Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Grevesmühlen Von Nordwestmecklenburg nach Alabama
Mecklenburg Grevesmühlen Von Nordwestmecklenburg nach Alabama
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:06 11.02.2019
Jan Piontek stammt aus Gadebusch, hat in Grevesmühlen Abitur gemacht und ist nun in den USA tätig Quelle: Michael Prochnow
Gadebusch/Alabama

Farmer in Australien, Hundeschlitten-Trainer in der Schweiz, oder Elektroingenieur in den USA. Viele junge Leute aus Nordwestmecklenburg hat es in die Welt verschlagen. Doch der Kontakt bleibt dank der sozialen Netzwerke. Einer, der auf diese Weise mit Freunden und Bekannten in Verbindung geblieben ist, ist Jan Piontek. Der 33-Jährige berichtet im Interview von seinem Werdegang und seinen Wurzeln, von seinem Abitur auf Umwegen und was der größte Unterschied ist zwischen der Arbeit als ehrenamtlicher Feuerwehrmann in Deutschland und den USA.

Wo sind Sie geboren und aufgewachsen?

Geboren bin ich 1985 in Grevesmühlen aber aufgewachsen in Gadebusch

Sie waren viele Jahre bei der Feuerwehr, sind Sie noch aktives Mitglied?

Leider kann man in der Feuerwehr nur aktives Mitglied sein, wenn man auch an den regelmäßigen Diensten und Einsätzen teilnehmen kann. Aufgrund der Entfernung ist dies allerdings nicht möglich. Durch den Umstand geschuldet, dass ich auch so nicht sehr häufig in Deutschland bin, war ich schon eine ganze Weile nicht mehr bei meinen Kameraden im Gerätehaus, ich halte aber ab und zu Kontakt, größtenteils über die sozialen Medien. Als Ausgleich bin ich auch hier bei der freiwilligen Feuerwehr in den Staaten, dies jedoch sehr selten und unregelmäßig aufgrund meiner arbeitstechnischen Situation

Freiwillige Feuerwehr in Deutschland und den USA

Im Prinzip ähnelt es sich dem deutschen System, jedoch etwas anders und speziell das Anforderungsprofil entspricht nicht dem in Deutschland. Jede Feuerwehr-Station ist je nach Größe mit mindestens einem hauptamtlichen Firefighter und einem Rettungsassistenten rund um die Uhr besetzt. Die Ehrenamtler unterstützen dann, werden über Smartphone alarmiert und erhalten den Einsatzort und Routenplanung direkt aufs Telefon. Die meisten Kameraden haben Ihre Einsatzkleidung zu Hause und begeben sich dann mit ihrem privatem PKW direkt zum Einsatzort. Der Hauptamtliche oder auch zwei Hauptamtliche bewegen das Feuerwehrfahrzeug zum Einsatzort. Einige Ehrenamtliche wohnen auch in der Nähe und fahren erst zum Gerätehaus. Ich wohne in einem Vorort von Birmingham, und wir haben hier zwei Feuerwehr-Fahrzeuge und einen Rettungswagen. Das Einsatzprofil ist zu 98 Prozent Rettungswagen, da wir „ungünstiger Weise“ einen Teil des ärmeren Viertels von Birmingham abdecken. Die meisten hier haben keine Krankenversicherung, und die Leute wählen dann 911 wenn sie sich schlecht fühlen und jedem Anruf muss nachgegangen werden.

Aber auch feuerwehrtechnisch sieht das Bild etwas anders aus als in Deutschland. 95 Prozent der Wohngebäude sind aus Holz gebaut. Also Holzrahmen, Gipskartonwände innen und je nachdem Kunststoff oder Klinker als Verkleidung. Diese Häuser brennen sehr schnell bis auf die Grundmauern ab. Beim Innenangriff mit Atemschutz kann dann schon mal die Badewanne vom darüber liegenden Stock direkt vor dir durch die Decke runterrauschen. Gedanken die man in Deutschland nie wirklich verschwendet, da wir ja Betondecken haben. Was mir richtig gut gefällt, ist die Anerkennung die man von der Zivilbevölkerung erhält. Kommt man zum Einsatzort darf man auch schnell beim Nachbarn auf dem Rasen parken und jeder ist dankbar für den Einsatz und den Mut egal wie verzwickt die Lage ist.

