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Grevesmühlen Mecklenburg — Das ist auch ein bisschen wie in den Staaten
Mecklenburg Grevesmühlen Mecklenburg — Das ist auch ein bisschen wie in den Staaten
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04:57 27.02.2013
Martin Semmelrogge, der derzeit in Waldeck eine Haftstrafe absitzt, nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit Deutschland „bin ich durch“.

Am Ende hält Semmelrogge das scheue Tier sogar auf dem Arm. Schlösser: „Ein Hundenarr, eindeutig.“ Eine Stunde später ist der Gast frischgekürter Tierpate.

Später wird Semmelrogge diesen Satz sagen: Er werde eben kein besserer Mensch mehr. „Aber ein schlechter bin ich auch nicht.“ Da bekommt er eine Weichheit, die ihm die Kameras und bunten Blätter nicht gern zugestehen. Ihn wollen sie lieber als „Fuzzi der Nation“, so hat er es mal gesagt.

Da passt es womöglich ins Bild, dass er nun doch nicht an der neuen Ausgabe der Promi-Tanzshow „Let‘s Dance“ ab Frühjahr teilnehmen wird. An ihm lag es nicht, er hatte Lust dazu. „Ich habe ja auch meine Frau auch beim Tanzen kennengelernt.“ Aber RTL habe plötzlich einen Rückzieher gemacht. Verbitterung klingt durch. Darüber, dass man auch schnell mal hängen gelassen wird, wenn man keine Klischees bedienen, den Vorzeige-Knasti geben oder das „Dschungelcamp“ bestücken will.

RTL habe ihn „verarscht“, klagt der Schauspieler. Die Verträge seien schon dagewesen, dann das. Obwohl man dort von der Haftstrafe in Waldeck gewusst habe und von ihm und der Justiz aus alles in Ordnung gegangen wäre. „Naja, vielleicht nächstes Jahr“, sagt er.

Der Mime hat ohnehin viel anderes vor. Demnächst weitere Buchlesungen in Rostock, Güstrow, Göldenitz zum Beispiel. Ab September eine Verpflichtung nahe Bonn: „Die toten Augen von London“, eine Theateradaption des Krimis von Edgar Wallace. Hund „Buddy“ — aus einem Tierheim auf Mallorca — ist mit von der Partie. Er ist schon schauspielerfahren, hat mit Herrchen bei der Theaterversion von „Der Rosenkrieg“ mehr 82-mal auf der Bühne gestanden. Einen Auftritt inklusive begabtem Vierbeiner habe sie gefilmt und „auf Martins offizielle Facebook-Seite gestellt“, erzählt Ehefrau Sonja (48).

Prompt habe Warren Adler, mittlerweile bald 90 Jahre alt und der „Rosenkrieg“-Autor höchstpersönlich, auf „Gefällt mir“ geklickt und die Aufführung wohlwollend im eigenen Blog besprochen. „Jetzt sind wir per Facebook befreundet“, sagt lachend Martin Semmelrogge.

Die USA — sie sind Dauertraumziel des Ehepaars. „Dort haben wir Freunde. Und dort kannst Du Dir ein verrücktes Haus mit rundem Dach bauen“, schwärmt Sonja Semmelrogge. „Hier dagegen hängt einem der Staat auf der Schulter, Drüben zählt das Recht des Einzelnen“, ergänzt ihr Mann. Sind sie durch mit Deutschland? Da überlegt Sonja Semmelrogge nicht lange. „Ja, wir sind durch!“

Es kotze ihn an: „Jeder kommt auf mich zu und sagt: Wann hast Du Deinen Führerschein wieder?“ Er habe nur ein „Verwaltungsunrecht begangen, einen Antrag nicht gestellt“, sagt er. Seit Januar sitzt Semmelrogge eine achtmonatige Haftstrafe in Waldeck ab, weil er beim Fahren nur mit spanischem EU-Führerschein ertappt worden ist. Er ist Freigänger, kann Arbeitsaufträge wahrnehmen.

