh ist es nicht, was Leipelts nach Tlutzen treibt, eher die Neugier, was mit dem Hof passiert ist. Die Leute im Dorf wollen wissen, ob sie wieder hierherziehen wollten. „Aber das kam überhaupt nicht infrage“, sagt die 80-Jährige und schüttelt mit dem Kopf. „Was sollten wir dort auch?!“ Nein, betont ihr Bruder, es sei schon gut, wie es gekommen sei. „Was wäre denn passiert? Wir wären in dem Dorf geblieben, ich hätte den Hof übernehmen müssen und wir wären niemals aus Tlutzen herausgekommen. Auch wenn es seltsam klingt, es war gut, wie es gekommen ist.“

Nur eines würde sie heute anders machen, sagt Edeltraud Stiehr. „Wir haben in der Familie kaum über die Vergangenheit gesprochen mit der Mutter. Das war nur ganz selten ein Thema. Wir hätten mehr fragen sollen.“

50 Kilo Gepäck

Den Vertriebenen, die ihre Heimat im Sudetenland verlassen mussten, wurde per Erlass das Gewicht sowie die Zusammenstellung des Gepäcks auferlegt. In einem Bescheid, den Edeltraud Stiehr aus einem Archiv

in Fulda kopiert hat, geht hervor, dass pro Person 50 Kilogramm

Gepäck erlaubt waren. Ferner sollten die Personen Lebensmittel für 14 Tage mitnehmen sowie alle Papiere.

Die Häuser waren zu verschließen, die Schlüssel beim Bürgermeister abzugeben. Verboten war es mitzunehmen: Wertgegenstände, Kunstwerke, Edelsteine, Perlen und Markensammlungen, Uhren, Radios, Teppiche,

Pelze etc. Sämtliche Wertsachen

waren bei den Behörden abzugeben.

Viele Vertriebene berichteten

von Durchsuchungen durch die

tschechischen Behörden unmittelbar vor dem Grenzübertritt.

Federbetten: Viele Familien hatten ihre Federbetten für die Flucht

eingepackt. Auch Edeltraud Stiehr berichtete, dass die Mutter die

Betten mit eingepackt habe. Über die Gründe ließ sich nur spekulieren.

Geld: Bargeld durften die Vertriebenen laut Bescheid nicht mitnehmen. Lediglich Reichsmarkbestände

in maximaler Höhe von 500 Mark durften die Familien behalten

und mitnehmen.

Michael Prochnow

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