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Pirat für eine Stunde

Grevesmühlen Pirat für eine Stunde

Ein Freibeuter im Grevesmühlener Open Air Theater hat‘s nicht leicht. Unser Redakteur hat es ausprobiert.

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Pferdetrainerin Diana Müller: „So werden bei uns Männer abgeschleppt.“

Grevesmühlen. Sand, überall Sand. Ich schmecke ihn sogar, und meine Schulter schmerzt. „So werden bei uns die Männer abgeschleppt“, ruft Diana Müller, die Pferdetrainerin des Piraten Open Air Theaters in Grevesmühlen, und lacht. Sie hat leicht Reden, schließlich sitzt sie oben auf und hält die Zügel in der Hand während ich mit der Nase im Untergrund stecke. Eben noch wurde ich „zum Reden gebracht“, wie Theaterintendant Peter Venzmer diese Foltermethode nennt. An einem Ende eines knapp zwölf Meter langen Seils sollte ich mich festhalten, am anderen Ende angebunden war ein Pferd. Nachdem mir Piraten-Stuntman Sascha Hertwig erklärte und vormachte wie es geht, ließ ich mich selbst gut 20 — gefühlte gut 100 Meter — durch den Bühnensand der Piratenkulisse schleifen. Und warum das alles? Weil ich wissen wollte, was die Grevesmühlener Theatercrew jeden Abend auf sich nimmt.

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Theaterintendant Peter Venzmer erklärt den Ablauf der Szene.

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Rückblick: Als ich im Büro vor Benjamin Kernen stehe, zittern mir die Knie. Okay, er ist Capt‘n Flint. Aber das ist nicht der Grund. Der Zettel, den er mir unter die Nase hält, macht mir Sorgen. „Das müssen hier alle unterschreiben“, sagt der Capt‘n. Darauf steht was von „Verzicht auf Ansprüche“. Ich wollte doch eigentlich nur mal im Schnelldurchlauf wissen, was dazu gehört, wenn man sich im Piraten Open Air Theater mit dem Gesindel der Karibik prügeln muss. Eine kurze Geschichte des Stunttrainings sozusagen. Ein Schnupperkurs. Denkste! Die meinen das ernst!

Jeder Schritt muss sitzen

Für einen kurzen Moment frage ich mich, wer wohl mehr Angst hat. Ich, der Redakteur, oder mein Trainer Mario Eichendorf, Pirat. Auf der einen Seite steht der unerfahrene Neuling, der zum ersten Mal einen Degen in der Hand hat. Könnte ja sein, dass der Profi einen fehlgeleiteten Schlag des Amateurs befürchtet. In diesem Moment muss ich den ersten Angriff meines Kontrahenten parieren. Die Frage ist beantwortet.

„Jeder Schritt ist festgelegt“, sagt Mario Eichendorf. Jeder Darsteller, der beim Piraten Open Air Theater in Kampfszenen verwickelt ist, muss sich daran halten. Nur eine falsche Bewegung, und es wird gefährlich. „Wir üben jetzt den Fünfer“, sagt er. Ich muss Schläge abwehren. Oben, unten rechts, oben, unten links, unten rechts, diese Folge soll ich mir merken. Gar nicht so einfach. Nach zwei, drei Versuchen klappt‘s. „So, das war ja jetzt noch ziemlich langsam“, sagt Mario Eichendorf. Langsam?

Fallen will geübt sein

Was ist so spannend an einem Kampf, bei dem man weiß, wo der Gegner hinschlägt? „Man muss schon höllisch aufpassen, dass man nicht pariert, bevor der andere zuschlägt. Sonst sieht es nicht echt und nicht schön aus.“ Benjamin Kernen, der auch Regie führt, beobachtet das Treiben im Bühnensand von der Tribüne aus. Er wirkt amüsiert.

Ich soll Mario Eichendorf mit dem Degen stechen. Ich piekse. Der Stuntprofi pariert. Benjamin Kernen greift ein, zeigt mit einem langen, eleganten Ausfallschritt, wie man richtig zusticht. Ich versuche, es ihm nachzumachen. „Schon nicht schlecht“, denke ich und spüre, wie steif ich in der Hüfte bin.

Gut zwei Stunden dauert das Stück „Der alte Freibeuter“. Zwei Stunden, in denen gerannt, gefochten, geschossen, gesprungen wird. Mir läuft nach einer Viertelstunde der Schweiß von der Stirn. Ich muss durchatmen. Doch die kleine Fechtsequenz, die mir beigebracht wurde, sitzt so einigermaßen.

