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Sicherer Hafen für Menschen mit Behinderungen

Grevesmühlen/Boltenhagen Sicherer Hafen für Menschen mit Behinderungen

Das Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg feiert 25-jähriges Jubiläum

Grevesmühlen/Boltenhagen. Harald Neumann schützt sich mit dem Visier und setzt gekonnt den Schweißstab an die Metallstange. In wenigen Sekunden ist diese mit einem Rohr verbunden. Er setzt das Visier ab und legt das Schweißgerät aus der Hand. Dann wird es ruhig in der Metallwerkstatt des Diakoniewerks. Frühstück. Eine halbe Stunde hat der 61-Jährige nun Zeit für einen Plausch mit seinen Kollegen – alles Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, für die die Arbeitsstätte in Upahl ein sicherer Hafen ist.

OZ-Bild

Das Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg feiert 25-jähriges Jubiläum

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Empfang zum Jubiläum

Seit 2005 gibt es die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Upahl. Die Geschichte des Diakoniewerks im nördlichen Mecklenburg, die die Werkstatt betreibt, reicht weiter zurück – sie begann am 26. Juni 1992, als der Gesellschaftervertrag unterzeichnet wurde. 25 Jahre ist das jetzt her – und das Jubiläum wird gefeiert. Am Montag ist im Vereinshaus in Grevesmühlen ein Empfang geplant. Mit dabei sind Menschen, die die Anfänge des Diakoniewerks kennen, zum Beispiel Fred Mente, der im Dezember 1994 die Geschäftsführung übernahm. Seit 2010 hat Kirsten Balzer den sprichwörtlichen Hut auf.

Mit den Jahren wurde ihr Aufgabenfeld immer größer. Mittlerweile zeichnet sie für 720 Mitarbeiter in 60 Einrichtungen in Nordwestmecklenburg und im Landkreis Rostock verantwortlich. Hinzu kommen 267 Menschen mit Behinderungen, die in Werkstätten in den Bereichen Tischlerei, Metall, Näherei, Hauswirtschaft, Küche, Gartenlandschaftsbau sowie Montage und Verpackung arbeiten. Die Mitarbeiter kommen aus dem gesamten Landkreis. „Die Fläche ist eine Herausforderung“, sagt Kirsten Balzer. Die Menschen mit Behinderungen, die zu Hause leben, haben oft lange Fahrzeiten. Um 7 Uhr beginnt die Arbeit.

Mitunter steht der Fahrdienst schon vor 6 Uhr vor der Tür.

Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt

Eine Situation, die auch Katrin Geldschläger aus Grevesmühlen von ihren ehemaligen Kollegen kennt. Die 35-jährige Grevesmühlenerin mit Handicap hat zehn Jahre in der Werkstatt des Diakoniewerks gearbeitet. Hauswirtschaft war ihr Bereich. Dank eines Projekts ist die junge Frau auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt worden. „Wir vermissen sie“, sagt Kirsten Balzer. „Aber unser Ziel ist es nicht, die Menschen in unseren Werkstätten zu halten, sondern sie zu vermitteln, wenn es möglich ist“, freut sie sich über Katrins Erfolg. Sie arbeitet seit 2013 in der Villa Seebach in Boltenhagen.

Arbeitgeberin Manuela Homuth-Weilepp ist zufrieden. „Sie kommt immer mit Freude zur Arbeit. Leider gibt es zu wenige Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen.“

Manuela Homuth-Weilepp hat zwei Kollegen mit Behinderungen. Auch Stefan Meier, ihr 26-jähriger Bruder, ist bei ihr beschäftigt. Stefan leidet an einer rechtsseitigen spastischen Lähmung und arbeitet im Servicebereich. Für Manuela Homuth-Weilepp sei es ganz wichtig, dass beide „wie normale Arbeitnehmer“ integriert werden.

Integration wird großgeschrieben

Integration schrieb auch die Diakonie von Anfang an groß. Ein Beispiel ist das Inklusive Sportfest „Aufeinander Zubewegen“, das jedes Jahr vom Diakoniewerk, vom Behinderten- und Rehabilitationssportverein Grevesmühlen und von der Stadt veranstaltet wird. Seit fünf Jahren zeigen sie: Menschen mit und ohne Behinderungen können gemeinsam Sport machen. Ein weiteres Projekt liegt Kirsten Balzer am Herzen: das ambulant begleitete Wohnen. Das Diakoniewerk war einer der ersten Träger im Landkreis, der das Angebot vorhielt, und zählt mittlerweile 66 Menschen mit psychischer und geistiger Behinderung, die in Nordwestmecklenburg in ihrer eigenen Häuslichkeit leben und begleitet werden, im Landkreis Rostock sind es 116. „Hilfe bekommen die Klienten unter anderem im Haushalt, sie werden in der Freizeitgestaltung begleitet oder bei der Verwaltung ihrer Haushaltskasse unterstützt“, zählt Kirsten Balzer auf.

