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Schrauben und flicken gegen den Alltag

Grevesmühlen Schrauben und flicken gegen den Alltag

Die Flüchtlingshilfe „bleib.mensch“ für Grevesmühlen, Mallentin, Schönberg und Umgebung eröffnete in der Bildungswerkstatt der Diakonie in Grevesmühlen eine Fahrradwerkstatt / Nicht nur Flüchtlinge sind willkommen

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Macht ein altes Fahrrad für seine Tante Zahia (58) flott: Mohammed (20). Beide sind aus Syrien geflohen.

Quelle: Fotos: Jana Franke

Grevesmühlen. Die Augen von Zahia leuchten. Endlich hat sie ein Fahrrad, um den langen Weg zum Sprachkursus vom Neubaugebiet zur Volkshochschule im Gymnasium „Am Tannenberg“ zurückzulegen. Noch ist der Drahtesel ein Klappergestell, ausrangiert von einem Bürger aus Grevesmühlen, der das Gefährt spendete. Flott gemacht wird es in der Fahrradwerkstatt im ehemaligen Überbetrieblichen Ausbildungszentrum (ÜAZ) im Grünen Weg. Ins Leben gerufen wurde sie von der Grevesmühlener Flüchtlingshilfe „bleib.mensch“. Ab sofort können jeden Mittwoch von 12 bis 15 Uhr Fahrräder abgegeben oder an ihnen geschraubt werden. Zur Verfügung gestellt werden diese Flüchtlingen, die im Landkreis leben. „Das Projekt richtet sich aber nicht nur an Flüchtlinge“, erklärt Johannes Schürmeyer, Leiter der Werkstatt. „Jeder ist willkommen“, betont er. Angesprochen sind also auch Hilfebedürftige ohne Migrationshintergund. „Gegen einen Pfandbetrag von zehn Euro können die Räder mit nach Hause genommen werden“, schildert er.

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Die Flüchtlingshilfe „bleib.mensch“ für Grevesmühlen, Mallentin, Schönberg und Umgebung eröffnete in der Bildungswerkstatt der Diakonie in Grevesmühlen eine Fahrradwerkstatt / Nicht nur Flüchtlinge sind willkommen

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Mit einem Handfeger fegt Mohammed die Spinnweben und den Staub vom Fahrrad, auf dem seine Tante Zahia bald sitzen will. Solche Tätigkeiten lenken ab – vom mitunter eintönigen Alltag in Deutschland und vor allem von der schrecklichen Vergangenheit. Der 20-Jährige ist gemeinsam mit seiner 58-jährigen Tante aus Syrien geflohen – über das Mittelmeer in einem Schlauchboot. 2000 Euro hat Zahia dem Schleuser dafür bezahlt – und fast auch mit ihrem Leben. Fast sei das Boot gekentert, weil es so überfüllt war, erzählt sie. Eine Chance in Syrien sahen beide nicht mehr. Sie war Lehrerin, er im ersten Studienjahr für Ingenieurwesen. Die Familie haben sie zurückgelassen; Mohammed seine Eltern und Geschwister, Zahia ihre Kinder und Enkelkinder. „Wir hoffen, dass wir sie nachholen können“, sagt sie. Nach mehreren Fragen zu ihrer Heimat verschwindet plötzlich das Leuchten in ihren Augen, das das Fahrrad hervorrief. Sie bricht in Tränen aus. „Uns ging es gut. Heute ist Krieg und die Stadt ist nicht wiederzuerkennen“, sagt sie. Bilder aus Aleppo im Fernsehen, in der Zeitung und im Internet stimmen sie traurig. Ihre zurückgelassenen Kinder und Enkelkinder schicken ihr Fotos vom einstigen Wohnhaus. Die dritte und vierte Etage sind weggebombt, in der zweiten wohnt die Familie. „Sie schlafen im Eingangsbereich, sodass sie bei einem Bombenalarm schnell fliehen können.“

Vorstellbar ist das Erzählte für Außenstehende kaum, die Tränen und das Schluchzen sagen mehr als Tausend Worte. Zahia widmet sich dem Fahrrad – um sich abzulenken.

Einige Meter weiter schraubt Danilo Höfling an einem anderen Fahrrad. Der 34-Jährige arbeitet bei der Diakonie und hat das Reparieren von Fahrrädern nach eigenen Angaben gelernt. „Helfen ist für mich Ehrensache“, erzählt er. Darüber ist Johannes Schürmeyer froh, denn: „Manche Sachen sind für mich böhmische Wälder“, bezieht er sich auf seine neue Tätigkeit als Fahrradmonteur. „Aber ich mache es gern und lerne viel dazu.“ Und irgendwie kommen sie alle gemeinsam zu einem zufriedenstellenden Ergebnis – Flüchtlinge und Einheimische. So sind die Bremsen am rostigen Fahrrad eines 24-Jährigen aus Afghanistan, der seinen Namen nicht nennen möchte, im Nu repariert. Weil er Nato-Truppen mit dem Dolmetschen unterstützte, nahmen ihn Talibankämpfer vor mehr als einem Jahr in Gewahrsam, beginnt der junge Mann zu erzählen. Er konnte fliehen. Sein Weg führte ihn nach Deutschland – wo er nach eigenen Angaben gleich negative Erfahrungen machte. „Nachts klopfte es an der Tür“, erzählt er in gutem Deutsch. Er öffnete und unvermittelt schlug ihm ein Maskierter ins Gesicht. „Ich will hier nur in Ruhe leben. Ich bin nicht hier, um zu kämpfen“, betont er.

Seit November nimmt er an einem Sprachkursus in der Kreisvolkshochschule teil. Die Kosten dafür übernimmt eine Patin von der Flüchtlingshilfe. „Dafür bin ich sehr dankbar“, erzählt der gelernte Traktormechaniker. Er hofft, bald in Deutschland arbeiten zu können. „Ich habe mich in Hamburg in einem Baumarkt beworben.“

Nach und nach füllt sich die Werkstatt – und Johannes Schürmeyer hat alle Hände voll zu tun. „Vielleicht findet sich ja noch jemand, der mich bei dem Projekt unterstützen kann“, sagt er hoffnungsvoll. Treffpunkt ist jeden Mittwoch in der Werkstatt. Den Rest der Woche unterstützt Schürmeyer seine Frau Renate U. Schürmeyer, die im Landkreis als Künstlerin ihr Geld verdient.

Kontakt: ☎ 0 38 81/75 82 78

Flüchtlingshilfe

In der Flüchtlingshilfe „bleib.mensch“ für Grevesmühlen, Mallentin, Schönberg und Umgebung engagieren sich mehr als 50 ehrenamtliche Helfer aus dem Landkreis. Sie sind den Flüchtlingen eine wichtige Stütze im Alltag.

Regelmäßig gibt es in Grevesmühlen ein Begegnungscafé, bei dem sich Einheimische und Flüchtlinge zu einem gemütlichen Plausch mit Kaffee und Kuchen im Gemeinderaum der Kirchengemeinde treffen. Gestern war Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Birgit Hesse zu Gast.

Die neue Fahrradwerkstatt ist mittwochs von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

Jana Franke

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Leiter Lokalredaktion: Michael Prochnow
Telefon: 0 38 81 / 78 78 10
E-Mail: grevesmuehlen@ostsee-zeitung.de

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