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Grevesmühlen Toten ihre Würde zurückgeben
Mecklenburg Grevesmühlen Toten ihre Würde zurückgeben
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00:00 20.10.2017
Man wundert sich, wie schön viele Särge nach dem Abrubbeln des Drecks aussehen. Jeder Nagel erzählt eine Geschichte.Dr. Regina Ströbl Sargforscherin
Wismar

Neben aufgebrochenen Holz- und Zink-Särgen liegen leere Flaschen und Dosen, ein Sportschuh, ein Besenstiel, viele Steine, abgefallener Putz: Der oberirdische Teil der 1832 gebaute Herrlich-Kapelle auf dem Wismarer Ostfriedhof ist zwar renoviert. Aber unter dem Mausoleum mit romanischen und frühgotischen Zierelementen sowie einer sehenswerten Metalltür haben pietätlose Vandalen gewütet. Und auch in den anderen Grabkapellen in der Hansestadt sieht es nicht besser aus. Die Mitglieder des Friedhofsvereins wollen dabei helfen, die Bestattungen wieder herrichten zu lassen und den Verstorbenen so ihre Würde zurückzugeben.

Die Archäologen Regina und Andreas Ströbl wollen in Wismar Grüfte reinigen und Särge reparieren

„Es ist erstaunlich, mit wie wenig Aufwand man meist eine große Wirkung erzielen und für einen würdevollen Ist-Zustand der Begräbnisstätten sorgen kann“, so Andreas Ströbl (53). Der Sargexperte und seine Frau Regina (53), beide von der Forschungsstelle Gruft aus Lübeck, setzen sich seit Jahren deutschlandweit für die Erhaltung und Instandsetzung alter Grüfte und Särge – viele sind feucht und wurden geplündert – ein. Nachdem sie sich bereits kurz in den Wismarer Mausoleen umgeschaut hatten, stellten sie am Mittwochabend ihre mühevolle Arbeit bei einem Diavortrag in der Trauerhalle vor.

Nach dem wissenschaftlichen Dokumentieren und Untersuchen, oft zusammen mit anderen Experten, räumen Regina und Andreas Ströbl in den Grüften auf. Sie reinigen, reparieren und konservieren die historischen Särge aus Metall und Holz. Ziel ist nach Möglichkeit die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands. „Man wundert sich, wie schön viele Särge nach dem Abrubbeln des Drecks aussehen“, sagte Regina Ströbl. „Jeder Nagel erzählt eine Geschichte, jede Gruft hat ihre Besonderheit.“ Das Holz und die Beschläge werden poliert und wenn nötig die Gebeine sortiert und wieder in die restaurierten Särge gelegt. Verschlossene und unbeschädigte Särge werden nicht geöffnet.

Die Forscher könnten auch in Wismar tätig werden, wo etwa 30 meist individuell gefertigte Särge aus dem 19. Jahrhundert in mehreren der neun erhaltenen Mausoleen betroffen sein sollen. „Hier müssen wir zunächst feststellen, was wir vorfinden und in welchem Zustand. Danach könnten wir die Zeit und die Kosten abschätzen und zu belastbaren Zahlen kommen“, meinte Andreas Ströbl. „Es müssen keine Hochglanzrestaurierungen sein.“ Und es müsse auch nicht alles auf einmal gemacht werden. Beginnen könne man mit der Herrlich-Kapelle, wo es wahrscheinlich den meisten Müll gebe.

Regina Ströbl, Expertin für Textilien und Grabbeigaben, betonte: „Wir haben eine gewisse Verantwortung für das Elend, was wir in den Grüften sehen. Egal wie die Leute, die dort ruhen, zu Lebzeiten waren, keiner hat es verdient, da so verstümmelt zu liegen.“ Wichtig sei es, die Wismarer für dieses Thema zu sensibilisieren. Ihr Mann ergänzte: „Wir machen mit den Verstorbenen das, was wir uns auch für uns wünschen würden. Respekt ist ganz wichtig. Paragraf eins des Grundgesetzes gilt auch über den Tod hinaus.“

Die Mitglieder des Friedhofsvereins unterstützen die Pläne der Sargforscher. „Es ist toll, mit wie viel Liebe Angehörige ihre Toten bestattet haben und wie sich die Menschen schon zu ihren Lebzeiten Gedanken über ihre Beerdigungen gemacht haben“, sagte Katja Hantsch. „Ich möchte gerne bei der Wiederherstellung der Grüfte helfen.“ Dr. Anja Kretschmer, Vorsitzende des Friedhofsvereins, bemerkte:

„Es wäre an der Zeit, genauestens zu recherchieren und zu dokumentieren. Der Wismarer Friedhof ist einer der wenigen im Land mit vielen Mausoleen und interessanten Särgen. Es muss ein Umdenken in den Köpfen geben, wir sollten auch an diese Schätze denken. Hier ruhen Leute, die Wismar mit vielen Taten und Wirken zu dem gemacht haben, was die Stadt heute ist. Ich finde es wichtig, diesen Toten ihre Würde zurückzugeben. Sie sollten wieder ihre Ruhe finden, wie es einmal vorgesehen war.“ Wenn es gelinge, für die Reinigungen der Grüfte und Särge Geld einzuwerben, könne man vielleicht schon in einem Jahr über erste Ergebnisse reden. „In den Mausoleen liegen Menschen, die das Weltkulturerbe mitgeschaffen haben“, betonte Friedhofsverwalterin Grit Schaller-Uhl.

Norbert Wiaterek

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