Klar gibt es auch die „Gaffer“, aber sobald Du als Feuerwehrmann oder Frau Jemandem einen „Befehl“ erteilst, wird dieser umgesetzt ohne Murren oder nörgeln, man kann einfach seinen Job machen und es wird respektiert. In Deutschland ist es mittlerweile für viele schon zur Selbstverständlichkeit geworden, dass die Feuerwehr kommt, auch wenn viele vergessen das wir in MV nur sechs hauptamtliche und mehr als 1300 ehrenamtliche Wehren haben. Was mich ganz speziell immer richtig stört in Deutschland, dass die Freiwillige Feuerwehr immer zum „Säuferklub“ degradiert wird. Dem ist hier Gott sei Dank nicht so! Auch wie bei uns gibt es bestimmte Mindestausbildungen die man absolvieren muss, aber grundsätzlich kann jeder in der Feuerwehr Mitglied sein auch wenn man nicht Einsätze fahren möchte, übrigens wie in Deutschland auch. Ach und generell schlagen bei jedem Einsatz mindestens zwei bis drei Cops auf, jeder mit eigenem Fahrzeug zur Unterstützung etc..

Was machen Sie derzeit in den USA?

Die Kuka Deutschland GmbH betreibt in fast allen Ländern, in denen Roboter verkauft wurden und im Einsatz sind, auch Niederlassungen direkt im Land um schneller vor Ort auf Bedürfnisse reagieren zu können und auch Unterstützung zu leisten. Mein deutscher Arbeitgeber hat mich als Expat (Person, die zeitweise oder dauerhaft in einer anderen Kultur bzw. einem anderem Land lebt, Anm. d. Red.) in die amerikanische Niederlassung entsandt. Diese befindet sich für die USA in Detroit. Für mich war aber von Anfang an klar, dass es zu Mercedes-Benz nach Alabama geht

Wie sind Sie zu dieser Stelle gekommen?

Bei Kuka betreute ich die vergangenen Jahre bereits zwei Großbaustellen für die Daimler AG, unter anderem zwei Jahre in Bremen und auch sechs Monate allein in Peking. Als das Großprojekt in Alabama starten sollte, waren in der amerikanischen Niederlassung nicht genügend Techniker vorhanden, die das entsprechende Hintergrundwissen für die spezifischen Technologien mitbrachten. Darüber hinaus starteten 2017 in den USA zeitgleich drei Großbaustellen, Tesla in Kalifornien (500 Roboter), BMW in South Carolina (800 Roboter) und Mercedes in Alabama (1000 Roboter). Durch die umfangreiche Erfahrungen die ich über die Jahre mit Kuka gesammelt habe, war eine Entsendung eigentlich auch schon vorprogrammiert und mein Chef wusste, dass ich gerne auf Dienstreisen gehe.

