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Prozess wegen Misshandlung: Junge wurde regelrecht gefoltert

Schwerin/Grevesmühlen Prozess wegen Misshandlung: Junge wurde regelrecht gefoltert

Der Dreijährige aus Grevesmühlen war im Frühjahr 2016 mit akuter Unterernährung und zahlreichen Hämatomen ins Wismarer Klinikum eingeliefert worden. Die Eltern verweigerten zum Prozessauftakt die Aussage. Trotzdem wurde grausige Details bekannt.

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In Schwerin hat am Donnerstag vor dem Landgericht der Prozess gegen ein Elternpaar aus Grevesmühlen begonnen.

Quelle: Jens Büttner/dpa

Schwerin/Grevesmühlen. In Schwerin hat am Donnerstag vor dem Landgericht der Prozess gegen ein Elternpaar aus Grevesmühlen begonnen. Ihm wird vorgeworfen, einen damals drei Jahre alten Jungen misshandelt und gequält zu haben. Die 37 und 32 Jahre alten Angeklagten verweigerten zum Prozessauftakt die Aussage. Der Fall war im Frühjahr 2016 öffentlich geworden, nachdem ein anonymes Schreiben aufgetaucht war, das die Personalprobleme im Jugendamt des Landkreises anprangerte.

 

Der Junge war damals mit akuter Unterernährung und zahlreichen Hämatomen ins Wismarer Klinikum eingeliefert worden. Das Kind wog nur noch zehn Kilogramm, 15 hätten es nach Einschätzung von Experten sein müssen. Doch die Mangelernährung war nur eine von zahlreichen Auffälligkeiten zu diesem Zeitpunkt. Denn was die Ermittlungen anschließend zutage förderten, ist eine Horrorgeschichte.

Hämatome am ganzen Körper

So sollen Ronny und Nicole B. den Jungen regelrecht gefoltert haben. In der Anklageschrift wird beschrieben, wie die 32-Jährige das Kind mehr als drei Stunden in der Badewannen hocken ließ, zuvor hatte sie es mit eiskaltem Wasser übergossen. Der Grund: Der Junge hatte eingenässt. Ein anderes mal stopfte sie den Kopf den Kindes in die mit Fäkalien verstopfte Toilette. Der Körper des Jungen war mit großflächigen Hämatomen übersät, wie sich bei der Untersuchung im Krankenhaus herausstellte.

Als Grund für die systematischen Misshandlungen gaben die Angeklagten in den Vernehmungen an, dass es keine Bindung zu dem Jungen gegeben habe. Irgendwann hätten sie das Kind nur noch als Objekt gesehen, der Junge musste über Wochen in einer mit Urin und Kot verschmutzten Matratze schlafen.

Laut der Anklageschrift haben die schweren Misshandlungen deutliche Spuren hinterlassen, der Junge sei vermutlich dauerhaft geistig gestört.

Gerichtsentscheid holte Kind aus Wohngruppe

Ursprünglich hatte das Kind in einer Wohngruppe in Schwerin gelebt, erst Ende 2015 hatte das Gericht dem leiblichen Vater Ronny B. das Mitsorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen, nachdem er seine Lebensgefährtin geheiratet hatte. Weil Ronny B. zu dieser Zeit als Fernfahrer tätig war, kümmerte sich Nicole B. die meiste Zeit um den Jungen. Doch aufgrund der gestörten Bindung habe sie begonnen, mit Zustimmung ihres Lebensgefährten das Kind regelrecht zu foltern. Laut Anklageschrift gibt es mehrere Nachrichten zwischen Ronny und Nicole B., in denen er die Bestrafungen des Jungen billigt. Aufgrund des psychischen und physischen Drucks hatte der Junge über Monate hinweg die Nahrung verweigert. Doch selbst diese lebensgefährliche Situation ignorierten die Angeklagten. Er sei selbst schuld an der Situation. Aus den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geht hervor, dass die Angeklagten sich durchaus bewusst waren, dass sie mit einer Anzeige zu rechnen hätten.

Junge zeigt deutliche Auffälligkeiten

Am 13. Mai 2016 hatte schließlich eine Mitarbeiterin des Jugendamtes reagiert, als die Misshandlungen an dem Jungen nicht mehr zu übersehen waren. In der Klinik wurde der Junge wieder aufgepäppelt, allerdings trage er vermutlich zeitlebens die Folgen des monatelangen Martyriums. Er sei entwicklungsverzögert und zeige deutliche Auffälligkeiten und Aggressionen, heißt es aus den Ermittlungen. Inzwischen lebt das Kind bei einer Pflegefamilie.

Der Fall hatte im Frühjahr bundesweit für Aufsehen gesorgt. Durch das anonyme Schreiben, in dem anhand des Opfers die mutmaßlichen Missstände im Jugendamt Nordwestmecklenburg angeprangert wurden, reagierte auch die Politik. Zwar beteuerten die Vertreter der Behörde, dass von Seiten des Landkreises keine Fehler begangen worden seien, doch im Nachgang gab es eine umfassende Prüfung der Abläufe im Jugendamt. Der Bericht liegt seit wenigen Wochen vor. Kernaussagen darin: Das Jugendamt stößt bei kritischen Fällen immer wieder an seine personellen Grenzen.

Michael Prochnow

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