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Grevesmühlen Erinnerungen an gesprengte Kapelle
Mecklenburg Grevesmühlen Erinnerungen an gesprengte Kapelle
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14:00 24.10.2018
Pastor Ekkehard Maase (l.) und Stefan Pohlke steht unweit von Zarnewenz neben einer Stele des Projekts „Grenzenlos von Lübeck bis Boltenhagen“. Quelle: Jürgen Lenz
Schwanbeck

An einer besonders geschichtsträchtigen Stelle steht die neueste Stele des Projektes „Grenzenlos von Lübeck bis Boltenhagen“. Der Standort zwischen Schwanbeck und Zarnewenz ist verbunden mit der Historie der innerdeutschen Grenze, mit zwei ungewöhnlichen Gebäuden und mit einem der bekanntesten deutschen Künstler, Ernst Barlach.

Die Kirchengemeinde Dassow und die Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR haben die Stele im Rahmen der Aktion „Grenzenlos von Lübeck bis Boltenhagen“ finanziert. Pastor Ekkehard Maase erklärt: „Wir haben es gemacht, weil es ein gutes und wichtiges Projekt ist – und auch eine Möglichkeit, auf die Siechenkapelle hinzuweisen.“ Die unweit der Staatsgrenze der DDR und der damaligen Fernstraße 105 gelegene Kapelle wurde am 10. Januar 1973 auf Anordnung des Rates des Kreises Grevesmühlen gesprengt, weil sie „Anziehungspunkt für Personen sein kann, die sich unter Missachtung der Grenzordnung dort aufhalten können“. Auch mache „der bauliche Zustand der Kapelle bei den Transitreisenden nicht gerade den besten Eindruck.“ Zuvor hatten Mitarbeiter der DDR-Grenztruppen und des Ministeriums für Staatssicherheit behauptet, in dem Bau würden sich illegale Grenzgänger aufhalten.

Die neueste Stele des Projektes „Grenzenlos von Lübeck bis Boltenhagen“ informiert über die zur DDR-Zeit unweit von Schwanbeck (Nordwestmecklenburg) gesprengte Siechenkapelle und an Fluchtversuche.

Als die Kapelle gesprengt wurde, war sie 469 Jahre alt. Handwerker hatten sie im Stil der Neugotik errichtet. Eine Statue des Heiligen Georg, ein Altarbild und weitere Teile der Inneneinrichtung wurden vor der Vernichtung gerettet. Sie befinden sich heute in der Kirche in Dassow.

Das weiß auch Stefan Pohlke, der seit 2003 in Dassow wohnt. Er gehört dem Kirchengemeinderat an und hat Angela Radtke beim Erstellen der Texte für die Stele unterstützt. Stefan Pohlke erklärt: „Es gibt viele Quellen. Ich könnte noch viel mehr darüber schreiben.“ An die Siechenkapelle erinnert auch eine Zeichnung des jungen Ernst Barlach. Er schrieb in einem Brief an seinen Studienfreund Friedrich Düsel: „Ich traf die alte Kapelle auf einem meiner Ausflüge und wurde durch das Romantisch-Traurige derselben tief ergriffen. Ich habe leider das Düstere und Verwitterte des Gebäudes nur schlecht wiedergeben können.“ Unweit der Siechenkapelle stand das Siechenhaus. Seine Geschichte reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Ursprünglich wurden in dem abgelegenen Haus Aussätzige gepflegt. Später waren dort auch mittellose Menschen untergebracht. Mehrfach wurde es von Hochwassern des Dassower Sees schwer beschädigt. 1829 erging der Befehl, keine weiteren Menschen mehr aufzunehmen und das Siechenhaus eingehen zu lassen. Ab 1835 diente es als Stall und Vorratshaus. In den 1950er Jahre wurde es abgetragen. In einem benachbarten Schulhaus unterrichtete ein Lehrer Kinder aus Schwanbeck und Zarnewenz. 1917 wurde auch die Schule geschlossen. Danach wurden die Schüler aus Schwanbeck in Dassow unterrichtet, die Kinder aus Zarnewenz besuchten fortan eine Schule in Sülsdorf. Die Siechenkapelle und der dazugehörige Friedhof gehörten bis 1937 zur Kirchengemeinde Selmsdorf. Dann wechselten sie zur Kirchengemeinde Dassow. Vom Friedhof sind Reste erhalten.

Während eine Seite der Stele mit Worten und Bildern von der Siechenkapelle, dem Siechenhaus und dem Schulhaus erzählt, ist die andere Seite der Geschichte der innerdeutschen Grenze in der Region vorbehalten. Sie informiert darüber, dass nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 die Promenade und die Badestelle am Dassower See für die Öffentlichkeit gesperrt wurden. Die Boote der Dassower Fischer wurden nach Wismar transportiert.

Dargestellt sind auch gelungene und gescheiterte Fluchten über den Dassower See. 1963 durchtauchte eine Frau mit ihrem Freund ein Sperrgitter unter der Stepenitzbrücke. Die beiden schwammen durch den Dassower See und die Pötenitzer Wiek bis Travemünde. 1966 erreichte ein Student aus Rostock unbemerkt Dassow. Er wollte flüchten, konnte sich jedoch nicht orientieren, weil der Dassower See und der Grenzverlauf nicht in seiner Wassersportkarte eingezeichnet waren. Der junge Mann gab sein Vorhaben auf. Er versuchte das Sperrgebiet wieder unbemerkt zu verlassen, wurde aber unweit von Holm festgenommen. Ein Gericht verurteilte ihn zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis.

1973 schwamm ein Grenzsoldat durch den Dassower See. Ein Lübecker Fischer nahm den Mann an Bord. 1978 gelang zwei 18-jährigen Malergesellen aus Dönkendorf die Flucht über die Sperranlagen und den Dassower See nach Travemünde. Im Grenzabschnitt zwischen Selmsdorf und Pötenitz versuchten zwischen 1965 und 1976 insgesamt 178 Menschen zu flüchten. 45 waren erfolgreich, 133 wurden festgenommen. Unterstützt wurden die Grenztruppen bei ihrer Arbeit in Dassow und nahe der Stadt von 60 freiwilligen Helfern der Volkspolizei, zehn freiwilligen Helfern der Grenztruppen und zwölf inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi.

Bereits 1972 forderte das Grenzregiment den Bau einer Mauer am Dassower See. Im Frühjahr 1979 war sie fertig. Ihre Demontage begann am 22. Januar 1990.

Jürgen Lenz

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