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Neuer Fokus bei der Energiewende

Grevesmühlen Neuer Fokus bei der Energiewende

In der Malzfabrik hat die erste regionale Wärmekonferenz stattgefunden

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Im Degtower Weg betreiben die Stadtwerke zwei Biogasanlagen, die mit Getreide und Gülle arbeiten.

Quelle: Foto: Daniel Heidmann

Grevesmühlen. Mit dem Thema Energiewende setzen sich Politik und Verbände bereits seit geraumer Zeit auseinander. Doch bei der Debatte soll nun ein neuer Schwerpunkt gesetzt werden: Die Wärmewende wird in den Fokus gerückt. Dazu hat der Regionale Planungsverband Westmecklenburg gestern zur ersten regionalen Wärmekonferenz in die Malzfabrik in Grevesmühlen geladen. „Viel Strom wird schon aus erneuerbaren Energien gewonnen. Doch der Punkt Wärme bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient“, sagte Tanja Lenz von der Geschäftsstelle des Veranstalters zur Eröffnung. In mehreren Vorträgen widmeten sich die Teilnehmer deshalb der Thematik.

OZ-Bild

In der Malzfabrik hat die erste regionale Wärmekonferenz stattgefunden

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Laut Planungsverband wird in der Region Westmecklenburg – wie in ganz Deutschland – deutlich mehr Energie für die Bereitstellung von Wärme verbraucht als für die Stromerzeugung. „Für eine nachhaltige und zielgerichtete Energiewende ist es daher notwendig, auch dieses Thema anzugehen“, war in den Konferenz-Unterlagen zu lesen. Dieser Ansicht war auch Gastredner Graham Butt vom Landesministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung. „Eine Energiewende verlangt den Umbau der Wärmeversorgung und vor allem eine deutliche Verringerung des Wärmebedarfs“, sagte er.

Wie Butt ausführte, würden in Mecklenburg-Vorpommern 56 Prozent der Endenergie auf die Wärme fallen, wovon 11,5 Prozent über erneuerbare Energien abgedeckt seien. Damit liege MV bereits über dem Bundesdurchschnitt (7,6 Prozent). Der Planungsverband spricht jedoch davon, dass im Jahr 2050 eine 100-prozentige Versorgung Westmecklenburgs durch erneuerbare Energien möglich ist. Ein ehrgeiziges Ziel: Denn aktuell sorgen der Ölpreis und die kaum vorhandene Preisdifferenz zwischen Heizöl und Holzpellets laut Graham Butt dafür, dass der Zuwachs bei regenerativen Alternativen stagniert. Vom Bund müssten Anreize geschaffen werden, beispielsweise entsprechende finanzielle Abgaben für Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Zudem seien kommunale Wärmepläne nötig. Ein vorbildliches Beispiel dafür sei die Stadt Grevesmühlen. Bürgermeister Lars Prahler und Werner Küsel, Geschäftsführer vom Verein für nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung („Stadt ohne Watt“), stellten den Zuhörern die bereits umgesetzten Projekte vor. „Die Stadtwerke haben die erste Biogasanlage vor rund zehn Jahren eröffnet. Heute werden so 1700 Haushalte mit Wärme, sogar 3700 mit Strom versorgt“, schilderte Küsel. Auch der Bürgerbahnhof, dessen Sanierung im Juni abgeschlossen sein wird, soll über die Biogasanlage versorgt werden, berichtete Lars Prahler. „Bei jeder Bauplanung gibt es mittlerweile Überlegungen, wie etwas für den Bereich erneuerbare Energien getan werden kann“, sagte der Bürgermeister weiter. So ist beispielsweise vorgesehen, die Versorgung des geplanten Wohnquartiers West I komplett über regenerative Energien abzudecken. Es gebe sogar die Vision, die Stadt energieautark aufzustellen. Dafür müssten Windkraft, Blockheizkraftwerke und Wärmespeicher ebenso ausgebaut werden wie die Fernwärmeleitungen. Von insgesamt elf Kilometern Versorgungsrohren seien laut Werner Küsel in den zurückliegenden Jahren rund sechs Kilometer neu gebaut worden. Weitere positive Beispiele: Das Klärwerk, das mit dem Überschuss an erzeugter Energie die benachbarte Garnelenfarm bedient, die Windkraftanlagen am südlichen Stadtrand sowie die Erdgas-Tankstellen und Aufladestationen für E-Autos in der Stadt.

