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Grevesmühlen Die Familiendruckerei – und der Letzte seiner Zunft
Mecklenburg Grevesmühlen Die Familiendruckerei – und der Letzte seiner Zunft
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00:05 31.01.2018
Diese historische Druckmaschine „Standard Heidelberg A4“ von 1936 ist einer der „Schätze“, die Wolfgang Neu vielleicht einem Museum übergibt.

Der Tag von Wolfgang Neu beginnt früh – so gegen sechs. Das müsste nicht unbedingt so sein – Wolfgang Neu ist 81 Jahre alt. Ein Alter, das ihm selbst ein wenig komisch vorkommt. Er müsste jedenfalls nicht mehr arbeiten. Doch er tut es, denn, wie er sagt: „der Mensch ist ein Gewohnheitstier“. Oder, wie sein älterer Bruder, der Chefarzt war, schon seit 20 Jahren pensioniert ist und im schleswig-holsteinischen Heide wohnt, meint: „Wolfgang, du betreibst ein teures Hobby.“

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Wolfgang Neu (81) hat Drucken als Handwerk gelernt – sein Beruf verschwindet

Gewohnheit, Berufung, Hobby, wie auch immer man es nennt. Die Druckerei in der August-Bebel-Straße 19 – zu der Wolfgang Neu an jedem Morgen vom Wasserturm aus, wo er wohnt, radelt und Aufträge erledigt, zum Beispiel für Iveco oder das Hotel Gutshaus Stellshagen – ist nicht irgendeine Druckerei. Es ist die Druckerei Neudruck, in der noch auf Platten und mit Offset gedruckt wird, manchmal auch noch der ein oder andere Druckauftrag von Wolfgang Neu aus dem Druckkasten selbst gesetzt wird. Alles läuft gänzlich ohne Computer ab. Es werden Visitenkarten gedruckt, Briefbögen auf exklusivem Papier, auch wertvolle bibliografische Ausgaben des Berliner Verlegers Christian Ewald. Und – die Druckerei gehört Wolfgang Neu. Sie gehört ihm, wie zuvor seinem Vater und davor seinem Großvater.

Früher arbeiteten dort bis zu acht Leute. „Vier in der Setzerei und vier in der Druckerei“, erzählt er.

Von Anfang an

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte so etwas wie eine Art Aufbruchsstimmung. „Vielleicht ist das ein bisschen“, sagt Wolfgang Neu, „mit dieser Aufregung um die Computer und das Internet zu vergleichen. Jedenfalls hatten mein Großvater Hans Neu und sein Bruder Karl die Idee, sich Druckmaschinen zu kaufen und eine Druckerei zu gründen.“ Los ging es im Jahr 1906 in der Grevesmühlener Seestraße. Das Druckgeschäft der Brüder floppte zunächst – so würde man heute sagen. Es funktionierte also nicht. Woraufhin Hans für zwei Jahre nach Lübeck arbeiten ging – und sein Bruder Karl für ein paar Jahre nach St. Petersburg zog. Warum St.Petersburg? So ganz sicher ist sich Wolfgang Neu nicht, was der Großonkel dort wollte. „Das war in jedem Fall noch zur Zarenzeit, und viele Deutsche sind damals nach Russland.“

1909 eröffnete Hans Neu erneut eine Druckerei und einen Schreibwarenladen – dort, wo sich heute der Blumenladen von Schulz befindet. Dem Schreibwarenladen vor allem war geschuldet, dass es nun lief, sich das Geschäft vergrößern konnte und bald in die Wismarsche Straße zog. Es kam der Erste Weltkrieg, und Wolfgang Neus Großvater zog auf die Schlachtfelder. Er überlebte und kaufte im Jahr 1923 das Grundstück in der August-Bebel-Straße 19.

Vier Kinder hatte Hans Neu – eines davon sollte einmal der Vater von Wolfgang Neu, seinem älteren Bruder und der kleineren Schwester werden. Doch bevor es soweit war, lernte Wolfgang Neus zukünftiger Vater erst einmal Drucker in Lübeck, ging auf Wanderschaft, wie sich das damals noch für einen Gesellen gehörte und brachte schließlich seine Frau – Wolfgang Neus Mutter – aus Warnemünde mit nach Grevesmühlen.

Zweiter Weltkrieg und DDR

Der Zweite Weltkrieg hatte zwar keine großen Auswirkungen auf Grevesmühlen – zumindest fielen weitestgehend keine Bomben, außer am Bahnhof und am Wasserturm, auf dem ein Flakgeschütz stand. „Wir haben als Kinder nicht allzu viel vom Krieg mitbekommen, außer manchmal Alarm und den schwarzen Rauch aus Hamburg von weitem“, sagt Wolfgang Neu. Doch sein Vater kämpfte natürlich in der Wehrmacht – und er kam erst 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Der Großvater hatte aufgrund seines Alters nicht mehr mitkämpfen müssen – und mithilfe seines russisch sprechenden Bruders Karl, der schon lange aus Russland zurückgekehrt war und in der Druckerei seines Bruders mitarbeitete, gelang es nach Kriegsende, von den Russen wieder eine Lizenz für den Betrieb zu erhalten.

„Kleine Druckereibetriebe wurden gebraucht“, sagt Wolfgang Neu. „Mein Großvater wurde zwar von den Russen überwacht, damit nicht irgendetwas gegen die Russen gedruckt wird, aber sie konnten arbeiten“, erzählt er. In der DDR gab es insgesamt 28 kleine Druckereibetriebe in den drei Nordbezirken, sagt Neu. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft arbeitete Wolfgang Neus Vater selbstverständlich wieder im Familienunternehmen mit.

„Eigentlich hatte mein Bruder mit einsteigen sollen“, erzählt Wolfgang Neu. „Wenn es nach dem Willen meines Großvaters gegangen wäre. Ich sollte Buchbinder werden.“ Doch dann änderte sich alles.

Wolfgang Neus Bruder bekam Ärger im Gymnasium und musste Grevesmühlen verlassen. Er beendete sein Abitur im Westen und studierte dort Medizin, unter anderem in Freiburg. Wolfgang Neu machte eine Ausbildung zum Drucker, die 1957 endete, und stieg mit ins Familienunternehmen ein. Die Neus waren in der DDR gut im Geschäft, sogar Werbung, die in den D-Zügen hing, lief aus ihren Maschinen.

Die Wende

Dem Ende der DDR folgte bekanntlich ein paar Jahre später der digitale Wandel. Ein Pfad, dem Wolfgang Neu, der nie geheiratet und keine Kinder hat, nicht folgen wollte. Die Kinder seines Bruders sind mal gekommen, um sich die alte Familiendruckerei anzuschauen. Doch wirkliches Interesse hatten sie nicht daran. Solange Wolfgang Neu weiterarbeiten kann und will, wird er das tun. Von den Schätzen, die sich in seinem Besitz befinden, den alten Maschinen, Setzkästen, wird vermutlich das meiste – hoffentlich – einmal in einem Museum landen.

Annett Meinke

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