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Ein (All-)Tag auf der Intensivstation

Grevesmühlen Ein (All-)Tag auf der Intensivstation

Die Ärzte und Schwestern im DRK-Krankenhaus in Grevesmühlen (Nordwestmecklenburg) gewähren einen Einblick in ihre Arbeit. Entstanden ist eine Reportage, die zeigt, dass Freude aber auch Leid die täglichen Begleiter sind.

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Chefärztin Dr. Ursula George (l.) legt der im Koma liegenden Patientin in der Leiste einen Arterienzugang. Die leitende Stationsschwester Silke Schulz assistiert.

Quelle: Franke, Jana

Grevesmühlen. Die drei Angehörigen stehen vor dem Bett der im Koma liegenden Patientin – zwei in einigem Abstand, ein Dritter streicht der 67-Jährigen liebevoll über die grauen Haare. Aller Blicke wandern zwischen der schlafenden Frau und den Überwachungsgeräten hin und her. Mal piept es hier, mal dort. Erst vor wenigen Stunden hat Dr. Ursula George, Chefärztin auf der Intensivstation, die krebs- und rheumakranke Frau mit Atemnot in Narkose gelegt, nachdem sie zwei Tage auf der Inneren lag – ein Schock für die Angehörigen. Niemand hatte mit solch einem dramatischen Verlauf gerechnet.

DCX-Bild

Die Ärzte und Schwestern im DRK-Krankenhaus in Grevesmühlen (Nordwestmecklenburg) gewähren einen Einblick in ihre Arbeit. Entstanden ist eine Reportage, die zeigt, dass Freude aber auch Leid die täglichen Begleiter sind.

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Sie erfahren, dass in wenigen Augenblicken ein medizinischer Eingriff an ihr geplant ist. Dr. Ursula George wird der Patientin über die Arterie in der Leiste einen speziellen Katheter einführen, über den direkt der Blutdruck gemessen wird. Das sei genauer als die Messung mit der herkömmlichen Manschette am Arm, erklärt die Ärztin, nachdem sie sich aus dem Patientenzimmer zurückgezogen hat. Die 56-Jährige lässt den Angehörigen bis zur kleinen Operation die Zeit mit der kranken Frau.

Sechs Betten auf Station

Sie setzt sich an den Tresen in der Mitte des Flures der Intensivstation. Die Winterdekoration sorgt für ein wenig Gemütlichkeit auf der ansonsten von vielen medizinischen Geräten bestimmten Station. Es ist 10.30 Uhr. Dr. George hat schon dreieinhalb Stunden gearbeitet, bis morgen um sieben hat sie Dienst, 9 Uhr ist Feierabend. Alle sechs Ärzte auf der Station haben 24-Stunden-Bereitschaften, die zwölf Schwestern arbeiten im Früh-, Spät- und Nachtdienst. Am Tresen nehmen viele Computerbildschirme Platz ein; darunter die zentrale Überwachungsanlage, mit der viele Kurven der Patienten auf einem Blick angezeigt werden. Von ihrem Platz aus hat die Chefärztin einen guten Blick auf alle Zimmer. Die Station zählt sechs Betten – zwei Einzel- und ein Vierbettzimmer. „In naher Zukunft ist ein Umbau geplant, damit sich die räumliche Situation etwas entspannt“, freut sie sich.

Im ersten Zimmer liegt eine 77-Jährige, die nach einem Becken- und Oberarmbruch, Magenbluten und Herzversagen intensiv betreut wird. Aus ihrem Körper ragen mehrere Schläuche. Sie sitzt aufrecht in ihrem Bett und blickt angestrengt auf ihren Besuch – die Physiotherapeutin Doris Wagner. „Das Bein halten“, sagt sie zu der Rentnerin und stützt den Hacken ein wenig ab. Mehrere Übungen folgen, dann legt sich die kranke Grevesmühlenerin erschöpft zurück. Ihr Körper signalisiert: Es ist Zeit für eine kleine Pause.

Über den Flur hallt das Klingeln des Telefons. Schwester Doris Florian nimmt das Gespräch am Tresen entgegen. Es ist die Schwester eines Patienten, der bereits seit mehreren Stunden im Operationssaal ist und im zweiten Einzelzimmer der Intensivstation Ruhe finden soll. Gegen Mittag werde er erwartet, erklärt die 60-Jährige der Angehörigen. Ein paar nette Worte, sie solle sich keine Sorgen machen und um 14 Uhr noch einmal anrufen, und das Gespräch ist beendet.

