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Grevesmühlen Nach Wismarer Brand: Brandopfer suchen neue Räume
Mecklenburg Grevesmühlen Nach Wismarer Brand: Brandopfer suchen neue Räume
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00:11 09.05.2018
Detlef Greinke und Jeannette Fleury stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Der Gastronom hatte bis zum Brand das Eiscafé betrieben, sie wohnte in dem roten Haus mit den zwei Balkonen. Quelle: Fotos: Michaela Krohn, Kerstin Schröder

„Es ist zurzeit alles sinnlos!“ Detlef Greinke ist verzweifelt. Mit seiner Frau Bärbel hat er „Werners Eiscafé“ in der Mecklenburger Straße betrieben – bis zum verheerenden Brand vor zwölf Tagen in der Wismarer Altstadt. Nun darf er seinen Laden nicht mehr betreten. Auch Dr. Ralph Battermann ist von heute auf morgen die Arbeit genommen worden. Der Chirurg hatte eine gut laufende Praxis in einem der zwei abgebrannten Giebelhäuser. Sie ist komplett vernichtet. Seine drei Mitarbeiter sind seither zu Hause. Battermann steht immer noch fassungslos vor den Ruinen und sucht dringend nach neuen Räumen. Genau wie Eisverkäufer Greinke – und Jeannette Fleury, Bewohnerin, deren Wohnung von den Flammen vernichtet wurde. Ihre zwei Söhne (18 und 21 Jahre) sind mit der Drehleiter von der Feuerwehr gerettet worden – samt Hund. Doch ihre Möbel und alle Erinnerungsstücke sind weg. „Zurzeit wohnen wir in einer möblierten Wohnung am Kagenmarkt, wir wollen aber gerne wieder zurück in die Innenstadt“, sagt Jeannette Fleury. Doch die Suche nach neuen Räumlichkeiten ist für alle Opfer des Altstadtbrandes schwierig.

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Wohnungen, Eiscafé und Arztpraxis sind nach dem Feuer einsturzgefährdet

Mauer ist noch nicht gesichert

Das Haus, das das Schicksal der drei massiv verändert hat, ist das historische Haus Nummer 18 am Markt. Es ist nach dem fast zweitägigen Brand am 28. und 29. April einsturzgefährdet. Deshalb darf Gastronom Detlef Greinke nicht mehr in seinen Eisladen, der an den Hinterhof des abgebrannten Hauses grenzt (die OZ berichtete). Seither ist er auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten, die er schnell eröffnen kann – ihm droht die Insolvenz. „Wir haben schon ein paar Läden in Wismar und sogar in Boltenhagen angeschaut“, berichtet Greinke. Doch die Läden seien entweder zu klein oder die hygienischen Bestimmungen könnten nicht eingehalten werden. „Denn wir verkaufen ja nicht nur unser Eis, wir produzieren es auch“, erklärt er. Das größte Problem: „Wir kommen nicht an unsere Technik und die Maschinen heran“, sagt Detlef Greinke. „Das Bauamt erlaubt uns nicht, in den Laden zu gehen. Dabei wäre das unser einziger Lichtblick.“ Er weiß: Die einsturzgefährdete Mauer auf dem Hinterhof muss so schnell wie möglich abgestützt werden. Doch das könnte Monate dauern. Bis dahin ist die Saison längst vorbei.

Chirurg sucht neue Praxis

Auch Ralph Battermann, der seine Praxis seit 2005 am Markt betrieben hat, sucht händeringend neue Räume. Geld vom Spendenkonto für die Brandopfer möchte er nicht. „Ich komme schon klar und kann mir alles neu aufbauen, aber geeignete Räume zu finden, das ist in Wismar sehr schwierig“, sagt Battermann. Da er auch ästhetische Operationen durchführe, brauche er zehn Räume in guter Lage. Dank der Versicherung bekämen seine Angestellten weiterhin Geld. Seine Patienten hingegen brauchen neue Termine.

Anruf aus brennendem Haus

Jeannette Fleury ist nicht zu Hause gewesen, als sie von einem ihrer Söhne einen Anruf bekam: „Hier brennt es. Wir kommen nicht mehr raus“, hat er gesagt. Nur wenige Minuten später ist sie vor Ort und sieht die Feuerwehr. Ihre Söhne werden evakuiert. „Zuerst dachten wir alle, dass es doch nur Qualm ist und bald können wir wieder zurück ins Haus.“ Doch der Brand ist nicht so leicht zu bekämpfen. 42 Stunden sind die Feuerwehr-Leute im Einsatz. „Irgendwann wussten wir: Das war’s“, erinnert sich Jeannette Fleury. Noch am Freitagnachmittag, wenige Stunden bevor das Feuer ausbrach, habe sie jemandem von ihrer Wohnung vorgeschwärmt. Auch Ralph Battermanns letzter Patient habe am Freitagnachmittag gesagt: „Sie haben aber eine schöne Praxis mit einem tollen Ausblick. „Darauf habe ich gesagt: Ich genieße jeden Tag.“ Nun habe er das Gefühl – genau wie Jeannette Fleury –, als hätten sie das Unheil heraufbeschworen.

Polizei geht Hinweisen nach

Die Polizei sucht unterdessen weiter nach Hinweisen aus der Bevölkerung und hat dafür extra ein Hinweisportal eingerichtet. Unter www.mv.hinweisportal.de können Bürger zum Beispiel Videos und Fotos hochladen. „Wir haben schon Hinweise im zweistelligen Bereich erhalten. Die befinden sich gerade in der Auswertung“, bestätigt Jessica Lerke, Sprecherin der Polizeiinspektion Wismar. Wichtig sei vor allem der Zeitraum vor dem Brand. „Wir suchen besonders nach auffälligen Personen, die sich in der Zeit von 17 bis 18 Uhr an den Häusern am Markt bewegt haben.“.

Stützkonstruktion überwachen

Derzeit sind die Gebäude durch die Brandermittler der Polizei noch beschlagnahmt und auch noch nicht freigegeben. „Die Notsicherung der Gebäude – Abstützkonstruktion gegen Kippen der Fassaden in den öffentlichen Bereich – und die Absperrung ist den Eigentümern in ihre Verantwortung mit entsprechenden Auflagen zur ständigen Kontrolle und Überwachung übergeben“, betont Marco Trunk, Sprecher der Hansestadt Wismar. „Ein Betreten der Gebäude, einschließlich des Eiscafés, ist aus bauordnungsrechtlicher Sicht aufgrund der nicht gegebenen Standsicherheit – also Einsturzgefahr – nach wie vor nicht möglich und kann auch nicht verantwortet werden“, heißt es aus dem Wismarer Bauamt. Die Polizei agiert hingegen eigenverantwortlich.

„Durch die Eigentümer und deren Eigentümerverpflichtungen sind bereits Planer und Statiker beauftragt, die eine Lösung zur Sicherung der Gebäude erarbeiten“, sagt Trunk. Ergebnisse lägen aber noch nicht vor. Die Verwaltung sei jedoch in ständigem Kontakt mit Eigentümern, Planern und der Polizei, um den Prozess schnellstmöglich voranzubringen.

Für Bärbel und Detlef Greinke geht die Suche nach einem neuen Laden unterdessen weiter. „Einen leerstehenden Laden schauen wir uns in dieser Woche noch an“, sagt Detlef Greinke. „Vielleicht passt der ja.“

Michaela Krohn und Kerstin Schröder

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