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Vorbehalte abbauen und Möglichkeiten ausloten

Grevesmühlen Vorbehalte abbauen und Möglichkeiten ausloten

Seit Anfang Juni ist Tobias Böse Willkommenslotse der Kreishandwerkerschaft Wismar / Er vermittelt Betrieben in der Region Möglichkeiten, mit Flüchtlingen zu arbeiten

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Verstehen sich beruflich und privat gut: (v. l.) Christian Schmoll, Geschäftsführer von Molinaris, Mika Cordes, Nahier Efrem, Efrem Fesshaye und Yordanos Sebhatur. Fotos (2): Jana Franke

Grevesmühlen. Tobias Böse weiß, dass Handwerksfirmen, genauso wie Hotel- und Gastronomieunternehmen im Landkreis händeringend Auszubildende, Fachpersonal und Saisonkräfte suchen. Er weiß auch, dass die Flüchtlinge, die nach Nordwestmecklenburg kommen, diese Lücke nicht schließen werden. Dennoch ist er zuversichtlich, dass sich unter den Neuankömmlingen einige befinden, „die eine Weile in der Region bleiben und arbeiten wollen, in den Sprachkursen Deutsch sprechen gelernt haben – und vielleicht sogar noch an einer Ausbildung interessiert sind.“

OZ-Bild

Seit Anfang Juni ist Tobias Böse Willkommenslotse der Kreishandwerkerschaft Wismar / Er vermittelt Betrieben in der Region Möglichkeiten, mit Flüchtlingen zu arbeiten

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Seit Anfang Juni arbeitet Böse als Willkommenslotse für die Kreishandwerkerschaft Nordwestmecklenburg-Wismar. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert 150 Lotsen-Stellen deutschlandweit. 30 Prozent von Tobias Böses Stelle finanziert die Kreishandwerkerschaft.

Der Willkommenslotse spricht kleinere und mittlere Unternehmen in Nordwestmecklenburg an und lotet mit ihnen die Möglichkeiten aus, Flüchtlinge zu beschäftigen. Auch bestehende Vorbehalte können offen besprochen werden. „Es gibt bereits Firmen in der Region, die gute Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht haben. Sie sind zum Informationsaustausch mit anderen Unternehmen bereit. Das ist besonders hilfreich“, erzählt der 38-Jährige. Eine Malerfirma aus Wismar zum Beispiel, berichtet er, beschäftigt einen jungen Syrer, der sich selbst auf die Suche nach einem Praktikum begeben hat.

„Am Anfang waren sie schon ein wenig skeptisch, einfach, weil es komplettes Neuland war. Inzwischen ist der junge Mann voll integriert und der Liebling der Firma.“

Hilfreich für einen guten Kontakt zu den Firmen ist, dass Tobias Böse selbst gelernter Zimmermann ist. Außerdem war er als Soldat im Kosovo und in Afghanistan eingesetzt. Er kennt also andere Kulturkreise und die Konfliktpotentiale, die sie bergen können, aus eigener Erfahrung. Zudem weist Böse Erfahrung im Bereich Integration auf. „Nach meiner Armeezeit“, erzählt er, „habe ich in verschiedenen Pilotprojekten in Unterfranken gearbeitet. Dabei ging es um die Integration von Jugendlichen aus Russland, der Türkei und Afghanistan.“ Dann hat es Böse in die Heimat zurückgezogen.

Seit 2011 lebt der gebürtige Rostocker in Boltenhagen.

Antje Lange, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft in Wismar, erklärt: „Wir haben Jemanden für diese Position gesucht, der kommunikativ ist, vorhandene Netzwerke zu nutzen versteht und in der Lage ist, mit anderen Institutionen und Partnern eigene Netzwerke aufzubauen.“ Tobias Böse arbeitet eng mit anderen Lotsen in MV zusammen. Ein weiterer ist bei einem freien Bildungsträger in Wismar beschäftigt, auch in Schwerin und im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte arbeiten Willkommenslotsen.

Wichtig ist für Antje Lange, dass der soziale Aspekt des Engagements der Kreishandwerkerschaft und der Firmen, die Flüchtlinge zum Praktikum, für länger oder auch während einer Ausbildung beschäftigen, gewürdigt wird. „Die Unternehmen leisten damit einen humanitären Beitrag. Nicht nur die Sozialsysteme können so entlastet werden, es besteht auch die Chance, dass die Menschen, wenn wieder Frieden in ihrer Heimat ist, mit neuen beruflichen Fähigkeiten und vielleicht sogar mit einer Ausbildung zurückgehen und helfen können, sie wieder aufzubauen.“

Als Hilfsarbeiter einen Neustart wagen

Beobachtet man Nahier beim Spielen, ist ihm auf den ersten Blick nicht anzumerken, dass er eine harte Reise in einem kleinen Boot hinter sich hat.