„Ich kann nicht mitsterben“

An der zentralen Überwachungsanlage erklingen Warntöne. „Das ist die reinste Piepshow“, sagt Doris Florian schmunzelnd und saust davon. Eine Patientin im Vierbettzimmer hat sich versehentlich das Messgerät, das für die Bestimmung der Sauerstoffsättigung im Blut zuständig ist, vom Zeigefinger gestreift. Die leitende Stationsschwester Silke Schulz ist bereits vor Ort. „Na meine Gut'ste, was ist passiert“, sagt sie zu der Patientin. „Ja, ja, es ist alles nicht so einfach, wenn man es doppelt nimmt“, erwidert die – trotz ihrer Situation immer einen Scherz auf den Lippen. „Ich bin öfter hier“, erzählt sie. „Aber sie lässt sich nicht unterkriegen“, sagt Silke Schulz lächelnd.

Unterkriegen lässt auch sie selbst sich nicht. „Ich hatte plötzlich Probleme mit Gestorbenen und Sterbenden, nachdem ich ausgelernt hatte“, erinnert sich Silke Schulz. „Ich wollte aufhören!“ Dann verstarb ihr Vater mit jungen 50 Jahren. „Dann ist das wohl so im Leben. Da muss man durch“, wiederholt die Santowerin laut ihre damaligen Gedanken. Sie blieb im Job, hat ihre persönliche Strategie entwickelt. „Ich kann nicht mit jedem mitsterben!“ Kalt lässt sie der Tod nicht, sie habe aber gelernt damit umzugehen.

Die meisten Patienten würden genesen und die Intensivstation wieder verlassen, sagt sie. „Namen kann ich mir nicht merken, aber Gesichter.“ Und so erblickt sie auch mal den einen oder anderen Patienten privat beim Einkaufen oder in der Stadt. „Das ist dann doppelt schön, wenn ich sehe, dass es ihnen besser geht“, meint sie. Es piept. Dann wieder und wieder. Erneut ist es die Patienten mit dem Messgerät am Finger. Die Schwestern bleiben ruhig. „Wenn man das Geräusch im Garten beim Rasenmähen hört, dann ist es wirklich Zeit für ein paar freie Tage“, scherzt Silke Schulz und geht zur Patientin.

Betreut werden auf der Intensivstationen vor allem Patienten nach schweren Operationen und mit septischen oder schwerwiegenden Erkrankungen wie schwere Lungenentzündungen. Die meisten können die Station nach einigen Tagen verlassen, einige liegen auch mal vier bis sechs Wochen hier.

Das Hoffen auf Nachwuchs

Die Angehörigen der im Koma liegenden Patientin haben die Intensivstation verlassen. Sie sitzen im Besucherbereich am Eingang des Krankenhauses und warten auf den Ausgang des medizinischen Eingriffs. Dr. Ursula George streift sich die OP-Mütze und Handschuhe über. „So, jetzt wird es ein wenig kalt“, sagt sie zur Patienten, die kontinuierlich Schlafmedikamente gespritzt bekommt. Gespräche mit Komapatienten seien wichtig, erklärt die Ärztin. Vor allem die Zuwendung der Familie. „Das gibt den Patienten Sicherheit, im Unterbewusstsein bekommen sie das mit.“ Mit einem Ultraschallgerät sucht sie die Arterie in der Leiste, tupft der Patienten die gelbe Desinfektionslösung auf die Stelle und führt nach einem kleinen Schnitt den Katheter in die Arterie.

Mittagszeit. Heute gibt es für die Patienten Milchsuppe mit Nudeln aus dem Trinkbecher, die Koma-Patientin, die den Eingriff gut überstanden hat, wird über einen Tropf ernährt. Es wird etwas ruhiger auf der Station. Zeit, um Materialien in den Schränken aufzufüllen und über die Zukunftswünsche zu sinnieren. „Ich bin 52 Jahre und die jüngste Fachschwester im Haus. Wir können nur hoffen, dass sich die Jugend in diese Richtung weiterqualifiziert“, sagt Silke Schulz. In die Medizin will auf jeden Fall Ole Wendland. Der 19-Jährige aus Klütz absolviert gerade ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) auf der Intensivstation. „Ich kann mir nicht vorstellen, später einen Büro-Job auszuüben. Ich möchte Medizin studieren, vielleicht in Rostock oder Greifswald“, sagt der Sohn zweier Ärzte. „Er macht sich gut hier“, lobt Silke Schulz.

Es ist halb zwei. Beide haben gleich Feierabend. Die leitende Stationsschwester nutzt die Zeit, um die im Koma liegende Patientin neu zu lagern, damit keine Druckstellen entstehen. Auch die Zähne werden noch geputzt, die Zahnpasta mit einem speziellen Sauger entfernt. Die Patientin schläft friedlich. Wann sie aus dem Koma geholt wird, wird nach ihrem Gesundheitszustand entschieden. Bessert der sich, wird das Spritzen des Schlafmittels stufenweise umgestellt. Ein bis zwei Tage dauert es dann, bis sie wieder wach ist – und sie die liebevollen Streicheleinheiten ihrer Angehörigen über das graue Haar bei vollem Bewusstsein erleben kann.

Jana Franke

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