„Die Ziele, die wir bis zum Jahr 2020 erreichen wollen, haben wir in Grevesmühlen schon geschafft“, sagte Heiner Wilms, Geschäftsführer der Stadtwerke. Für ihre Anstrengungen habe die Stadt bereits 2014 die Plakette „Energie-Kommune“ von der Agentur für erneuerbare Energien erhalten. Dennoch sei es wichtig, auf die Wärmewende aufmerksam zu machen. „Das Thema muss endlich auf die Tagesordnung“, betonte Wilms. Er hielt es für besonders passend, dass die Veranstaltung dazu gestern in der Malzfabrik stattfand. Auch das Verwaltungsgebäude ist vor wenigen Jahren an das städtische Wärmenetz angeschlossen worden und wird damit ebenso durch die Biogasanlage im Degtower Weg versorgt.

KOMMENTAR

Technologie aus dem vergangenen Jahrhundert

Biomasse wird etliche Kilometer weit durch die Gegend gefahren, um daraus Strom und Wärme zu produzieren – mit einer Technologie, die, gelinde gesagt, völlig veraltet ist. Ein Blockheizkraftwerk ist nichts anderes als ein Schiffsdiesel mit einem Generator davor. Wirkungsgrad: knapp 30 Prozent, wenn die Wärme genutzt wird, die bei der Stromproduktion anfällt, steigt der Wirkungsgrad immerhin auf 80 Prozent. Vorausgesetzt die Wärme wird nicht über viele Kilometer transportiert. Dabei gibt es andere Möglichkeiten, das Klima zu retten. Radwege in Grevesmühlen zum Beispiel oder einen öffentlichen Nahverkehr, der den Namen auch verdient. Fernwärme, die auch für Eigenheime nutz- und vor allem bezahlbar ist. Oder Beratungsangebote, um Energie zu sparen, Müll zu reduzieren, weniger Auto zu fahren, Regenwasser beziehungsweise Abwasser zu nutzen. Die Angebote gibt es schon? Ja das stimmt, aber warum nutzt sie kaum jemand? Zwei E-Tankstellen für Elektrofahrzeuge gibt es in Grevesmühlen. Aber tankt dort eigentlich jemand?

Solange es in Grevesmühlen keine vernünftigen Radwege gibt, werden auch nicht mehr Menschen aufs Auto verzichten. Solange der Anschluss an eine Fernwärmeleitung finanziell unrentabel ist, wird sie niemand nutzen. Bestes Trinkwasser wird durch die Toilette gespült. Was haben Unternehmen davon, wenn sie jede Menge Wärme erzeugen, sie aber nur bei kommunalen Einrichtungen loswerden oder bei bis zur Schmerzgrenze geförderten Betrieben wie der Garnelenfarm? Die LED-Lampen in der Stadt waren ein guter Anfang in Sachen Energieeinsparung. Wir brauchen mehr davon.

Bedarf senken

In Westmecklenburg liegt der Wärmegesamtbedarf laut Regionalem Energiekonzept bei mehr als 5,4 Millionen Megawattstunden pro Jahr (MWh/a).

Bis zum Jahr 2050 kann der Bedarf um rund ein Drittel ver-

mindert werden.

Bei Privathaushalten sollen energetische

Sanierungen, Entwicklungen der Wohn-

fläche sowie Modernisierungen der Heiz-

technik 23 Prozent des gesamten Wärme-

bedarfs bis 2050

einsparen. Das entspricht umgerechnet 80 Millionen Litern Heizöl pro Jahr.

Daniel Heidmann

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