Abitur auf Umwegen

Nachdem ich das Abitur in Gadebusch aufgrund meiner mangelnden Leistungen abbrechen musste, habe ich mich 2005 für eine Ausbildung zum „Elektroniker für Betriebstechnik“ bei Egger in Wismar entschieden. Weil damals keine Lehrstellen für Automatisierungstechnik in der näheren Umgebung zu Wismar angeboten wurden, hatte ich mich mit dem Betrieb darauf geeinigt, dass innerbetrieblich viel Automatisierungstechnik „gelehrt“ wird und offiziell in der Berufsschule dann die offizielle Bezeichnung „Elektroniker für Betriebstechnik“. Die Ausbildung und auch das Berufsfeld machten mir sehr viel Spaß und so hielt ich bereits Ausschau, wie es nach der Ausbildung weiter gehen konnte. Aber ohne Abitur waren die Möglichkeiten begrenzt. In MV gibt es das „Abitur für Nichtschüler“. Es folgte der Antrag beim Bildungsministeriumg in Schwerin im Oktober 2007. Ein paar Wochen später wurde der Antrag genehmigt. Im Winter 2007/2008 hielt dann der „Lernmarathon“ bei uns zu Hause Einzug. Ich hatte damals das Glück, dass sich mein Bruder auch auf die Abiturprüfungen vorbereiten musste, somit lernten wir gemeinsam und mein Bruder erklärte mir all die Themen, die ich nach meinem Schulabbruch 2005 „verpasst“ hatte. Tagsüber arbeiten in Wismar oder eben Berufschule, abends zu Hause pauken. April 2008 war es dann soweit, die schriftlichen Prüfungen standen an, bevor die mündlichen beginnen, und ich fuhr nach Grevesmühlen zum „Gymnasium am Tannenberg“.

Ich erhielt damals viel Unterstützung, Egger stellte mich die zwei Wochen vor den Prüfungen und für die Prüfungstage bezahlt frei und die Unterstützung der Lehrer am Gymnasium sucht wahrscheinlich heute noch seinesgleichen, damals noch unter der Leitung von Ute Debold. Nach vier schriftlichen und vier mündlichen Prüfungen waren die Abiturprüfungen im Sommer 2008 erfolgreich bestanden. Im Frühjahr 2009 schloss ich dann auch meine dreieinhalbjährige Berufsausbildung erfolgreich ab.

Im Herbst 2009 erhielt ich eine Zusage der Fachhochschule Leipzig, dass ich zum Studiengang „Informationstechnik und Automatisierungssysteme“ zugelassen wurde. 2012 schloss ich dann auch das Studium nach drei Jahren erfolgreich mit dem „Bachelor of Engineering“ ab. Nach dem Studium hatte ich dann sofort eine Jobzusage von Kuka (damals Kuka Roboter GmbH) bekommen.

Wie halten sie den Kontakt in die alte Heimat?

Eigentlich nur über Textnachrichten und Skype mit der Familie, das klassische eben, WhatsApp und Messenger. Im Dezember ist es zur Tradition geworden das sich die engsten meiner ehemaligen Studienkollegen und Freunde immer auf dem Weihnachtsmarkt in Leipzig treffen. Bisher musste ich dies auch nie ausfallen lassen.

 Was ist der größte Unterschied zwischen Deutschland und den USA?

Die Menschen sind hier drüben gelassener, freundlicher und auch hilfsbereit, klar gibt es auch Ausnahmen, aber im Vergleich zu uns Norddeutschen merkt man den Unterschied sofort. Das Erste, was einem fehlt, ist die gute deutsche Küche aber auch so ist das Leben hier einfach anders. Es fängt schon damit an, das hier generell wenig Wert auf Effizienz gelegt wird. Häuser sind in Alabama kaum bis gar nicht isoliert. Da wird im Winter eben etwas mehr geheizt und im Sommer läuft die Klimaanlage eben länger. Das Klima ist natürlich anders als in Nordwestmecklenburg. Im Sommer werden es mindestens 35G rad im Schatten, aber auch die Winter sind sehr kalt, nachts sind immer unter null Grad. Mir gefällt es, ich war schon immer sehr für Sommer zu haben. Wenn ich gerade die News in Deutschland verfolge mit Diesel und Feinstaub etc. da kann ich immer nur lächeln und frage mich manchmal auch, ob wir in Deutschland nicht etwas übertreiben.

Wie meinen Sie das?

Dieselautos sind in den USA generell schwer zu finden, hier wird Benzin gefahren und bis auf ein paar wenige Ausnahmen fahren alle mindestens 3,6 Liter Hubraum V6. Ich selbst fahre hier einen VW Passat mit einem Zwei-Liter-Motor und vier Zylindern, ich werde ständig belächelt, aber das Auto passt eben in mein Budget und ist nicht finanziert. Wobei wir dann auch beim Thema wären, finanzieren! Die Amerikaner lieben es, alles zu finanzieren. So ist es nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der Menschen von Zahltag zu Zahltag lebt.

