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Grevesmühlen Neues Nahverkehrskonzept bringt Familie in Bedrängnis
Mecklenburg Grevesmühlen Neues Nahverkehrskonzept bringt Familie in Bedrängnis
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00:01 29.04.2016
Warten auf die Buslinie 344: Alexandra Petter (l.) mit fünf Kindern der Familie vor dem Buswarthäuschen in Blieschendorf. Quelle: Fotos: Annett Meinke
Blieschendorf

Dreimal pro Woche nutzten die sechs Kinder (vier bis 18 Jahre) der Familie Kampmann-Petter aus Blieschendorf den Bus der Linie 344, der um 16.30 Uhr von Grevesmühlen Richtung Rehna fuhr, um nach Hause zu kommen. Seit dem 1. Januar ist das Geschichte — ausgerechnet dieser Bus ist dem neuen Nahverkehrskonzept im Landkreis zum Opfer gefallen. Und dabei war Alexandra Petter (40) im vergangenen Jahr so froh, als sie hörte, dass sich im Nahverkehr einiges ändern würde. „Ich meinte noch zu den Kindern und meinem Mann: Dann wird hier draußen endlich alles besser. Dann haben wir noch einen Anrufbus zusätzlich“, erzählt sie. Doch nun ist eben alles noch viel schlechter als zuvor — und so recht kann sich die Familie damit noch nicht abfinden.

Ausgerechnet der wichtigste Nachmittagsbus für sechs Kinder aus Blieschendorf wurde wegrationalisiert / Auch andere Dorfbewohner sind unzufrieden

„Das war der wichtigste Bus für uns“, erzählt die 15-jährige Lotte. „Es hat immer alles ganz genau gepasst. Alle Kinder lernen ein Instrument an der Musikschule im Gymnasium ,Am Tannenberg‘. Die Jungs trainieren auch noch in Sportvereinen in Grevesmühlen nach der Schule.“ Manchmal, erzählt Lotte dann weiter, haben die größeren Mädchen auch die Kleinste, Irma, aus der Kita am Lustgarten abgeholt und gleich mit nach Hause genommen. Der Wegfall des Busses bedeutet für die Familie nun einen erheblichen Planungs- und Organisationsaufwand. Bei all den außerschulischen Aktivitäten der Kinder ist nun jede Menge Überblick gefragt, um den Transport per Nahbus nach Hause zu organisieren.

„Prinzipiell“, sagt Alexandra Petter, „finde ich die Anrufbusse nach wie vor gut. Doch dafür einfach unseren wichtigsten Bus zu streichen, das ist unfair.“ Sie ist traurig, wie sie sagt, dass man das auf Landkreisebene einfach so entscheidet — und die Familie dann auch noch die Rechnung für den Wegfall ihres wichtigsten Transportmittels zahlen lässt. „Auch wenn 1 Euro pro Woche und Kind für die Nutzung des Anrufbusses — zusätzlich zur Schülerfahrkarte — nicht die Welt ist“, so Petter. Sie findet, es sollte für Kinder, die von der Schule kommen, gar keine zusätzliche Gebühr für Verkehrsmittel geben.

Alexandra Petter wandte sich an Nahbus direkt. Dort verwies man sie an den Landkreis. Auf die Eingabe der Familie reagierte die Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Regionalentwicklung und Planen abschlägig und verwies auf die Möglichkeit Anrufbus. Familie Kampmann-Petter jedoch wollte auch an diesem Punkt noch nicht aufgeben. „Auch wenn Blieschendorf nicht groß ist“, erklärt Alexandra Petter, „nur um die 40 Einwohner — für die meisten hier ist die Nahverkehrsanbindung an Grevesmühlen oder Richtung Lübeck enorm wichtig.“

Tatsächlich scheint es einige Bürger in Blieschendorf zu geben, die mit dem Nahverkehrskonzept hadern. Einer von ihnen ist Hasso Klug (78). „Die meisten Blieschendorfer“, weiß er, „sind mit dem neuen Nahverkehrskonzept nicht froh. Wenn Ferien sind, fährt hier überhaupt kein Linienbus mehr lang.“ Und das mit dem Anrufbus, sagt Hasso Klug, das überlegen sich die Älteren oft dreimal — wegen der Vorausplanung, der kurzen Zeitfenster und all der Angaben, die jedes Mal zu machen sind. Ob sich jedoch für die Blieschendorfer am Nahverkehrskonzept noch einmal etwas ändert, scheint fraglich.

Petra Rappen, Pressesprecherin des Landkreises, teilte auf Anfrage mit: „Die Statistik auf dieser Strecke wurde noch einmal analysiert. Dabei wurde festgestellt, dass die Bestellung des Anrufbusses in diesem Bereich gering ist. Bestellungen nach Blieschendorf gab es im Betrachtungszeitraum vom 1. bis zum 20. April zur gewünschten Uhrzeit bisher nicht. Aus diesem Grund wird derzeit kein Anlass zur Einrichtung eines Linienverkehrs gesehen.“

Alexandra Petter, die auf dem Hof der Familie eigentlich genug zu tun hat, fährt nun wieder öfter mit dem Auto, um die Kinder einzusammeln. Manchmal nutzt sie den Anrufbus — zum Beispiel für die 14-jährige Merle. Sie probt für die kleine Bigband der Musikschule, mit der sie auch auftritt. Merle sagt: „Ich muss, wenn es um die Band geht, Mutti immer rechtzeitig einen Tag vorher Bescheid sagen, damit sie einen Bus für mich bestellen kann.“ Merle findet, dass sie und ihre Geschwister früher selbständiger sein konnten. Sie hat aber, wie ihre großen Schwestern Svea und Lotte, die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass der „wichtige Bus“ eines Tages doch wieder fährt.

Vielleicht bestände ein Chance zur Wiedereinführung des fraglichen Busses, wenn alle Einwohner von Blieschendorf — und die der auf der Strecke liegenden Dörfer — in Zukunft genau zu der Zeit, in der der Bus früher fuhr, einen Anrufbus ordern. Falls das nichts wird, wünscht sich Alexandra Petter wenigstens die Möglichkeit, einen Anrufbus über WhatsApp (Nachrichtendienst auf dem Handy) zu bestellen. „Dann würde zumindest die ganze Telefoniererei wegfallen.“

Das Prinzip Anrufbus

Wer einen Anrufbus ordern möchte, muss ihn mindestens 60 Minuten vor Abfahrt bestellen — bei Mitnahme von Rollatoren, Kinderwagen, Rollstühlen bis zu 12 Stunden vorher. Für die Fahrt mit dem Anrufbus wird eine Servicegebühr von 1 Euro erhoben.

Bestellt werden kann der Anrufbus montags bis freitags von 7 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 8 bis 16 Uhr unter ☎ 08 00/ 63 46 287.

Bei Bestellung muss der Name und Wohnort des Bestellers, die Telefonnummer oder E-Mail-Adresse für Rücksprachen, die gewünschten Haltstellen für Ein- und Ausstieg, die Anzahl der Fahrgäste und zu transportierende Gegenstände angegeben werden.

Von Annett Meinke

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