Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Grevesmühlen Vom Bundespräsidenten gewürdigt
Mecklenburg Grevesmühlen Vom Bundespräsidenten gewürdigt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:05 20.03.2017
Rechts neben Joachim Gauck steht Ulla Hardt – neben ihr noch viele weitere Menschen aus Nordwestmecklenburg, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Quelle: Foto: Privat
Blüssen

Ulla Hardt (50) weiß nicht, wem sie die Ehre zu verdanken hat, eine von den „engagierten Bürgern Mecklenburg-Vorpommerns“ gewesen zu sein, die dem aus dem Amt scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck am vergangenen Dienstag in Stralsund ganz nah kommen durften. „Wer mich vorgeschlagen hat, kann ich nur vermuten“, sagt sie. Dass es dabei um ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe und im Verein bleib.mensch ging, daran jedoch besteht kein Zweifel.

Die Begegnung mit Joachim Gauck hat sie beeindruckt, erzählt sie: „Ein absolut authentischer, offener Mann, ohne Berührungsängste.“ Bewunderungswürdig, sagt sie, fand sie auch die Kraft des immerhin schon 77-Jährigen. „Was für ein Programm der hier in Mecklenburg-Vorpommern absolviert hat, und wie gelassen er bei allem blieb – das war schon erstaunlich.“

Die Architektin, die ursprünglich aus dem Rhein-Main-Gebiet um Frankfurt kommt, wohnt in der kleinen Gemeinde Blüssen bei Schönberg mit ihren beiden Söhnen (16, 19) und unter anderem einem großen, weißen Schäferhund auf einem Hof.

Irgendwann, sagt sie, hatte sie genug davon, sich ausschließlich mit dem Bauen oder Renovieren von Häusern zu beschäftigen. „Ich hatte schon immer eine soziale Ader. Früher habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich statt Architektur nicht besser Soziologie oder Sozialkunde studieren sollte. Als sich dann die Situation um die Flüchtlinge immer weiter zuspitzte, dachte ich: Jetzt ist es an der Zeit, sich tatkräftig sozial zu engagieren“, erzählt sie.

Ulla Hardt gehört neben Norbert Koschmieder und vielen anderen zu den Gründungsmitgliedern des Vereins bleib.mensch. Er wurde Anfang 2015 gegründet und kümmert sich um Flüchtlinge in Grevesmühlen, Schönberg und der Umgebung. Was Hardt, die auch für das Deutsche Rote Kreuz stundenweise arbeitet, zugute kommt, ist, dass sie, wie sie erzählt: „keine Berührungsängste im Kontakt mit anderen Kulturen hat.“ Was auch daran liegt, dass dort, wo sie geboren und aufgewachsen ist, es lange normal ist, mit verschiedenen Kulturen zu leben. Nicht zuletzt die Amerikaner, die im Rhein-Main-Gebiet stationiert waren, haben das Bild in Hessen lange geprägt. Aber auch arabische Kulturen waren Hardt nichts Fremdes – schon bevor sie begann, sich um syrische, aber auch afrikanische Flüchtlinge in Nordwestmecklenburg zu kümmern. „Ich war mit meinen Söhnen zum Beispiel in Ägypten, Tunesien und wusste schon zumindest ein wenig von den Besonderheiten arabischer Kulturen.“

Blauäugig ist Hardt in ihrer Arbeit dabei nicht. Ihr ist klar, dass Integration an eine Grenze stößt, wenn kein Wille zur Integration da ist. „Das kann ich aber für die Syrer, mit denen ich hauptsächlich hier zu tun habe, absolut nicht bestätigen.“ Sie wollen, trotz zum Teil traumatischer Erlebnisse in ihrem Heimatland unbedingt vorankommen, sagt sie. Da berührt es Ulla Hardt zum Beispiel besonders, wenn sie an Mohammed, einen der jungen Syrer, der in Schönberg lebt, denkt, der aus Damaskus kommt, dort studiert hat und einige Bombenabwürfe miterlebt hat. „Wenn hier bei uns ein Deutscher einen Anschlag überlebt, gilt er als traumatisiertes Opfer, um das man sich besonders kümmern muss. Die Syrer haben mehrfach solche Dinge überlebt.“ Für sie aber, sagt Hardt, gibt es kaum Raum und Zeit, das gut zu verarbeiten, weil das hier Ankommen, sich Anpassen und Vorwärtskommen die ganze Aufmerksamkeit erfordern. Derweil geht der Krieg in Syrien weiter. Mohammed schickte ihr kürzlich Bilder von einem neuen Bombenanschlag an seiner Universität, bei dem einer seine Freunde gestorben ist. „Das alles müssen diese Menschen verkraften. Während sie versuchen, sich hier zurechtzufinden, sterben in ihrer Heimat Familienangehörige und Freunde weiter in diesem Krieg“, sagt sie.

Ulla Hardt ist beeindruckt von der Gastfreundschaft syrischer Familien, die sie immer wieder erlebt, auch davon, wie rührend sie sich um ihre Kinder kümmern. „Da fühlen sich alle zuständig, nicht nur einer. Der Familienzusammenhalt ist ziemlich stark“, erzählt sie.

Ein gewisser Paradigmenwechsel tritt gerade in der Auseinandersetzung mit den Flüchtlingen ein, sagt sie dann. „Bisher ging es um das Ankommen, die Papiere, Deutschkurse, das Bleibendürfen, jetzt kommen Familien zum Teil nach, jetzt wird auch klar, was an kulturellem Geprägtsein in Syrien gut zu unserer Kultur passt, was vielleicht schwieriger ist.“

Trotz der Herausforderungen, die mit der Arbeit mit Flüchtlingen verbunden sind, blickt Ulla Hardt optimistisch in die Zukunft und weiß vor allem eines: „Ich werde mich weiter engagieren.“ Ihre Söhne sagt sie, sind stolz auf sie, was sie besonders freut.

Annett Meinke

Mehr zum Thema

Hausmeister Siegfried Schöne kümmert sich um Schüler / Das DRK hat ihn zum Ausbilder qualifiziert

15.03.2017

Zwei Schwaben schreiben Filmgeschichte. Einer wird zum Mitbegründer Hollywoods. Der andere legt auf seinen Spuren einen Blockbuster nach dem anderen auf. Persönlich kennenlernen konnten sie sich nicht. Aber nun kreuzen sich im Städtchen Laupheim ihre Wege.

16.03.2017

Bei der Oscar-Verleihung ging Maren Ade mit „Toni Erdmann“ leer aus. Jetzt hat sie Chancen auf die Lola. Im Rennen um die meisten Nominierungen beim Deutschen Filmpreis überholte sie allerdings ein anderer Regisseur.

16.03.2017

Chinesische Bewegungslehre für OZ-Leser

20.03.2017

Zweckverband und Landkreis haben sich geeinigt – Planfeststellungsverfahren dauert dennoch

20.03.2017

Eva-Maria Popp sprach zum Thema Familie und Beruf

20.03.2017