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Grevesmühlen Kaskadeur aus alter DDR-Schule
Mecklenburg Grevesmühlen Kaskadeur aus alter DDR-Schule
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15:53 09.08.2018
Mario Eichendorf hat bereits in der DDR den Beruf des Kaskadeurs ausgeübt, wurde damals oft für DEFA-Filme engagiert. Heute hat der Wismarer seine eigene Stunt-Show-Firma und gehört als Waffenmeister und Stunt-Koordinator seit vielen Jahren zur Stammcrew des Piraten-Action-Open-Air Theaters in Grevesmühlen. Quelle: Annett Meinke
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Grevesmühlen

Mit der Hitze in dieser Spielsaison bei den Piraten geht Mario Eichendorf gelassen um. „Den Dauerregen im vergangenen Jahr mit den ständig von Wasser und Modder verdreckten Kostümen fand ich schlimmer. Die Kostümfrau tat mir richtig leid. Das jeden Tag wieder hinzubekommen, war eine Höchstleistung.“, meint er. Eichendorf gehört seit zehn Jahren zur Piraten-Crew. Und er ist selbst durchaus auch zu den Höchstleistern im Piratenteam zu zählen. Immer der erste, der das Piratengelände betritt und der letzte, der es verlässt.

Als Waffenkoordinator ist Eichendorf für die Kanonen, Degen, Säbel, Pistolen und Musketen, die im Theaterstück zum Einsatz kommen, zuständig.Dazu gehört auch das Säubern und Warten, Überprüfen aller Waffen nach jedem Stück. Außerdem ist der 56-Jährige Wismarer, der nie woanders leben wollen würde, der Stunt-Koordinator der Piraten-Show. Bedeutet, dass er alle Stunts konzipiert, die im Stück vorkommen - und natürlich spielt er selbst eine Rolle, inklusive Stunts - in diesem Jahr den Don Caleta Candal.

Eichendorf gehört zur „alten“ Garde der DDR-Kaskadeure - so hießen Stunt-Leute in der DDR. Damals gab es keine Ausbildung dafür. Kaskadeur war auch kein anerkannter Beruf. Es gab keine Festanstellungen für Künstler, die die waghalsigen Stunts an Theatern und in Defa-Filmen ausführten. Dementsprechend, erklärt er, hat er seine Kunst mit staatlicher Lizenz als Nebenberuf ausgeführt - und hauptberuflich anfangs in dem Beruf, den er lernte, Tischler, gearbeitet, später dann auch am Wismarer Theater oder als stellvertretender Kulturhausleiter in Dorf Mecklenburg. 

Eichendorf interessierte sich schon als Kind für Kampfsport, machte zuerst Judo, dann brachte er, der sich für alles Japanische interessiert, sich Karate selbst bei. Anhand der Blaupause eines Buches aus der CSSR, an das er gelangt war. Er war nicht allein mit dem Wunsch, Kaskadeur zu werden, hatte Freunde um sich, mit denen er das Stürzen, Fallen, Springen, Raufen, Fechten, Kämpfen übte. „Das kann kaum jemand nachvollziehen, wie gefährlich so ein Treppensturz ist. Was so leicht aussieht, ist in Wahrheit eine hochkomplexe Sache. Der Schmerz war unser bester Lehrmeister“, sagt er.

Engagiert wurden er und seine Freunde zunächst in der Heimat. Als es losging mit den professionellen Stunts war Eichendorf gerade mal 20 Jahre alt. „Überall im damaligen Bezirk Rostock waren wir unterwegs“, sagt er. „Später haben wir in der gesamten DDR unsere Kampf-Shows angeboten. Wir hatten fast das ganze Jahr über an jedem Wochenende Auftritte.“

Alles, was er und seine Freunde dazu brauchten - neben den körperlichen Fähigkeiten -, zum Beispiel Kostüme und Waffen haben sich Eichendorf und seine Freunde irgendwie besorgt. Zum Teil durch Beziehungen, unter anderem zu Kostümschneidern, die aus mühsam heranorganisierten Stoffen, Kostüme zauberten.

Alte Pistolen zum Beispiel konnte Eichendorf als Tischler selbst herstellen, ausrangierte Degen, Säbel hier und da erstehen. „Die Hochschule Wismar hatte damals eine Sektion Fechten, da haben wir alte Klingen, die die nicht mehr brauchten, erworben. Das war richtig teuer“, sagt er lachend. Es lief ausgesprochen gut für ihn in der DDR.

Die Wende veränderte bekanntlich vieles, brachte auch im Kulturbereich vieles ins Wanken, auch die Welt der DDR-Kaskadeure. Doch Eichendorf wäre nicht Eichendorf, wenn ihn das lange entmutigt hätte. Er überlegte sich, was er tun könnte, um Einkommen zu erwirtschaften, mit dem, was er kann, besann sich auf seine Wurzeln, arbeitete zuerst als Kampfsportlehrer, betrieb ein Sportgeschäft nebenbei, machte Sicherheitstrainings für Versicherungen, Polizei und die Verkehrswacht.

2009 fing er bei den Piraten als Stuntman mit einer kleinen Rolle an - und das Kaskadeur-Dasein kehrte - nur unter anderem Namen - in Eichendorfs Leben zurück. Inzwischen ist er der einzige aus der DDR-Kaskadeur-Szene, der noch aktiv ist. Mit neuen Kollegen hat er eine eigene Stunt-Firma gegründet: „Stunt & Fun Concept Germany“. Fernsehsender unter anderem buchen die Wismarer Stuntleute für Produktionen. Eichendorf und seine Leute veranstalten auch Showprogramme für das Bundesverkehrsministerium, den Senat von Berlin, Auftritte auf Messen, in Städten. Es läuft also wieder.

„Witzigerweise“, sagt Mario Eichendorf, „jetzt selten in der Heimat, dafür im restlichen Deutschland.“ Warum das so ist? „Keine Ahnung“, sagt er. Aber letztlich ist es ihm auch egal. „Alles funktioniert über unseren guten Ruf, über Mund-zu-Mund-Propaganda“, meint er. „Wir verteilen keine Flyer oder laufen rum, um irgendwo engagiert zu werden.“

Wichtig ist für ihn bei seiner Firma genau dasselbe, was für ihn bei den Piraten wichtig ist: „Professionelle Arbeit und Zusammenhalt untereinander.“ Und wenn es später mal körperlich nicht mehr ganz so klappen sollte mit den waghalsigen Stunts, dann geht es für ihn vielleicht noch mehr in die Richtung Ausbildung von jungen Stuntleuten. In Meuselwitz in Thüringen, in einer Schauspiel- und Stuntschule, arbeitet Eichendorf seit diesem Jahr auch als Referent und Ausbilder.

Hinweis: Das Piraten-Action-Open Air in Grevesmühlen hat noch bis zum 8. September geöffnet. Außer montags beginnen die Vorstellungen täglich um 19.30 Uhr, sonntags bereits um 16 Uhr.

Meinke Annett

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