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Gostorf Immer auf dem Sprung mit der Hand an der Kamera

Karl-Ernst „Kolle“ Schmidt wird heute 75 Jahre / Der Mittsiebziger ist als Fotograf immer noch für die OZ unterwegs und denkt nicht ans Aufhören

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Karl-Ernst Schmidt hat nicht nur mit Bildern Geschichte festgehalten, er kann auch die Entwicklung der Fototechnik belegen.

Quelle: Cornelia Roxin

Gostorf. Karl-Ernst Schmidt wird heute 75 Jahre. Einen Großteil dieser Zeit hat Kolle, wie ihn gleichaltrige Weggefährten nennen und die das Kalle der Jüngeren gar nicht gern hören, mit Fotoapparat in der Hand verbracht. Auch für die OZ. „Dat is Kolle“, heißt es.

OZ-Bild

Karl-Ernst „Kolle“ Schmidt wird heute 75 Jahre / Der Mittsiebziger ist als Fotograf immer noch für die OZ unterwegs und denkt nicht ans Aufhören

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Kolle Schmidt und sein Fotoapparat, Brände und Unfälle . . . er und die OZ gehören zusammen. Deshalb mussten wir hierher.“ Hannelore (76) und Peter Krull (75), Grevesmühlen, während Kolles zweiter Fotoschau im Pressehaus Grevesmühlen

Er war schon als junger Mann immer hilfsbereit und liebenswert, war überall gern gesehen und hat sich diese Eigenschaften bis heute erhalten.“ Ursula Klafke (84) aus Grevesmühlen, sie hat Jahrzehnte für die OZ gearbeitet

Er ist ein Urgestein mit Fotoapparat und immer und überall dabei. Für einen lockeren Schnack up Platt ist er auch immer zu haben – ein angenehmer Mensch.“ Peter Koth (68), Bürgermeister Gemeinde Stepenitztal, zu der Gostorf gehört

Der inzwischen Grauhaarige sitzt draußen im Grünen bei sich zu Hause in Gostorf, wo er seit drei Jahren lebt. Er genießt unter einem offenen Pavillon die frische Luft. „Mi geiht dat gaud, ick sit hier in’n Gorden . . .“, schiebt er auf Platt hinterher. Ob die vermeintliche Gelassenheit, die er ausstrahlt, wirklich von ihm Besitz ergriffen hat, lässt sich nicht zweifelsfrei klären.

Wer ihn kennt, weiß, er ist einsatzbereit. Immer. Auch jetzt als Mittsiebziger. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Zur Feuerwehr hat er permanent Kontakt, ist nicht selten eher am Brandherd als die Einsatzkräfte. Auch mal ohne Socken . . . im Winter.

Aufhören mit 75? „Nie! Macht doch immer noch Spaß“, sagt er mit diesem breiten Grinsen, das diebische Freude verrät. Und obwohl er erst nichts hervorheben will, nennt er doch Erlebtes, Historisches neben Aktuellem: „Die Brände. Der Speicher am Grevesmühlener Bahnhof, der Recyclinghof in Neu Degtow. Seebrückenbau in Boltenhagen. Fasching in Grevesmühlen, noch unter dem Allgemeinen Deutschen Motorsport Verband.“ Dann ruft er aus: „Sport.“ Stichwort Fußball. Der Name von Günther Thrun, der in dieser Sportart Geschichte schrieb in der Region, soll stellvertretend stehen für alle die, deren Namen Kolle dann abspult. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel hat er als junge CDU-Politikerin in Boltenhagen vor der Linse gehabt.

Karl-Ernst Schmidt ist das Jüngste dreier Kinder, denen Karl und Mimi Schmidt, geborene Busch, das Leben schenkten. Sein erstes Zuhause hatte Kolle in der Wismarschen Straße 45 in Grevesmühlen. Das Haus gibt es nicht mehr. Schmidt senior muss dann auch angelastet werden, was seinen Sohn heute noch umtreibt. Der Vater nämlich arbeitete als Fotolaborant und fotografierte auch schon für die OZ. Als er später krank wurde, folgte ihm sein inzwischen in Fotoangelegenheiten ebenfalls kundiger Jüngster auf dem Fuße. Kolles Ehefrau Ursula, die alle nur Uschi nennen, ist sich sicher, dass ihr Schwiegervater sich gefreut hätte, wüsste er, wie sich alles entwickelt hat. Die 66-Jährige sagt das auch, weil Kolles Vater seinen Enkel Michael (41) nicht mehr kennenlernte. Er arbeitet heute als Redakteur für die Schweriner Volkszeitung, schreibt . . . und fotografiert. Und Urenkelin Hanna Hermine? Schreiben könne die 13-Jährige gut, sagt die Lehrerin.

