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Grevesmühlen Der Ofen ist aus: Arnold Benn geht in den Ruhestand
Mecklenburg Grevesmühlen Der Ofen ist aus: Arnold Benn geht in den Ruhestand
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00:05 03.06.2017
Grevesmühlen/Wismar

Es steht ihm geradezu auf der Stirn geschrieben – so wie er da sitzt mit weißer Mütze, weißem Anzug und Brotschieber unterm Arm: Wenn ich groß bin, dann werde ich Bäcker. Und so kam es. Arnold Benn aus Grevesmühlen trat in die Fußstapfen seines Vaters; erlernte bei ihm das Handwerk, eröffnete 1967 seine eigene Backstube in Schwerin und kam 1978 in seine Heimat zurück, als sein Vater in den Ruhestand ging. Nun ist es Arnold Benn, der den Ofen endgültig ausmacht. Morgen ist sein letzter Arbeitstag.

Der Grevesmühlener Bäckermeister sucht einen Nachfolger für seinen Betrieb / Kreisweit gibt es nur noch sechs Lehrlinge

Das Glück wie sein Vater, dass jemand (im besten Fall aus der Familie) die Backstube in der Rehnaer Straße übernimmt, hat der 73-Jährige nicht. Sie steht zum Verkauf. Interesse bekundet hat noch niemand. Damit stirbt das Handwerk ein Stück mehr im Landkreis. In die Handwerksrolle eingetragen sind nur noch 15 Betriebe. Kaum zu glauben, dass es 1945 allein in Grevesmühlen 17 Bäcker gab. Nur noch einer ist übrig geblieben – Peter Braun mit der Bäckerei Freytag.

Seit der Wende schlossen neun Bäcker aus Alters- und Gesundheitsgründen im Landkreis ihre Betriebe, davon drei in Wismar und zwei in Grevesmühlen. Nachfolger fanden sich keine. „Gründe dafür sind ein großer Mangel an Fachkräften, vor allem Meister, und der enge Markt, da zunehmend auch die Discounter immer mehr Backwaren anbieten“, erläutert Petra Gansen, Pressesprecherin der Handwerkskammer in Schwerin. Die Ketten werden zu harter Konkurrenz. Ärgerlich sei für Klaus Tilsen, Obermeister der Bäckerinnung Nordwestmecklenburg, dass das vom Staat auch noch unterstützt werde. „Großbetriebe und Discounter bekommen Förderungen. Die kleinen Leute, die sich im Bäckerhandwerk selbstständig machen wollen, nicht.“

Kreisweit gab es seit der Wende sechs Bäckermeister, die aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben haben, darunter Klaus-Günter Roose in Grevesmühlen. Ihr Handwerk abgemeldet haben seit der Wende insgesamt 26 Betriebe – unter anderem, weil kein Nachfolger gefunden wurde. „Auffällig ist, dass in den Dörfern noch eine hohe Dichte an Bäckern ist“, freut sich Antje Lange, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Nordwestmecklenburg-Wismar.

Die gesamte Entwicklung betrachtet Arnold Benn mit Sorge. Derzeit gibt es in Nordwestmecklenburg nur noch sechs Lehrlinge. Zum Vergleich: Drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hatten 21 Lehrlinge ihre Gesellenprüfung gemacht, ebenso viele gab es noch einmal im zweiten und ersten Lehrjahr. Im Jahr 2000 gab es kreisweit nur noch insgesamt 48 Lehrlinge, 2013 nur noch zwölf. „Wer soll in Zukunft noch unsere Brötchen backen?“, fragt sich nicht nur Antje Lange. Nachts aufstehen, um in der Backstube Kuchen, Brot und Brötchen vorzubereiten, das wolle eben kaum noch jemand. „Ich kenne es nicht anders“, sagt Arnold Benn. „Ich werde ihn jetzt wohl morgens am Bett festbinden müssen“, scherzt seine Frau Irene Benn mit Blick auf seinen Ruhestand ab kommender Woche. Schon in der Schulzeit habe er seinem Vater vor und auch nach der Schule geholfen. Der hatte sich 1945 in der Rehnaer Straße selbstständig gemacht. Als Arnold Benn den Betrieb übernahm, hatte er zu Spitzenzeiten 26 Angestellte in fünf Filialen und in einem Auto, das über Land fuhr. Da wurden dann jeden Tag mal eben 1500 bis 2000 Brote und 100 verschiedene Kuchen gebacken. „Mit sechs bis acht Mann standen wir in der Backstube“, erinnert sich Arnold Benn. Zum Schluss beschäftigte er – nachdem er aus Altersgründen mehrere Filialen geschlossen hatte – noch einen Bäcker und drei Verkäuferinnen in einer Filiale im Kinogang in Grevesmühlen und in der Backstube in der Rehnaer Straße. „Für mich ist nie ein anderer Beruf infrage gekommen“, sagt Arnold Benn mit Blick auf seine Urkunden, die die Wand im Büro zieren:

Meisterbriefe, Glückwünsche zum Meisterjubiläum und die Ehrennadel des Handwerks in Silber beispielsweise. Das alles wird er nun in Kisten verpacken – und weiterhin hoffen, dass jemand Interesse an seiner Backstube zeigt.

Christian Lüth aus Neukloster hatte 2014 das Glück. Wegen einer Erkrankung musste er seine Traditionsbäckerei aufgeben. Bereits der Urgroßvater, Opa und Vater des Bäcker- und Konditormeisters übten den Beruf aus. Einen würdigen Nachfolger fand der heute 48-Jährige in Marcus Höchst (38). Aber solch ein Glück hat eben nicht jeder – und so geht es weiter, das leise Sterben des Handwerks.

Zahlen und Fakten

15Bäckereibetriebe gibt es laut Kreishandwerkerschaft noch im Landkreis Nordwestmecklenburg, davon jeweils zwei in Wismar, Selmsdorf und Kirchdorf und jeweils einen in Grevesmühlen, Warnkenhagen bei Glasin, Schönberg, Neuburg, Gadebusch, Bad Kleinen, Neukloster und Groß Molzahn. Weiterhin ist ein Bäckereigewerbe in den Gutshäusern in Stellshagen und Hohenkirchen angemeldet. Dem gegenüber stehen vier Kettenbetriebe im Landkreis.

Jana Franke

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