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Gedenken an Arno Esch

Schönberg Gedenken an Arno Esch

Der Schönberger wurde 1951 in Moskau hingerichtet / Er würde jetzt seinen 90. Geburtstag begehen

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Gedenkveranstaltung für Arno Esch

Verewigt als Straßenname in Schönberg: Arno Esch. Am kommenden Dienstag hätte er seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Quelle: Foto: Jürgen Lenz

Schönberg. Er ist der Einzige, nach dem die Stadt Schönberg seit der Wende eine Straße benannt hat: Arno Esch, liberaldemokratischer Student, politisch verfolgt, 1951 in Moskau hingerichtet. Am kommenden Dienstag hätte er seinen 90. Geburtstag gefeiert. Der Jahrestag ist für das Volkskundemuseum in Schönberg Anlass, nicht nur an das Leben und die Ideen von Arno Esch zu erinnern, sondern auch seiner Mutter Emma Esch zu gedenken, die in Schönberg lebte und vom SED-Staat verfolgt wurde. „Pastor im Ruhestand Dietrich Voß wird vom Leben und Werk Arno Eschs und vom Schicksal seiner Mutter berichten“, kündigt das Museum die besondere Geburtstagsveranstaltung mit Vortrag und der Möglichkeit zu Gesprächen an. Beginn: am 6. Februar um 19 Uhr im Koch’schen Haus, Am Markt 1.

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Der Schönberger wurde 1951 in Moskau hingerichtet / Er würde jetzt seinen 90. Geburtstag begehen

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„Wie schwer muss es für diese Mutter gewesen sein, zu wissen: Mein Sohn ist tot, aber aus Angst vor Sicherheitsorganen nicht offen mit Freundinnen und Bekannten darüber sprechen und gemeinsam um den Sohn trauern zu können.“ Mit diesem Satz endet der „Bericht über das Schicksal von Frau Emma Esch, geborene Seidler, nach der Verhaftung ihres Sohnes Arno Esch.“ Dietrich Voß erarbeitete den Bericht anhand von Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Aus ihnen geht hervor, dass die Schönbergerin von einem Mitbürger denunziert wurde. Der Schönberger schrieb 1958 an das MfS: „Frau Esch arbeitet für die Zentrale in Westberlin (höchstwahrscheinlich freiheitliche Juristen) und steht laufend mit dort in Verbindung. Sie dürfte also zu einer Spionageorganisation hingehören.“ Als Begründung für diese Denunziation gab der Schönberger an, seine Frau habe von einer Frau gehört, diese habe mit der besten Freundin von Emma Esch gesprochen und dabei von einer Tätigkeit für „die Zentrale in Westberlin“ gehört. Auf der Grundlage dieser Angaben setzte das MfS zwei weitere Inoffizielle Mitarbeiter auf Emma Esch an. Sie hatte das letzte Lebenszeichen ihres Sohnes im Oktober 1949 erhalten, kurz vor seiner Verhaftung. Danach versuchte sie immer wieder, etwas über seinen Verbleib zu erfahren. Doch auf ihre zahlreichen Nachfragen erhielt sie in der DDR keine Antwort. 1951 schreibt ein Generalstaatsanwalt über Emma Esch: „Sie ist auf meiner Dienststelle erneut eingehend darüber belehrt worden, dass sie mit ihren auf eigene Faust angestellten Ermittlungen Nachrichtenmaterial sammelt und dem imperialistischen Nachrichtendienst in die Hände spielt.“ 1957 gibt ein mit dem Fall der Mutter beauftragter Leutnant an, sie stehe „in brieflicher Verbindung mit der Agentin des Amtes für Gesamtdeutsche Studentenfragen“. Zwei Jahre später schreibt ein Mitarbeiter der MfS-Kreisdienststelle Grevesmühlen: „Das Ziel der weiteren Bearbeitung des Vorgangs ist es, den Vorgang im Mai oder Juni 1959 mit einer Festnahme abzuschließen.“ Das MfS gab dem Vorgang den Decknamen „Ratte“.

