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Rührende Geschichten beim Dorffest

Retelsdorf Rührende Geschichten beim Dorffest

Nach 60 Jahren gab es erstmals wieder ein Fest in der kleinen Gemeinde Retelsdorf bei Schönberg / Viele Erinnerungen wurden wieder wach bei den Gesprächen über die alte oder die neue Heimat

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Lore Dose mit dem Fotoalbum, in dem auch Fotos ihrer Hochzeit vor 65 Jahren in Retelsdorf zu sehen sind.

Retelsdorf. Was für eine rührende Szene beim Dorffest in Retelsdorf. Lore Dose (89) blättert in einem Fotoalbum, betrachtet ein Bild, auf dem sie und ihr Ehemann Jochen zu sehen sind. Es ist der Tag ihrer Hochzeit in Schönberg im Jahr 1951. Vor dem Brautpaar stehen zwei kleine Mädchen. Es sind Sigrid Döring (geb. Mahlke) und Susanne Kort (geb. Prihoda), damals acht und sieben Jahre alt. Sie tragen hellblaue Kleider und streuen Blumen für das Brautpaar. 65 Jahre später haben sich die damalige Braut Lore Dose und die Blumenstreumädchen wieder getroffen – beim Dorffest in Retelsdorf. Per Zufall. Denn als Lore Dose durch das Album blättert, zeigt Sigrid Döring auf eines der beiden Mädchen und sagt: „Das bin ich.“ Ihr Gegenüber sitzt Susanne Kort. „Und das andere Mädchen bin ich.“ Was folgt, ist eine herzliche Umarmung. Minutenlang.

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Nach 60 Jahren gab es erstmals wieder ein Fest in der kleinen Gemeinde Retelsdorf bei Schönberg / Viele Erinnerungen wurden wieder wach bei den Gesprächen über die alte oder die neue Heimat

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Da haben wir gesagt: So, jetzt ist Schluss. Wir müssen weg.“Lore Dose (80), ehemalige Bewohnerin

So wie Lore Dose, Sigrid Döring und Susanne Kort ging es vielen Besuchern. Einige Gäste des Dorffestes hatten sich jahrzehntelang nicht gesehen, liegen sich in den Armen, drücken sich ganz fest, streicheln sich über die Wangen. Rührende Bilder. Genau nach dem Geschmack der Einwohner des kleinen Ortes, die erstmals nach rund 60 Jahren wieder ein Dorffest organisiert und dazu ehemalige Retelsdorfer eingeladen haben. Mehr als 90 Gäste sind gekommen. So wie Lore Dose aus dem schleswig-holsteinischen Hoisdorf, so wie Ulrich Strek mit seiner Frau Roswitha aus Dessau oder so wie Lieselotte und Manfred Bartel aus der Nähe von Potsdam.

Sie alle, sagen sie, haben schöne Erinnerungen an die Zeit in dem kleinen Dorf. Ihre Heimat, betont Lore Dose, ist immer noch Retelsdorf, nicht Hoisdorf in Schleswig-Holstein. In dem kleinen Dorf bei Schönberg ist sie aufgewachsen, verbrachte hier ihre Jugend, war ungemein glücklich. Damals hatte Lore Dose geglaubt, sie würde für immer in Retelsdorf bleiben. Doch mit der Teilung Deutschlands kam alles anders. Die Bauern waren nicht mehr frei, mussten je nach Qualität des Ackerlandes Abgaben leisten. „Unser Boden war sehr schwer“, sagt die 89-Jährige. „Deshalb mussten wir sehr viel mehr von unserer Ernte abgeben als die anderen Bauern.“ Das von der LPG vorgegebene Soll konnten Lore Dose und ihr Mann Jochen nie erreichen. Das Resultat: „Wir kriegten nie Butter, obwohl wir Kühe im Stall hatten und melken mussten.“ Auch schlachten durften Doses nicht. „Wir sind nur mit Quark und Sirup auf´s Feld gezogen. Zum Brot beschmieren.“

Nachdem Politiker der DDR am 20. März 1952 die Verordnung über devastierte Betriebe erlassen hatten, durfte Lore Dose – ihr gehörte die Bauernstelle in Retelsdorf – ihren eigenen Hof nicht mehr bewirtschaften. Durch den Beschluss des Ministerrates wären die Eheleute Dose getrennt worden, sagte sie. „Ich sollte an die polnische Grenze.“ Ihr Ehemann Jochen nicht. Er hätte in Retelsdorf bleiben können. „Da haben wir gesagt: So, jetzt ist Schluss. Wir müssen weg.“ Wie viele andere Bauern auch verließen Lore und Jochen Dose im Jahr 1953 schweren Herzens ihre Heimat. „Mit fürchterlichen Ängsten“ ging es zunächst per Bahn nach Berlin. Von dort später nach Schleswig-Holstein. Was geblieben ist, sagt Lore Dose beim Dorffest, sind die vielen Erinnerungen an die Heimat.

Auch Ulrich Strek hat viel zu erzählen. Er war damals fünf Jahre alt, als er mit seiner Mutter und seinem Bruder mit Pferd und Wagen aus Westpreußen nach Retelsdorf kam. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele Flüchtlinge in dem kleinen Ort eine neue Heimat. „Wir wurden hier warmherzig aufgenommen“, erinnert sich Ulrich Strek. Die Landwirte halfen, wo sie konnten. 146 Einwohner hatte Retelsdorf kurz nach dem Krieg 1946. Der Zusammenhalt war groß, das Dorf lebendig. Damals gab es Ringreiten im Dorf, später sogar einen sogenannten Beatschuppen, in dem die Retelsdorfer mit Gästen aus Schönberg und den umliegenden Dörfern tanzten. Ende der 80er Jahre drohte das Dorf dagegen auszusterben. Viele alte Leute lebten in dem Ort zwischen Schönberg und Rehna. Kinder sah man selten auf dem Dorfplatz. Doch zum Glück kam die Wende. Junge Leute zogen nach Retelsdorf. Sie kannten das Dorf, waren hier oft zu Besuch bei ihren Großeltern und übernahmen die Gehöfte. Sie sorgten für Nachwuchs und senkten das Durchschnittsalter deutlich. Heute leben 30 Kinder, Männer und Frauen im Schönberger Ortsteil.

Die erste urkundliche Erwähnung von Retelsdorf erfolgte übrigens im Jahr 1292. Das bedeutet: Das kleine Dorf wird im nächsten Jahr 725 Jahre alt – der nächste Anlass für ein Dorffest.

Steffen Oldörp

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