Vergnügt springt er auf dem Trampolin oder rast die Rutsche hinunter. Erst, als er plötzlich bitterlich weint, weil er nicht weiß, wo seine Eltern geblieben sind, wird klar: Die Flucht aus Eritrea hat bei dem Fünfjährigen Narben hinterlassen.

Dabei sind Papa Efrem Fesshaye (33) und Mama Yordanos Sebhatu (28) nur im Keller des Doppelhauses in Neuenhagen und treffen letzte Vorbereitungen für morgen. Christian Schmoll hat dort sein Büro. Der 39-jährige Geschäftsführer der Molinaris Solartechnik GmbH hat in Efrem einen neuen Mitarbeiter gefunden, der Hilfsarbeiten ausführt. „Ich bin damals nach Mallentin gefahren und habe gefragt, wer für mich arbeiten möchte“, erzählt der Geschäftsmann. Efrem – in Eritrea als Händler tätig gewesen – erklärte sich sofort bereit. Und nun ist er stolz, dass er 450 Euro zu seinem Familienleben beitragen kann. „Zum einen ist es schwierig, derzeit Personal zu finden. Zum anderen bin ich weltoffen“, begründet Christian Schmoll seinen Schritt, einen anerkannten Flüchtling zu beschäftigen.

Als Nahier Mama und Papa in Sichtweite hat, genießt er wieder das Spiel mit den anderen Kindern auf dem Hof. Mit seinen Eltern lebt er in Mallentin. Seinen Papa hat er erst vor einigen Monat richtig kennengelernt. Nahier war elf Monate alt, als sich sein Papa – politisch verfolgt – auf den Weg nach Europa machte. „Er war damals zu klein, um mitzukommen“, erzählt Efrem in gebrochenem Deutsch. Mit seiner Mama, die als Friseurin arbeitete, blieb Nahier in seinem Heimatland. Drei Jahre und fünf Monate später begaben sie sich auf die Flucht und reisten Efrem, der eineinhalb Jahre in Italien, zwei Jahre in Schweden und jetzt schließlich in Deutschland lebt, hinterher. Während Nahier tagsüber im Kindergarten ist, macht sein Papa einen Deutschkurs und montiert anschließend als Hilfsarbeiter Solaranlagen auf Dächer. Bereut hat Christian Schmoll den Schritt, Efrem zu beschäftigen, nicht. Im Gegenteil, auch privat verstehen er und seine Freundin Sarah Cordes sich mit der Familie gut. Jana Franke

768 Asylbewerber leben derzeit im Landkreis

Die große Flüchtlingswelle hat gemessen an den Zahlen Nordwestmecklenburg nie erreicht. Als die Debatte um die Zuwanderung Ende vergangenen Jahres ihren Höhepunkt erreichte, ging die Kreisverwaltung in einer groben Schätzung davon aus, dass 2016 etwa 600 bis 700 Wohnungen für die Unterbringung der Asylbewerber gebraucht würden. Diese Zahl wurde nicht ansatzweise erreicht.

Wie die Kreisverwaltung gestern mitteilte, leben derzeit 768 Asylbewerber in Nordwestmecklenburg. Insgesamt beläuft sich die Zahl der ausländischen Mitbürger in Nordwestmecklenburg auf knapp über 5000. Der Großteil von ihnen sind Männer, Frauen und Kinder, die bereits seit vielen Jahren im Landkreis leben, aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

In Grevesmühlen leben laut der aktuellen Einwohnerstatistik etwas mehr als 200 Menschen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Allerdings gehört nur ein geringer Teil von ihnen zur Gruppe der Flüchtlinge und Asylbewerber. Die Mehrheit der Ausländer in Grevesmühlen stammt aus Ländern wie Syrien, Russland, Ghana und Kasachstan.

Der Willkommenslotse

Der Willkommenslotse berät die Unternehmen in allen praktischen Fragen der Integration durch Hospitation, Praktika, Einstiegs-Qualifizierung, Ausbildung oder Arbeit. Er informiert die Unternehmen über mögliche Maßnahmen für eine erfolgreiche betriebliche Integration und berät auch hinsichtlich der rechtlichen Rahmenbedingungen.

Kontakt: Tobias Böse, ☎ 03 84 1/ 27 17 14 und ☎ 01 73 / 20 15 25 0,

Mail: Tobias.Boese@kh-mail.de

Annett Meinke

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