Dietrich Voß fand in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit auch einen Vermerk darüber, dass Mitarbeiter des MfS am 13. Mai 1959 auf Befehl des Leiters der Bezirksverwaltung in Rostock die Wohnung von Emma Esch in Schönberg durchsuchten, „weil Gefahr in Verzug war.“ Danach musste die Schönbergerin in der Dienststelle in Grevesmühlen unterschreiben, „dass gegen mich vonseiten der Organe des MfS wegen dringenden Verdachts eines Verbrechens ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist.“ Laut Vernehmungsprotokoll gab die Schönberger an, sie habe „einen Brief von einem Herrn Wiese aus Bonn erhalten. Der Brief war an mich gerichtet und beinhaltete, dass mein Sohn zum Tode verurteilt worden war und nach der Sowjetunion gebracht wurde. Wiese teilte mit, dass er gemeinsam mit meinem Sohn inhaftiert und verurteilt wurde und später begnadigt und entlassen wurde.“ Friedrich Wiese war ein Studienkollege und Freund von Arno Esch.

1959 verneint seine Mutter die Fragen nach einer nachrichtendienstlichen Tätigkeit für Organisationen in der Bundesrepublik. Laut Protokoll des MfS soll sie zum Ausdruck gebracht haben, „dass die Zusammenarbeit mit uns sie belastet.“ Gegen Ende des Abschlussberichtes zum Vorgang „Ratte“ schreibt das Ministerium für Staatssicherheit: „Frau Esch muss noch in ideologischer Hinsicht von uns aufgeklärt werden.“

Dietrich Voß erklärt in seinem Beitrag, den der Heimatbund für das Fürstentum Ratzeburg veröffentlicht hat: „Sogar über ihr Wissen vom Tod ihres Sohnes hat sie nicht gesprochen. Wir wissen heute nämlich, dass sie durch Verwandte, die in der Bundesrepublik wohnten, bereits 1961 darüber informiert wurde.“ Emma Esch lebte bis 1985. Sie wurde auf dem Schönberger Friedhof bestattet.

Ihr Sohn Arno erblickte am 6. Februar 1928 in Memel das Licht der Welt. 1944 flüchtete die Familie nach Mecklenburg. Arno Esch lebte einige Zeit in Schönberg, ging später in Grevesmühlen zur Schule, begann 1946 ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Rostock, wurde Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei. Er setzte sich für freiheitliche Ideen und Pazifismus ein. Damit geriet er ins Visier der Machthaber. Sie ließen ihn und 13 weitere junge LDP-Mitglieder verhaften. 1950 verurteilte ihn ein sowjetisches Militärtribunal in Schwerin wegen angeblicher Spionage und Bildung einer konterrevolutionären Organisation zum Tode. 1951 bestätigte ein Gericht in Moskau das Urteil. Arno Esch wurde 22 Jahre alt. 1991 rehabilitierte ihn das Militärkollegium des Obersten Gerichtshofs der Sowjetunion. Die Friedrich-Naumann-Stiftung unterstützt die Gedenkveranstaltung in Schönberg. Die Cellistin Karin Liersch begleitet den Vortrags- und Gesprächsabend musikalisch.

Drei Straßen wurden nach Arno Esch benannt

Drei Städte haben Straßen nach Arno Esch benannt: Schönberg, Schwerin und Rostock.

Die Universität Rostock benannte 2011 ein neues Hörsaalgebäude nach Arno Esch.

Schüler des Gymnasiums „Am Tannenberg“ in Grevesmühlen recherchierten zum Fall Arno Esch, besuchten das Dokumentationszentrum für die Opfer deutscher Diktaturen in Schwerin und sprachen mit Zeitzeugen.

Eine Arno-Esch-Stiftung gründete sich 1993 als parteinahe Stiftung der FDP Mecklenburg-Vorpommern. Ihr erklärtes Ziel: politische Bildungsarbeit auf liberaler Grundlage.

Der Verband Liberaler Akademiker mit Sitz in Berlin verleiht alle zwei Jahre einen Arno-Esch-Preis an Studenten sowie Studenteninitiativen und -verbände.

Ein Aktenfund gab 2013 der Erforschung von Leben und Wirken Arno Eschs neuen Auftrieb. „Es ist eine wissenschaftliche Sensation“, sagte der Rostocker Historiker Fred Mrotzek von der Forschungs- und Dokumentationsstätte des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur Geschichte der Diktaturen in Deutschland über die umfangreichen Dokumente des sowjetischen Geheimdienstes. In ihnen sind auch Verhöre protokolliert.

Ein Promotionsstipendium , das nach Arno Esch benannt wurde, vergibt die Forschungs- und Dokumentationsstätte seit 2016 alljährlich.

Jürgen Lenz

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