Absage für besondere Wohngemeinschaft

Nicht immer rosig sind die Zeiten im Diakoniewerk. So stößt die Geschäftsleitung auch schon mal an ihre Grenzen. Eine solche ist zum Beispiel eine Entscheidung des Sozialministeriums Schwerin. „Wir hatten die Idee, in Kirch Mummendorf eine Wohngemeinschaft für Kinder und junge Erwachsene mit besonderen Verhaltensweisen neu zu bauen“, so Kirsten Balzer. Es habe häufig Anfragen im Kinder- und Jugendwohnheim des Diakoniewerks in Grevesmühlen für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit besonderem Verhalten gegeben. „Sie brauchen kleinere Wohngruppen, als sie das Kinder- und Jugendwohnheim hat, und müssen von mehr und für diese besondere Tätigkeit spezialisierten Mitarbeitenden begleitet werden.“ Deutlich wurde der Bedarf, als zwei junge Männer im vergangenen Jahr im Stadtgebiet Grevesmühlens durch ihr besonderes Verhalten auffielen. Aus der Bevölkerung hatte es Beschwerden gegeben, die Polizei musste mehrfach eingeschaltet werden. Trotz der Bemühungen des Diakoniewerks erteilte das Sozialministerium eine Absage für die geplante Wohngemeinschaft mit der Begründung, dass es keinen Bedarf gebe. „Wir hoffen, dass wir irgendwann eine Lösung finden“, sagt Kirsten Balzer. Für die beiden Jugendlichen kommt diese allerdings zu spät, sie wurden seinerzeit in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht. „Das ist tragisch“, sagt die Geschäftsführerin traurig.

Mit den Jahren gewachsen

Mit den Jahren ist das Diakoniewerk gewachsen. So gehören in Grevesmühlen zum Beispiel die Mosaikschule, die Evangelisch Integrativen Kitas in der Tannenbergstraße und im Ploggenseering, die Werkstatt am Wasserturm, Wohngemeinschaften und ein Förder- und Pflegeheim dazu. Weitere Einrichtungen gibt es unter anderem in Kirch Mummendorf, Boltenhagen, Kühlungsborn, Sternberg, Warin, Selmsdorf, Neubukow und Schwerin. Nach einer Fusion mit dem Diakonieverein in Wismar ist das Angebot im Jahr 2004 weiter gestiegen. In der Hansestadt betreibt das Diakoniewerk zwei Seniorenpflegeheime, eine Tagespflege, eine Sozialstation, eine Wohneinrichtung für von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen und Beratungsstellen für Verschuldete, Sucht- und psychisch Kranke. Die nächsten Projekte sind der Bau einer Kita in Herrnburg und die Inbetriebnahme der Gemeinschaftsunterkunft für Obdachlose in Wismar.

Die Pause in Upahl ist beendet. Allmählich trudeln die Männer in der Metallwerkstatt ein. Mit Eifer und Freude gehen sie wieder an die Arbeit, auch Harald Neumann. Vier Jahre hat der 61-Jährige aus Gadebusch noch im sicheren Hafen, dann geht er in Rente.

Zahlen und Fakten

720 Mitarbeiter zählt die Diakonie im nördlichen Mecklenburg. 20 von ihnen arbeiten in der Verwaltung (inklusive Auszubildende). Hinzu kommen 267 Menschen mit Behinderungen, die in Werkstätten beschäftigt sind (Tischlerei, Metallbereich, Näherei, Montage und Verpackung, Küche, Hauswirtschaften, Gartenlandschaftsbau).

Neun Kindertagesstätten betreibt die

Diakonie, die zehnte

ist in Herrnburg im

Bau. Eine weitere soll im kommenden Jahr in Schönberg entstehen.

1090 Klienten unter 18 Jahre zählt die Diakonie in Kindertagesstätten und Schulen.

66 Menschen mit Behinderungen leben in Nordwestmecklenburg in ihren eigenen vier Wänden. Sie werden ambulant im Alltag begleitet. Im Landkreis Rostock betreut die Diakonie

116 Menschen in ihren Häuslichkeiten.

Jana Franke

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