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Jeder sechste Jugendliche wird Opfer von Cyber-Mobbing

Grevesmühlen/Wismar Jeder sechste Jugendliche wird Opfer von Cyber-Mobbing

Regionale Schule in Grevesmühlen beugt mit „Webinaren“ vor

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Im Netz Beleidigungen aussprechen – das ist schnell gemacht, nicht zuletzt auch wegen der Anonymität. Opfer sollten sich Hilfe holen.

Grevesmühlen/Wismar. Alles begann mit einer Verletzung am Rücken. Das Mädchen musste ein Gips-Korsett tragen, andere Schüler begannen sie deswegen auszulachen. Sie schubsten die Zwölfjährige im Schulbus, luden ein Foto im sozialen Netzwerk Facebook hoch und bezeichneten sie als „Krüppel“. Es entwickelte sich eine Gruppendynamik. Drei Mädchen waren die Anführerinnen. Der Rest der Klasse verhielt sich passiv, stand dem verletzten Mädchen nicht bei. Einige aus Angst, auch Opfer von Beleidigungen zu werden. So zog sich das Mädchen zurück, wollte nicht mehr in die Schule. Aber auch in ihrem Zuhause fand sie keine Ruhe, auch dort gab es Internet und Telefon. Die Folge: 24 Stunden Angst vor Beleidigungen. Ihren Eltern erzählte das Mädchen viel später von den Vorfällen – erst, als sie ihnen offenbarte, dass sie die Schule wechseln möchte.

OZ-Bild

Regionale Schule in Grevesmühlen beugt mit „Webinaren“ vor

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Es ist nur ein Beispiel von Cyber-Mobbing in Mecklenburg-Vorpommern – nacherzählt von Martina Tegtmeier, die ehrenamtlich für die Opferberatung „Weißer Ring“ arbeitet. Sie weiß: Gut 16 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen geben an, dass sie schon einmal im Internet beleidigt wurden – das sind deutschlandweit zwei Millionen Schüler. Manche von ihnen hegen sogar Selbstmordgedanken.

Wegzuschieben ist das Thema nicht mehr, auch nicht in Grevesmühlen. Denn ebenso wie in Nordwestmecklenburg ist Cyber-Mobbing nicht neu, wie Doris Lobatz weiß. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin in der Regionalen Schule „Am Wasserturm“ in Grevesmühlen und erzählt von einem Fall, in dem verfälschte Fotos eines Schülers ins Netz gestellt worden waren. Das Opfer vertraute sich ihr an – und sie handelte. „Wir suchten gemeinsam das offene Gespräch mit den Tätern“, erinnert sie sich. Schnell wurde klar: Die mit einem Fotoprogramm bearbeiteten Bilder waren nur die Spitze des Eisbergs. Aber mittlerweile ist Ruhe eingekehrt, auch aufgrund mehrerer Projekttage zum Thema Mobbing und eines sogenannten Webinars, das jedes Jahr an der Schule stattfindet und von Schülern und Eltern dankend angenommen wird. Doris Lobatz: „Nach diesen Präventionsmaßnahmen sind die Fälle an der Schule weniger geworden.“ Zumindest jener, die sich der engagierten Schulsozialarbeiterin anvertrauen. Das machen längst nicht alle. „Sich Hilfe zu holen, egal bei wem, ist wichtig“, betont sie.

Jeder kann ein Mobbing-Opfer werden. Mal sind es die strebsamen Charaktere, die von anderen gehänselt werden. Andere haben ein Foto im Internet hochgeladen, auf dem sie Lockenwickler tragen oder einfach eine Grimasse ziehen. Martina Tegtmeier weiß, dass es oft die Mädchen sind, die sehr viel fiesere Mobbing-Aktionen starten als Jungen. Meist fängt es sogar schon in der Grundschule mit dem Mobben an. „In fast jeder Klasse gibt es einen Außenseiter. Werden die Kinder älter, beleidigen sie diesen nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern stellen ihre Beleidigungen ins Internet – und damit sinkt die Hemmschwelle bei den Tätern“, berichtet die Beraterin. Das bestätigt auch Doris Lobatz. „Früher gab es Beleidigungen von Angesicht zu Angesicht. Heute wird das oft übers Internet ausgetragen und andere steigen mit ein. Es entwickelt sich eine Art Gruppendynamik.“

Präventionsarbeit halten beide für wichtig. Ehrenamtliche Helfer vom Weißen Ring informierten erst kürzlich im Wismarer Wonnemar über das Thema. Der Verband hilft nicht nur Opfern körperlicher, sondern auch seelischer Gewalt. Sie raten allen Betroffenen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Sich Hilfe bei Eltern, Lehrern oder dem Weißen Ring zu suchen. „Ansonsten kann das Cyber-Mobbing zu langanhaltenden, traumatischen Belastungen führen. Das Selbstwertgefühl des Jugendlichen geht drastisch nach unten, wenn nur lange genug auf ihm rumgehackt wurde“, sagt Martina Tegtmeier. Die Täter seien sich oft gar nicht bewusst, dass sie eine Straftat begehen, die auch rechtlich geahndet werden kann – vorausgesetzt, das Opfer erstattet Anzeige. „Besser ist es, wenn in den Schulen in solchen Fällen disziplinäre Maßnahmen durchgesetzt werden – beispielsweise mit einem Schulverweis drohen“, schlägt Tegtmeier vor.

Noch habe es sehr wenige Fälle gegeben, in denen sich Mobbing-Opfer an den Weißen Ring wandten. Ein Grund, warum die Ehrenamtlichen immer wieder auf sich aufmerksam machen. „Aber dem Thema wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt und ich bin mir sicher, dass auch die Strafen steigen werden – ähnlich wie beim Stalking“, meint Martina Tegtmeier.

Opfer im Netz

Die Opfer werden im Internet oder per Telefon beleidigt, bedroht oder es werden Gerüchte verbreitet.

Meist wissen die Opfer nicht, wer hinter den Attacken steckt. Die Anonymität enthemmt die Täter. Doch gerade bei Cyber-Mobbing unter Kindern und Jugendlichen kennen Opfer und Täter sich aus der Schule oder dem Wohnviertel. Oft wird das Mobbing dann auch in der realen Welt fortgesetzt.

Besonders schlimm ist es für die Opfer, dass die Angriffe aus dem Internet rund um die Uhr erfolgen können und sie sich nicht zurückziehen können. Außerdem ist das Publikum unüberschaubar groß und Inhalte verbreiten sich extrem schnell.

Hilfe finden Opfer beim Weißen Ring, ☎ 0151/55 16 46 24

Carolin Riemer und Jana Franke

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