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Tischlerei baut auf 200 Jahre Erfahrung

Schönberg Tischlerei baut auf 200 Jahre Erfahrung

Der Familienbetrieb Vierig arbeitet seit 1817 / Er ist Träger des Bundespreises für Denkmalschutz

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Die Firma Vierig heute (v. l.): Altgeselle Ingo Bagdahn, Sabine Vierig, Inhaber Jörg Vierig, Hannelore Vierig, Altgeselle Daniel Kerinnes und Senior Karl-Heinz Vierig, der noch unterstützt.

Quelle: Foto: Petra Gansen

Schönberg. Freiheitsliebende Studenten protestieren auf dem Wartburgfest gegen die Herrschaft des Adels, Franz Schubert schreibt eines seiner bekanntesten Lieder, „Die Forelle“, der Revolutionär José de San Martín zieht mit einer Armee von Argentinien aus über die Anden, um Peru und Chile von der spanischen Kolonialherrschaft zu befreien, Karl Drais erfindet den nach ihm benannten Vorläufer des Fahrrads, die Draisine: All dies trug sich in dem Jahr zu, in dem die nunmehr älteste Firma in Schönberg gegründet wurde. Seit 1817 hat die Tischlerei Vierig die Zeiten der Kleinstaaterei, des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, der Naziherrschaft, der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands hindurch gearbeitet. Anfang Mai feiert sie ihr 200-jähriges Bestehen. Geschlossen war sie nie.

OZ-Bild

Der Familienbetrieb Vierig arbeitet seit 1817 / Er ist Träger des Bundespreises für Denkmalschutz

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Jörg Vierig führt den Betrieb in sechster Generation. Was bedeutet für ihn Tradition? Er antwortet: „Man muss als Familienbetrieb immer wieder auf die Tradition aufbauen. Es geht gar nicht anders.“

Der kleine Betrieb habe über die Höhen und Tiefen in Politik und Gesellschaft hinweg dazu beigetragen, dass die Familie ihr Auskommen hat. Mit Weiterentwicklungen habe jede Generation dazu beigetragen, dass es die nächste etwas leichter hat. Dann fügt Jörg Vierig hinzu: „Tradition bedeutet für mich auch, das zu ehren und zu achten, was die Vorfahren geschaffen haben.“

Dieser Anspruch passt zu vielen Restaurierungs- und Denkmalschutzarbeiten der Firma Vierig, auch in der Lübecker Innenstadt. Die Schönberger Tischlerei bekommt heute mehr Empfehlungen von der Denkmalschutzbehörde, als sie abarbeiten kann. 2013 erhielt sie den Bundespreis für Denkmalschutz. „Eine bessere Referenz kann man gar nicht haben“, erklärt der Chef. Er sagt, dass die in vielen Branchen festzustellende Rückbesinnung auf das Ursprüngliche auch im Tischlerhandwerk angekommen ist. Viele Kunden würden großen Wert aufs Handwerkliche, auf Qualität legen. Was der Traditionsfirma heute zu schaffen macht: der Fachkräftemangel. Eine freie Stelle konnte Jörg Vierig nicht besetzen.

Ob es vor 200 Jahren dem Gründer des Familienbetriebs ähnlich erging? Sicher ist, dass Johann Peter Carl Stüve am 5. Mai 1817 die Meisterprüfung ablegte und den kleinen Handwerksbetrieb am heutigen Standort eröffnete. Johann Peter Carl Stüves Sohn Johann Georg Heinrich begann seine Tischlerlehre noch beim Vater. Nach dessen Tod 1835 musste der Junior, erst 15 Jahre alt, die Firma zusammen mit seiner Mutter Anna Marie Elisabeth weiterführen. 1852 baute er das von seinem Vater errichtete kleine Fachwerkhaus mit angeschlossener Werkstatt um und vergrößerte es fürs Arbeiten und Wohnen. 1890 kam der Name Vierig in die Tischlerei. Heinrich Vierig heiratete knapp zwei Monate nach der bestandenen Meisterprüfung Auguste Stüve, die Tochter und spätere Erbin seines Lehrmeisters.

Somit blieb der Betrieb nach Johann Georg Heinrich Stüves Tod Ende 1890 als „Tischlerei Vierig“ in Familienhand.

Heinrich Vierigs Sohn Adolf erlernte bei seinem Vater das Tischlerhandwerk. Zudem besuchte er die Kunstgewerbeschule in Hamburg – wie einige Jahre zuvor Ernst Barlach, der als Kind und Jugendlicher ebenfalls in Schönberg wohnte. Adolf Vierig baute das Wohnhaus aus und errichtete, um neue Maschinen einsetzen zu können, eine größere Werkstatt. Seine Firma erledigte alle anfallenden Tischlerarbeiten, „von der Wiege bis zum Grabe“. In Einzelfertigung stellte sie auch Särge her.

Adolf Vierigs Sohn Karl-Heinz bestand die Meisterprüfung bei der Handwerkskammer Schwerin am 17. Juni 1953. Heute sagt Jörg Vierig: „Mein Vater hatte die schwierigste Zeit in der Familiengeschichte.“ Der Inhaber wurde aus ideologischen Gründen dazu gedrängt, den Betrieb verstaatlichen zu lassen. Doch trotz der enormen psychischen und physischen Belastungen, trotz staatlicher Planauflagen, trotz Materialmangel und obwohl Fachkräfte abgezogen wurden, konnte Karl-Heinz Vierig die private Firma über die Zeit der DDR hinweg für die Familie retten. Das Wohnhaus baute er weiter aus.

Nach dem Ende der DDR schloss Karl-Heinz Vierig seiner Bau-, Möbel- und Sargtischlerei ein Bestattungsunternehmen mit eigenem Fahrzeug an. Es ist für die Familie bis heute mehr als ein Job. „Man kann damit Menschen in schwierigen Situationen helfen und ist dabei auch Psychologe“, erklärt Jörg Vierig. Einfühlungsvermögen sei bei dieser Aufgabe wichtig. Es präge ihn, dass ihm immer wieder vor Augen geführt wird, dass das Leben endlich ist.

Jörg Vierig leitet den Betrieb seit 1996. Heute arbeiten für die Firma der Inhaber, seine Frau Sabine, seine Mutter Hannelore und die beiden Altgesellen Ingo Bagdahn und Daniel Kerinnes. Sohn Marc hat beim Vater Tischler gelernt und zeigte sich ebenso künstlerisch begabt wie der Urgroßvater. Doch ob er den traditionsreichen Familienbetrieb einmal übernehmen wird, steht nicht fest. Jörg Vierig hofft es. Derzeit arbeitet sein Sohn für eine Firma in Lübeck. In diesem Jahr will er mit der Meisterschule beginnen. Sein Vater sagt: „Tradition verpflichtet. Es ist aber keine Zwangsmaßnahme. Wenn man älter wird, bildet sich das Verständnis dafür von alleine aus.“

Jürgen Lenz

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