In der Haft habe er einen Mitinsassen kennengelernt. Frau und Kind verließen ihn, er ist obdachlos, er muss Hänseleien der anderen ertragen. Nicht von Semmelrogge. „Ich habe ihm gesagt: Mach eine Ausbildung, lern Englisch, hör auf zu saufen!“ Er habe mit ihm einen Marlene-Dietrich-Film geguckt, in der Weihnachtszeit Schokolade und Stollen mit dem Mann geteilt. Der freue sich unheimlich über solche Gesten. „Er sagte mal: Martin Semmelrogge hat mir Brote geschmiert!“, erzählt der Schauspieler. Seine Frau knufft ihn: „Das würde ich auch gern mal sagen können!“ Stereo-Gelächter.

Seine Wahrnehmung in Deutschland bringt Semmelrogge aber nicht um den Schlaf. Manches nimmt er mit Humor. Neulich habe ein TV-Sender „Die zehn peinlichsten Deutschen“ gezeigt. „Da lach ich drüber“, sagt er und fährt sich durch die blondierten Strubbelhaare. „Und wenn, dann will auch Nummer eins sein.“ Er landete aber nur auf Platz acht. Trotzdem — der Wunsch, vom Fernsehen ernster genommen zu werden, er ist noch nicht abgetötet. Dass er immer gern als Bösewicht herangezogen wird, stört ihn weniger als seine Frau. Aber auf die Nuance kommt es ihm an: „Ich bin Komödiant. Ich würde gern mehr schlitzohrige Typen spielen — so wie es sie noch in den Siebzigern gab.“ So etwas fehle in Deutschland. „Die trauen sich nicht, mit mir mal einen geilen Kommissar aufzuziehen. So einen wie Columbo.“

In Boltenhagen haben Sonja und Martin Semmelrogge ihr Domizil in Deutschland. Irgendwann soll es aber wieder in die Staaten gehen. Nicht, ohne ein bisschen amerikanisches Lebensgefühl hierzulassen:

„Ich mache mit, die B 105 zur ,Route 105‘ zu machen“, erzählt Semmelrogge über eine tolle Idee, die schon im Mai Wirklichkeit werden könnte. „Die Straße soll touristisch erschlossen werden — für Motorradfahrer“, erläutert er. Fotos mit ihm und seinem Motorrad sind schon geschossen, ein Prospekt in Arbeit. Vom Priwall über Dassow an der Ostsee entlang — sogar mit dem Mann, der in den Sechzigern die Idee zur amerikanischen Route 66 hatte, traf er sich. „Seit ich im Knast bin, bin ich noch kreativer“, sagt Semmelrogge und lacht sein raues Lachen.

Mecklenburg habe er übrigens ins Herz geschlossen. Und erinnere ihn stellenweise an die USA. Ach? „Ja, wegen der Graffiti, Autos, der Höfe, der Liebe, die die Leute in verfallenen Kuhdörfern die Trafo- und Buswartehäuschen quietschbunt malen lässt.“ Mecklenburg sei ihre Heimat in Deutschland geworden, sagt das Paar. Und dann gibt Martin Semmelrogge noch ein paar Verse von Wilhelm Busch zum Besten. Das raue Lachen, da ist es wieder.

Prominenter Tierpate soll Herrchen und Frauchen locken
Geschenke an Bord: Schoko- und Lachskekse, Pansen, Hähnchensticks, Kuscheldecken, Spielzeug — Martin Semmelrogge kam nicht unbewaffnet ins Tierheim Schlage. Im Freilaufgehege warteten gestern die größten Sorgenkinder auf ihn: „Lissy“, die er zu seiner Patenhündin machte, der hübsche „Sammy“, die ängstliche „Annie“ und „Manja“, die nicht allein bleiben mag.

Plastikverpackungen rissen auf, Bälle flogen durch die Luft, der Gast verteilte Leckerli. Schon flogen ihm Hundeherzen zu. Das Beispiel soll Schule machen. Das Tierheim wolle öfter mit bekannten Gesichtern für die Vermittlung der Tiere werben, so Projektleiter Norbert Schlösser. In Schlage packen auch Gefangene mit an: „Vier, fünf helfen täglich, schweißen, fegen, reparieren.“ Und instinktiv wählten sie schwierige Tiere zum Gassigang. Schlösser: „Einige Männer kommen auch nach Ende ihrer Strafe immer wieder.“

„Ich werde eben kein besserer Mensch mehr. Aber ein schlechter bin ich auch nicht.“
Schauspieler Martin Semmelrogge

Kerstin Beckmann

Redaktion: 038 81/7 878 860 Leserservice:

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