Wie kann man sich das vorstellen?

Wir werden hier drüben jeden zweiten Freitag bezahlt, nicht einmal im Monat, viele würden es sonst nicht schaffen, weil das Geld vorher alle ist. Meine Arbeitsbelastung ist sehr hoch und auch die Komplexität der Aufgaben variiert sehr stark. Ein Arbeitszeitgesetz gibt es in den USA nicht. Meine durchschnittliche Arbeitswoche hat 51,5 Stunden. Gerade als ich auch für vier Wochen zu Tesla nach Kalifornien musste waren 65 Stunden keine Seltenheit. Ich glaube ich war 31 Tage dort und hatte zwei Sonntage frei.

Ein Blick in die Zukunft: Irgendwann wieder zurück in die alte Heimat oder noch weiter um die Welt?

Ich denke für eine Weile werde ich noch reisen aber dann später gerne wieder in die Heimat zurückkommen. Da muss ich doch auch ehrlich sein und sagen, dass die gut bezahlten Jobs in Nordwestmecklenburg eben doch begrenzt sind, von daher erst einmal noch nicht, es sei denn, Mercedes überlegt sich dort ein Werk zu eröffnen.

Wenn sie den Koffer packen für die nächste Reise zum Job, was muss unbedingt mit den in den Koffer, was es drüben nicht gibt?

Meine Eltern werden jetzt lachen, denn Sie kennen das Bild allzu gut: Deutsches Bier! Ich habe je nach Airline mit zwei bis drei Koffern „frei“, einer ist bei meiner Abreise von Deutschland immer mit Bier, Schnaps und Schokolade gefüllt. Auch meine Kollegen, die schon einmal in Deutschland waren, fragen immer, ob ich nicht deutsches Bier mitbringen kann und „Berliner Luft“ ist auch gerade ein Renner! Leider darf man kein Brot mitnehmen, dass vermisse ich auch sehr!

Wie kann man sich Ihre Arbeit Vorort vorstellen?

Ich betreue beim Kunden den technischen Support. Mercedes nutzt bereits seit das Werk vor 20 Jahren hier in Alabama gestartet ist rund 800 Roboter, 2012 kamen dann noch einmal 500 neuere dazu. Für das neue Projekt welches Anfang 2017 startete kamen noch einmal 1000 Roboter der neuen Kuka Quantec Generation dazu. Damit baut Mercedes die Rohkarosse, die anschließend dann in die Lackierstraße geliefert wird. Alles was dabei die Robotertechnik betrifft, fällt in meine Zuständigkeit. Unterstützung der eigenen Wartungs-, Instandhaltungsabteilung und Ingenieursabteilung bei Arbeitsumfängen oder Wartungsplanungen, aber auch „Notfalleinsätze“ wenn die Produktion aufgrund einer Roboterstörung ausfällt. Desweiteren werde ich auch zu softwaretechnischen Problem hinzugerufen, wenn beispielsweise bestimmte Technologien Probleme bereiten. Und bei knapp 2300 Robotern gibt es garantiert jeden Tag immer etwas zu tun.

 

Michael Prochnow

Ein Pflegekind aufzunehmen ist etwas Besonderes. Pflegeeltern leisten viel – und müssen immer eng mit den leiblichen Eltern des Pflegekindes und dem Jugendamt zusammenarbeiten.

11.02.2019

Rund 60 000 Besucher zählt das Open Air Theater in Grevesmühlen pro Saison, dass es noch mehr werden, dafür haben die Darsteller jetzt in Hamburg geworben.

11.02.2019

Die Gemeinde Kalkhorst will Funklöcher schließen. Der Antrag eines Mobilfunkanbieters, einen Funkmast aufzustellen hilft dabei aber nicht. Eine Firma soll nun sinnvolle Standorte für Antennen finden.

11.02.2019