Ich soll das Fallen üben. Der Sand sieht glücklicherweise weich aus. „Ist er aber nicht“, sagt mein Trainer. Die Sandschicht ist dünn. Darunter wird es hart, liegt die Drainage, die bei Regen das Wasser ableitet. Mehrfach lasse ich mich auf mein rechtes Knie fallen, dann auf den Rücken plumpsen.

Intendant Peter Venzmer, der sich das Ganze bisher ruhig angeschaut hat, erhebt sich. Ich soll eine kleine Actionszene spielen. Aus der „Roten Laterne“ soll ich zum Steg laufen, zum Segelschiff und zurück rudern, zu Mario Eichendorf laufen, gegen ihn kämpfen, gegen ihn verlieren, zur Kirche flüchten, ans Tor klopfen, feststellen, dass niemand da ist, wieder zum Steg laufen, eine Kanone abfeuern. Das wird anstrengend.

Überraschender Knalleffekt

„Los geht‘s“, ruft Peter Venzmer. Ich renne los. „Halt, Stopp“, rufen die Tribünengäste, „Du bist durch die Wand gelaufen!“ Welche Wand?

„Capt‘n Flint kann zwar einiges, aber durch Wände kann auch er nicht laufen“, sagt Benjamin Kernen als ich die angedeuteten Mauern erkenne, die den Innenraum des Etablissements „Rote Laterne“ erahnen lassen.

Nochmal von vorn. Ich nehme wie jeder ordentliche Pirat die Tür und atme tief durch, als ich nach dem ersten Sprint das Ruderboot erreiche. Ich bin Jens Krause alias Kanonier Spike dankbar, dass er mich zum Segelschiff von Capt‘n Flint begleitet.

Ich erreiche wieder den Steg. Der Degen in meiner rechten Hand wird immer schwerer. „Jetzt zeig ich‘s dir“, will ich rufen, als ich auf Mario Eichendorf zulaufe. Ich entscheide mich dafür, die Restluft zum Atmen zu nutzen.

Wie geplant, lande ich rücklings im Sand und flüchte die steilen Stufen zur Kirche hinauf. Der Pater ist tatsächlich nicht da. Zurück zum Steg. Ich zweifle kurz an der Logik meines Weges, da drückt mir Jens Krause ein Streichholz in die Hand. „Da oben anzünden“, sagte er und zeigt auf ein kleines Loch mit Pulver. Ich hatte eine Lunte erwartet. Während sich Jens die Ohren zuhält — was ich besser auch getan hätte — erwarte ich, dass die üblichen zwei, drei Sekunden bis zum Schuss vergehen, als ich das Pulver anzünde. Schließlich habe ich dass schon unzählige Male so im Fernseh. . .

„Krawumms!“ Mich wirft‘s auf den Hosenboden. Irgendwo hinter mir ertönt eine Mischung aus Gelächter und höflichem Applaus. Geschafft.

Weltbestseller als Inspiration
Inspiriert von Robert Louis Stevensons Roman „Die Schatzinsel“, einem der bekanntesten Abenteuerromane der Weltliteratur, erzählt das Piraten Open Air Theater seit 2005 unter dem Titel „Die schicksalhaften Begegnungen des Capt‘n Flint“ in zehn Episoden die Vorgeschichte dieses Abenteuers .


Die Geschichte ist verwoben mit authentischen Ereignissen und verbürgten Gestalten der Piratenära. Capt‘n Flint begegnet beispielsweise Anne Bonny, einer der wenigen berühmten Piratenfrauen, trifft auf den berüchtigten Calico Jack, Bartholomew Roberts, Stete Bonnet, den spanischen Vizekönig und viele andere Personen der Zeitgeschichte.


In dieser Saison wird bis zum 7. September die neunte Episode gespielt. Sie spielt in der Karibik des 17. Jahrhunderts und heißt „Der alte Freibeuter“. Capt‘n Flint führt es dieses Mal auf die Insel New Providence, wo er es mit dem raffgierigen Gouverneuer, gespielt vom Ex-Glücksrad Moderator Peter Bond, und dem rachsüchtigen Bartholomew Roberts zu tun bekommt.

• Ein Onlinevideo vom Stunttraining ist im Internet zu finden unter:

www.ostsee-zeitung.de

Capt‘n Flint kann zwar einiges, aber durch Wände kann auch er nicht laufen.“Benjamin Kernen, Hauptdarsteller und Regisseur

 

 

Video: Piraten-Stuntman für eine Stunde

Robert Niemeyer

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