Fotografieren? Kolles Enkelin schüttelt mit dem Kopf.

Währenddessen hat er seinen Spaß daran zu erzählen, wie er in den Anfangsjahren immer zu Fuß los ist. „Dann habe ich mir von meinem Cousin ein Moped ausgeliehen, wenn ich aufs Land musste.“ Später legte er sich eine „Schwalbe“ zu und hat dann Bruder Heinz dessen Motorrad abgekauft. Dass er zuvor damit auch schon unterwegs war und ihm die ES 175 einmal voller Kuhmist zurückbrachte, soll der gerade erst Verstorbene ihm immer wieder im Spaß vorgehalten haben, erzählt der Missetäter von damals in Erinnerung innehaltend und lächelt.

Genau wie die Anmeldung für den Trabi, mit dem er danach fuhr, kann Karl-Ernst Schmidt auch noch Dokumente und Urkunden in Hülle und Fülle zeigen, die sein Wirken als Fotograf und ab 1964 auch als Volkskorrespondent der OZ belegen. Das hauseigene Blatt „Impuls“, als „Mittler zwischen ehrenamtlichen Mitarbeitern, Volkskorrespondenten und der Redaktion“, charakterisiert den Mann aus Grevesmühlen im Oktober 1974 als „rührigsten Fotokorrespondenten des Grenzkreises“. Auch ein Schriftstück über die „teilweise Freistellung von der Arbeit“ für den Verkäufer bei der Firma Gabriel existiert noch. Die ausgefallene Arbeitszeit musste in voller Höhe wöchentlich nachgearbeitet werden.

Für Ursula Klafke war Kolle zu ihrer Zeit ein „Starfotograf“. Das meint die heute 84-Jährige, die Jahrzehnte als Sekretärin und in der Anzeigenannahme für die OZ arbeitete, auch wegen seiner Allgegenwärtigkeit. Es gibt wenig Leute, die Kolle Schmidt nicht kennt und die ihn nicht kennen. „Ja“, sagt Uschi Schmidt leicht genervt, „und wenn er beim Einkaufen einen Korb holen soll, kommt er erst nach einer Viertelstunde wieder, weil er jemanden getroffen hat.“ Und? „Kannst ihm ja nicht böse sein, er ist ein Gemütsmensch“, sagt die Frau, die ihm früher noch die Papierbilder auf der Wäscheleine getrocknet hat und heute die CDs mit Fotos brennt, wenn Kolle anderen verspricht: „Mach’ ich.“

Einmal aber geht nichts mehr. Das ist, als seine Frau mit ihm zum Abiball des Sohnes einen Anzug kaufen will. Sie wartet vergebens. Ihr Mann fotografiert einen schweren Verkehrsunfall bei Luisenhof. Als er seine Bilder im Kasten hat, will er zurück, kippt um. Herzinfarkt. Die Pumpe steht still. Ein Notarzt, der noch da war, rettet ihm das Leben . . . Aber jetzt muss Kolles alte Technik angeguckt werden. Die Kamera, mit der der Vater schon im II. Weltkrieg fotografierte. Den silbernen Fotokoffer, den er von seinem Freund aus dem Westen hatte. Die Stasi wollte das Teil einkassieren. Nicht ahnend, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt im Zug an Grevesmühlen vorbeifuhr, waren Kolle und Frau im Wald an der Bahnstrecke unterwegs, Tannengrün holen. Der Koffer lag im Auto und erweckte Misstrauen. Und dann die schwere Pentacon und das riesige Blitzgerät – Kolle inmitten von Kamera-Oldies . . . da greift auch Hanna Hermine zum Fotoapparat und drückt ab.

Cornelia Roxin

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