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Therapeut moniert hohe Hürden für psychisch kranke Menschen

Grevesmühlen/Arpshagen Therapeut moniert hohe Hürden für psychisch kranke Menschen

Winfried Schmidt aus Arpshagen ist verärgert: Patienten müssen Monate warten / Eine Alternative sind private Therapeuten / Die Kosten übernehmen Krankenkassen oft nicht

Grevesmühlen/Arpshagen. Seit Langem schläft Stefanie* endlich wieder durch. Die 34-Jährige aus der Nähe von Grevesmühlen hat die Silvesternacht in Köln miterlebt (die OZ berichtete). Wie zahlreiche andere Frauen ist sie von Männern ausländischer Herkunft sexuell belästigt worden. Noch immer hat sie mit dem Erlebten zu kämpfen — und mit ihr ihre vierjährige Tochter, ihr Freund, ihre ganze Familie. Allein kam sie mit den Folgen — Angstzustände, Albträume, Appetitlosigkeit, Panikattacken — nicht zurecht. Doch freie Therapieplätze bei Psychotherapeuten sind rar.

Sie fand letztlich eine Privatpraxis, in der sie relativ schnell einen Termin bekam — drei Monate nach der Anfrage.

Ein Kraftaufwand vor der eigentlichen Hilfe: Patienten, die ohnehin schon mit sich zu tun haben, können bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse den Antrag auf Erstattung der Kosten einer ambulanten Psychotherapie in einer privaten Praxis stellen. Stefanies Krankenkasse willigte ohne Zögern mit der Begründung einer „unaufschiebbaren Leistung“ sofort ein. Nicht alle Patienten haben so viel Glück.

Das ist mittlerweile auch bei der Bundespsychotherapeutenkammer angekommen.

Die Seele muss warten

„In Deutschland warten psychisch kranke Menschen durchschnittlich mehr als drei Monate auf ein erstes Gespräch bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten. Das ist unzumutbar“, heißt es von der Bundespsychotherapeutenkammer. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht mitunter aber noch viel schlimmer aus. Drei Monate sind noch gut gerechnet. Manche warten ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr auf einen Termin, wie Dr. Bernd Sponheim (54), Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Sana Hanse-Klinikum Wismar mit Außenstellen in Wismar, Grevesmühlen und Gadebusch, bestätigt. In Mecklenburg-Vorpommern kenne er Psychologen, die erst im kommenden Jahr freie Kapazitäten haben. Die Seele muss warten! Eine Privatpraxis wäre eine Alternative. Schlecht ist, wenn die Krankenkasse die Erstattung der Kosten ablehnt.

Landkreis überversorgt

Winfried Schmidt, der eine Privatpraxis in Arpshagen bei Klütz betreibt, kennt das Problem. Mehrfach habe er schon erlebt, dass Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen und er die Patienten dann nicht behandeln kann — sie warten müssen, bis sie einen Termin in einer Kassenpraxis bekommen, die also von der kassenärztlichen Vereinigung eine Zulassung haben. Der 68-Jährige habe auch auf eine solche Zulassung gehofft, wie er sagt. „Zweimal habe ich es bereits versucht, aber der Landkreis Nordwestmecklenburg ist überversorgt, was Therapeuten betrifft, das war die Begründung für eine Ablehnung“, schildert er.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es acht Privatpraxen, in Nordwestmecklenburg ist Winfried Schmidt der einzige private Therapeut. Weitere gibt es in Schwerin, Greifswald, Bansin und Rostock. „Ich bin extra aufs Land gegangen, um die Versorgung hier zu verbessern. Dies wird ja auch von der Politik gefordert“, begründet der gebürtige Thüringer, der seit 1982 seine eigene Praxis hat. Seit sechs Jahren lebt und arbeitet er nun schon in Arpshagen.

Krankenkassen haben Spielraum

Die gesetzlichen Krankenkassen haben Spielräume. Gesetzlich verpflichtet, die Kosten zu erstatten, sind sie nur, wenn die Behandlung sonst nicht rechtzeitig und in nicht zumutbarer Entfernung möglich ist. Grundsätzlich kann die Kasse von ihrem Versicherten verlangen, sich ausschließlich von Therapeuten behandeln zu lassen, die eine Kassenzulassung haben. Also muss der Patient zunächst Therapeuten mit Kassenzulassung abtelefonieren — etwa zehn — und der Krankenkasse nachweisen, dass die keine freien Kapazitäten haben. Daneben müssen sie vom Hausarzt oder von einem Facharzt den Beweis erbringen, dass ihre Behandlung unaufschiebbar ist. Erst dann könnte es mit der privaten Praxis klappen — aber auch nicht immer. „Es gibt bestimmte Krankenkassen, die immer ablehnen, und das mit teilweise fadenscheinigen Begründungen, die nicht vom Gesetz gedeckt sind“, erläutert Winfried Schmidt.

Widerspruch einlegen

Dieser Vorwurf ist auch in der Bundespsychotherapeutenkammer bekannt. Der Präsident Prof. Dr. Rainer Richter empfiehlt Widerspruch einzulegen. „Manche Krankenkassen muten psychisch kranken Menschen immer höhere Hürden zu, wenn sie dringend eine Psychotherapie benötigen“, kritisiert Dr. Dietrich Munz, Präsident des Vorstandes der Bundespsychotherapeutenkammer. „Sie lassen sich inzwischen eine Menge bürokratischer Tricks einfallen, um eine notwendige und unaufschiebbare Behandlung in einer psychotherapeutischen Privatpraxis und die Abrechnung über Kostenerstattung zu erschweren.“ Psychisch kranke Menschen seien damit meist überfordert. Er geht mit den Krankenkassen hart ins Gericht: „Das ist ein zynisches Taktieren mit den Schwächen ihrer Versicherten.“ So würden Patienten die Auskunft bekommen, dass die Krankenkassen grundsätzlich keine Therapie mehr im sogenannten Kostenerstattungsverfahren zahlen. Wartezeiten von sechs Monaten müssten hingenommen werden, heißt es oft. Er empfiehlt Versicherten, die ablehnende Bescheide bekommen, beim Bundesversicherungsamt und beim Patientenbeauftragten der Bundesregierung Beschwerde einzulegen.

Von Jana Franke

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