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Grevesmühlen Sozialarbeiter: „Das war kein Notfall“
Mecklenburg Grevesmühlen Sozialarbeiter: „Das war kein Notfall“
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10:42 11.12.2017
Warum haben Sie nicht einfach nachgefragt? Richter Armin Lessel bei der Zeugenver- nehmung des Sozialarbeiters
Grevesmühlen/Schwerin

In der kommenden Woche soll das Urteil im Prozess um die Misshandlung eines heute vier Jahre alten Jungen in Grevesmühlen gesprochen werden.

Angeklagt sind der leibliche Vater des Kindes, Ronny B. (32) und seine Lebensgefährtin Nicole B. (36). Sie sollen das Kind über Monate hinweg mehrfach schwer misshandelt und vernachlässigt haben.

Laut einem medizinischen Gutachten, das gestern verlesen wurde, hatte der Junge am 13. Mai 2016, als er ins Hanseklinikum Wismar eingeliefert wurde, mehr als 20 Hämatome am ganzen Körper. Zudem musste der Junge im März 2016 mehr als drei Stunden in einer Badewanne liegen. Nicole B. hatte ihn mehrfach mit kaltem Wasser übergossen, weil er zuvor nicht gehorcht hatte. Die Tortur in der Wanne hätte auch tödlich enden können, erklärte der Gutachter: „Die Unterkühlung war lebensbedrohend.“ Auch die wiederholten massiven Schläge an den Kopf und den Körper des Kindes hätten schwere und sogar tödliche Folgen haben können, so der Mediziner weiter. Die Angeklagten, bei denen noch die minderjährige Tochter der 36-Jährigen lebt, haben die Taten bereits zu weiten Teilen eingeräumt.

Die Frage, die das Gericht gestern zudem beschäftigte, war, ob von Seiten der Behörden Fehler gemacht worden waren. Eine klare Antwort darauf gab es auch nach der Befragung von Nils K. (32, Name geändert), dem damaligen Bereichssozialarbeiter des Jugendamtes Nordwestmecklenburg, nicht. Dafür wirft die Rolle des inzwischen arbeitslosen Sozialarbeiters zusätzliche Fragen auf. Denn der sollte bereits vor einer Woche aussagen, war aber nicht erschienen. Gestern ließ Richter Armin Lessel den 32-Jährigen, der seit Ende Oktober nicht mehr für das Jugendamt tätig ist, durch die Polizei abholen und vorführen.

Nils K. hatte den Fall im Oktober 2015 erstmals auf den Tisch bekommen. Damals hatte das Jugendamt Schwerin um Amtshilfe gebeten. Hintergrund war ein Antrag von Ronny B., der den Jungen aus dem Heim zu sich nach Grevesmühlen holen wollte. Das Jugendamt in der Landeshauptstadt wollte von dem Sozialarbeiter Informationen zur Wohnsituation von Ronny B. haben. Ein Hausbesuch wäre nötig gewesen.

Aber: „Aufgrund der Arbeitsbelastung war dafür keine Zeit“, so der 32-Jährige. Das Amtsgericht Schwerin entschied daraufhin, dass das Kind zu seinem Vater ziehen werde.

Den ersten persönlichen Kontakt gab es im Februar 2016. Die späteren Angeklagten hatten zwei Anträge gestellt. Einen auf einen Kitaplatz und einen weiteren auf Hilfe zur Erziehung. Ronny B.

begründete den zweiten Antrag mit dem Verhalten des Kindes, das trotzig sei und keine Bindung aufbauen würde. Sozialarbeiter Nils K. war am 22. Februar in der Wohnung der Familie. Die Situation damals, so schilderte er gestern, sei normal gewesen. Er habe beim Ausfüllen der Anträge geholfen. Doch bearbeitet wurden sie nicht, weil die Unterschrift der leiblichen Mutter fehlte. K.: „Ich konnte nichts machen, die Kindesmutter war nicht zu erreichen.“ Die Akte B. landete im Schrank. Das Kinderzimmer, für Sozialarbeiter stets ein Indiz für das Umfeld, hat er bei dem Termin nicht besichtigt. „Ich habe auf dem Weg zur Küche einen kurzen Blick hineingeworfen.“ Alarmsignale habe er nicht erkennen können.

Auch nicht, als Nicole B. am 19. April zum Telefon griff und den Kinder- und Jugendnotdienst des Landkreises anrief. Laut Protokoll schilderte sie dort, dass weder sie noch der Vater mit dem Jungen klarkämen, er würde einnässen, sei trotzig und die Eltern völlig überfordert. Der Notdienst informierte Nils K. „Ich habe danach den Vater angerufen, es war kein Notfall.“ Richter Armin Lessel hakte nach, warum der Familie, die offenbar Hilfe brauchte und auch anforderte, keine Unterstützung gewährt wurde. Nils K.: „Das war so nicht zu erkennen.“

Michael Prochnow

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