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Grevesmühlen Von Freiheit und Verantwortung

Professor Jörg Hacker beleuchtet in Grevesmühlen das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube

Grevesmühlen. Christlicher Glaube kann ein Fundament und ein Kompass sein, wenn es um Entscheidungen in Wissenschaft und Forschung geht, die eine enorme Tragweite für die Gegenwart und Zukunft besitzen. Dieses Fazit zog gestern der Grevesmühlener Ehrenbürger Professor Jörg Hacker in einer Predigt in der Stadt, in der er vor 65 Jahren das Licht der Welt erblickte.

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Professor Jörg Hacker beleuchtet in Grevesmühlen das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube

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Für den Vortrag vor gut 100 Zuhörern konnte die Kirchengemeinde einen außerordentlich kompetenten Menschen gewinnen, denn Professor Hacker leitet mit der 1652 gegründeten Leopoldina die älteste ununterbrochen existierende naturwissenschaftlich-medizinische Akademie der Welt. Sie wurde 2008 nach einer gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder zur Nationalen Akademie der Wissenschaften ernannt – versteht sich mit mehr als 1500 Wissenschaftlern in rund 30 Ländern aber auch als übernationale Vereinigung. Das erklärte Ziel bei der Gründung der Nationalakademie unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten: Unabhängig von wirtschaftlichen oder politischen Interessen wichtige gesellschaftliche Zukunftsthemen wissenschaftlich bearbeiten, die Ergebnisse der Politik und der Öffentlichkeit vermitteln und diese Themen national wie international vertreten. Ihr Präsident betonte gestern in Grevesmühlen: „Verantwortung ist ein ganz zentraler Bereich, den wir sehen sollten.“

Zuvor kündigte die Grevesmühlener Pastorin Maria Harder „einen besonderen Gottesdienst“ an. Besonders war er wegen der zahlreichen Besucher und wegen des besonderen Gastes. Hintergrund seiner gestrigen Predigt: das Jubiläum „500 Jahre Reformation“. Während die streng hierarchisch gegliederte katholische Kirche die Auffassung vertritt, dass Priester durch ihre Weihe eine besondere Würde verliehen bekommen, ging Martin Luther von einem Priestertum aller Getauften aus. Heute spricht die evangelische Theologie im Rahmen der Lehre vom „allgemeinen Priestertum der Gläubigen“ allen Mitgliedern einer Gemeinde grundsätzlich das Recht auf Wortverkündigung zu – was aus praktischen Gründen jedoch meist von ausgebildeten Pastoren wahrgenommen wird. Professor Hacker willigte nach einer Anfrage aus Grevesmühlen gerne ein, diese Aufgabe zu übernehmen und aus seinem Wissen und seiner Sicht heraus ein Thema zu beleuchten. Zu Beginn der Predigt kündigte er an: „Wir wollen nachdenken über das Thema ,Glaube und Wissenschaft’.“

Der Naturwissenschaftler schickte voraus: „Ich sehe keine Unvereinbarkeit, keine Diskrepanz.“ Sicher sei die zuvor im Gottesdienst verlesene Schöpfungsgeschichte kein wissenschaftlicher Report. Sie stimme nicht mit den Erkenntnissen überein, die mit Methoden der Forschung gewonnen wurden, doch sie rühre Menschen trotzdem an. Professor Hacker wies in diesem Zusammenhang auf den Evolutionsbiologen Charles Darwin hin, der von sich sagte: „Selbst in meinem stärksten Schwanken war ich nie ein Atheist in dem Sinne, dass ich die Existenz Gottes geleugnet hätte.“ Mit der Auffassung, dass das Universum, das Leben und der Mensch durch einen unmittelbaren Eingriff eines Gottes in natürliche Vorgänge entstanden sei, beleuchtete Professor Hacker eine andere Facette des Themas. Er erklärte, dieser gegen die Evolutionstheorie gewendete „Kreationismus“ sei unwissenschaftlich.

Der Grevesmühlener Ehrenbürger betonte in seiner Predigt, Wissenschaftler seien angesichts neuer molekularbiologischer Methoden, die gezielte Eingriffe in das Erbgut erlauben, gefragt, auch ethische Aspekte in die Diskussion einzubringen. Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung sei sehr wichtig und solle verantwortungsbewusst gebraucht werden.

Als Professor Hacker seine Ausführungen über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube zusammenfasste, sagte er: „Der Glaube ist keine naturwissenschaftliche Theorie, aber er stellt eine eigene Realität dar.“ Naturgesetze würden selbstverständlich gelten. Wichtig könne ein Zusammenspiel von Wissenschaft und Glaube gerade dann sein, wenn es darum gehe, ethische Fragen mit ins Blickfeld zu nehmen – etwa bei der Frage, welche Konsequenzen wissenschaftliche Erkenntnisse auch im Hinblick auf künftige Generationen haben und haben können.

Am Ende seiner Predigt zitierte Professor Hacker mit Friedrich Schleiermacher einen Theologen, der die Vollendung der Reformation in einem Zusammengehen von Wissenschaft und Glaube sah: „Es gilt einen ewigen Vertrag zu stiften zwischen dem lebendigen christlichen Glauben und der nach allen Seiten offenen Wissenschaft.“ Diese Gedanken können, so Professor Hacker gestern in Grevesmühlen, noch heute Orientierung geben.

Vom Grevesmühlener Kind zum Präsidenten der Leopoldina

Jörg Hinrich Hacker wurde am 13. Februar 1952 in Grevesmühlen geboren. Er ist verheiratet mit Dr. phil. Margit Hacker und hat zwei Kinder. Seine Konfession: evangelisch-lutherisch. 1979 promovierte er an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale). Ab 1980 war er am Lehrstuhl für Mikrobiologie in Würzburg zunächst acht Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann hatte er dort für fünf Jahre eine Professur inne. Von 1993 bis 2008 arbeitete er an der Uni Würzburg als Professor und Vorstand des Instituts für Molekulare Infektionsbiologie. Zudem war er Gastprofessor an der Universität Tel Aviv University und forschte in Paris. Von 2008 bis 2010 arbeitete er als Präsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin.

Seit 2010 arbeitet Professor Dr. Dr. h. c mult. Jörg Hacker als Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften.

Jürgen Lenz

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