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Wismar Gedient, entrechtet und ermordet

Ausstellung beleuchtet Schicksale von Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus

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Zwei Jahre haben die Schülerinnen der Europaschule Rövershagen Biografien, Fotos und Informationen für die Ausstellung zusammengetragen. Fotos (3): Nicole Buchmann

Wismar. „Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus“ heißt eine Ausstellung, die seit Mittwoch in der Gerichtslaube im Rathaus der Hansestadt zu sehen ist. Sie erzählt von Menschen wie Anton Reinhardt. Fast zwei Meter groß, hat die Wehrmacht keine passende Uniform für den Hünen. Reinhardt lässt sich vom letzten Geld eine schneidern. Kämpft in Polen und Frankreich an der Front, kommt verwundet nach Ulm in eine Schreibstube. 1942 reißen ihm Männer vom Sicherheitsdienst alles von der Uniform – Rangzeichen, Orden, Verwundetenabzeichen. Er erhält einen Marschbefehl, muss die Uniform binnen 24 Stunden zurückschicken. Reinhardt wird zur Arbeit in einer Munitionfabrik verpflichtet, bevor er mit seiner hochschwangeren Frau und drei Kindern ins Konzentrationslager nach Auschwitz deportiert wird, wo die Familie später zu Tode kommt. Eine halbe Million Sinti und Roma fielen dem Holocaust zum Opfer, 23 000 allein in Auschwitz.

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Ausstellung beleuchtet Schicksale von Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus

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Die Ausstellung haben Schülerinnen der Europaschule Rövershagen im Landkreis Rostock erarbeitet – Kurzbiografien, Fotos, Lebensgeschichten zusammengetragen. „Ich freue mich immer auf die zwei Stunden mittwochs“, erzählt Martha Schuldt bei der Eröffnung. Auf einer Reise mit der Arbeitsgemeinschaft Kriegsgräber nach Rumänien habe sie Sinti und Roma kennengelernt. „Sie sind Fremden gegenüber aufgeschlossen. Und sie wirken, als hätten sie mehr Spaß im Leben – vielleicht, weil sie an nichts gebunden sind“, sagt die 18-Jährige.

Gerd Giese von der Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine“ in Wismar erinnert sich noch gut daran, als Ende der 50er-Jahre die Pferdewagen nach Gägelow kamen. Im Kreis aufgestellt, wurden sie zu einem Zirkus. Der Junge von damals sucht den Kontakt zu den mitreisenden Kindern. „Das sind Zigeuner“, hätten die Erwachsenen damals gesagt. Und so mancher habe die Wäsche von der Leine genommen.

Parallelen zu heute sehen die Jugendlichen auch. Alles, was anders sei, werde erst einmal auf Abstand gehalten, sagt Martha Schuldt.

Bei den Recherchen für die Ausstellung, erzählt Lehrerin Petra Klawitter, seien sie auf eine Frau aus Mecklenburg-Vorpommern gestoßen. „Wir haben telefoniert, und sie hat uns viel erzählt. An die Schule kommen aber wollte sie nicht – die Nachbarn wüssten nicht, dass sie zu den Sinti und Roma gehöre. Sie wollte nicht, dass das öffentlich wird.“

Die Jugendlichen erzählen von der Abschiebung der Sinti und Roma aus Frankreich. Im Jahr 2010 hatte der damalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy verfügt, dass rund 1000 Menschen Frankreich zu verlassen hätten. Sie erzählen von einem Brief an den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, in dem sie ihn darum bitten, sich dafür einzusetzen, dass „Zigeunerschnitzel“ von den Speisekarten, „Zigeunersauce“ aus den Supermarktregalen verschwindet. Das sei Aufgabe der Jugendlichen, lautete die Antwort.

Sinti und Roma

In Deutschland leben Sinti und Roma seit mehr als 600 Jahren.

Schätzungen zufolge sind es derzeit rund 70 000 Menschen.

Erstmals urkundlich erwähnt wurden sie in Deutschland 1407 in Hildesheim.

Sie standen als Angehörige einer Minderheit unter dem Schutz der Obrigkeit, die ihnen Schutzbriefe ausstellte.

Mit Beginn des ausgehenden 15. Jahrhunderts wurden sie zunehmend verfolgt und unterdrückt.

Die Ausstellung in der Gerichtslaube im Wismarer Rathaus ist bis zum 14. November zu sehen, montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr.

Nicole Buchmann

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