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Grevesmühlen Von Böhmen nach Mecklenburg
Mecklenburg Grevesmühlen Von Böhmen nach Mecklenburg
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00:00 03.06.2017
Tausende mussten in der Zeit nach 1945 ihre Heimat verlassen. Viele Nordwestmecklenburger haben ihre Wurzeln in den ehemals deutschen Gebieten.
Questin/Grevesmühlen

„Ich wollte da nicht rein. Das vergangene Jahr war furchtbar genug, und jetzt sollten wir in diesen Bunker.“ Friedlinde Stockdreher schüttelt den Kopf. Fast 71 Jahre liegt die Situation zurück. Noch immer kann sich die 87-Jährige daran erinnern, als sie mit ihrer Familie im Quarantänelager in Questin vor einem der Erdbunker stand. Herbst 1946, drei Tage war die fünfköpfige Familie zuvor unterwegs gewesen. In einem Viehwaggon, vom Sudentenland, dem heutigen Tschechien, bis nach Grevesmühlen war der Zug unterwegs. Nach Questin ging es mit dem Traktor. „Ich dachte noch, was wollen die bloß mit uns im Wald“, sagt die Zeitzeugin, die seit ihrer Heirat Stockdreher heißt, seit 1954 in Bielefeld lebte und vor einem Jahr nach Grevesmühlen zurückkehrte, wo ihr Bruder Friedrich Schneider lebt.

Friedlinde Stockdreher und ihr Bruder Friedrich kamen im Herbst 1946 nach Questin. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder Roland, damals zwei Jahre alt, überlebten sie die Strapazen der Vertreibung.

OZ-Forum am 7. Juni

Am Mittwoch, 7. Juni, lädt die OZ zum Forum ein. Thema ist das Lager Questin. Beginn ist um 18 Uhr

im Vereinshaus Grevesmühlen,

der Eintritt ist frei.

Das Lager in Questin, es hat Spuren hinterlassen. Trotz der langen Zeit. Der kleine Bruder Roland, damals gerade einmal zwei Jahre alt, bekam die Ruhr im Lager. „Ein Glück, dass er es überlebt hat.

Es gab ja damals nicht viel. Wir dachten, er muss sterben“, sagt Friedrich Schneider. Seine Schwester fügt hinzu: „Die haben jeden Tag Tote rausgetragen.“ Doch Roland überlebt die schwere Krankheit, der kleine Junge erholt sich, die Familie schafft, was vielen nicht vergönnt war. Sie sind zusammengeblieben, auch der Vater hat das Ende des Krieges und die Vertreibung überlebt. Vor allem nach dem Ende des Krieges, als die Familie für viele Monate im Sudetenland von einem Lager ins andere wechselte, war es gefährlich für die einstigen Bewohner der deutschen Siedlungen. Friedrich, der als 14-Jähriger auf den Höfen schuften musste, die bereits von den Tschechen übernommen worden waren, erinnert sich an einen Tag im Spätsommer 1945. „Ich wollte zu Fuß zu den Eltern, die auf einem anderen Hof arbeiteten. Da kamen ein paar Tschechen auf mich zu. Das war blanker Hass. Ich dachte, die schlagen mich tot.“ Ein ehemaliger deutscher Soldat ging dazwischen. „Damals zählte ein Menschenleben nicht viel.“ Und dennoch. „Wir hatten viel Glück“, sagt Friedlinde Stockdreher.

Abseits des Krieges

Die kleine Familie lebt in Lauterbach, einem Ort mit rund 1500 Einwohnern in Böhmen. Der Vater ist Forstaufseher, weil der Krieg nicht nur Menschen, sondern auch viel Holz verschlingt, bleibt er vom Kriegsdienst verschont. Zu wichtig ist seine Aufgabe im Wald. Kriegsgefangene, darunter Russen und Engländer, arbeiten unter ihm. „Als der Krieg zu Ende war, kamen einige von den Engländern, die damals für ihn gearbeitet hatten, zu meinem Vater und haben ihn aufgefordert, mit seiner Familie mitzukommen“, erinnert sich die 87-Jährige. „Die haben uns vor den Russen gewarnt.“ Doch die Familie blieb. „Wir haben doch alle gedacht, dass wir wieder in unsere Häuser zurückkommen“, sagt Friedrich Schneider. „Alle dachten das, viele Jahre lang. Niemand konnte sich vorstellen, dass ein ganzes Volk umgesiedelt wird.“ Doch genau das geschieht.

Russen haben Friedlinde Stockdreher und ihr Bruder auch nach Kriegsende kaum zu sehen bekommen. Die Kämpfe fanden woanders statt. Die Truppen zogen an Lauterbach vorbei. Stattdessen kamen die Tschechen nach Böhmen. Auf der Suche nach Häusern und Höfen. Erst 1935 hatte der Vater das Haus der Familie gebaut. Der kleinen Familie ging es gut. Kontakt mit den benachbarten Tschechen gab es kaum. In dem Dorf lebten nur wenige von ihnen. Das änderte sich nach dem 8. Mai 1945.

Gefährlicher Frieden

Der Hass auf die Deutschen führte zu schrecklichen Szenen, wie Friedlinde Stockdreher, damals 16, erzählt. „Viele wurden umgebracht, aus unserem Dorf wurden 17 Männer einfach so erschossen.“ Der Vater wurde verschont, auch Friedrich, gerade 14 Jahre alt bei Kriegsende, hat Glück. Dafür müssen die Schneiders ihr Haus verlassen. Zwei Stunden haben sie Zeit, als die Nachricht kommt. Vor dem Haus ziehen bereits die Kolonnen vorbei. Alle Deutschen müssen die Region verlassen. Doch der Vater ist im Wald. „Ich habe gesagt, dass ich ohne Papa nicht gehe“, erinnert sich die 87-Jährige. Dann kommt der Vater aus dem Wald gerannt. „Meine Mutter hat noch eine große Pfanne mit Eiern gebraten. Wir sollten uns noch einmal satt essen, aber keiner hat etwas angerührt.“ Es ging in den Nachbarort, zu Fuß. „Wir hatten den kleinen Roland im Kinderwagen, ein Bett zum Zudecken. Das war alles.“ Friedrich Schneider: „Nur Sachen, die wir dringend brauchen, hatten wir dabei.“ Ein Koffer wurde mit Lebensmitteln vollgepackt. Drei Kilometer weiter in Forst Bad war das Ziel. In einem kleinen Zimmer kommt die Familie unter. Friedlinde Stockdreher: „Von dort haben sie uns auf die Höfe geschickt, die verlassen waren. Irgendjemand musste sich ja um das Vieh kümmern, das mussten wir dann machen.“

Von einem Lager zum anderen

Von einem Ort ging es in den anderen. Niemand sagte etwas über die Zukunft der Vertriebenen. Irgendwann fuhren Soldaten dann wieder mit Lastwagen vor und suchten sich die arbeitsfähigen Leute raus. Die Familie wurde getrennt, jeder kam auf einen anderen Hof. Die Mutter blieb mit Roland im Lager zurück. Friedrich kam auf einen abgelegenen Hof. „Da habe ich ganz allein gehaust und musste das Vieh versorgen. Ich hatte doch keine Ahnung davon.“ Eine Frau, die zum Melken kam, brachte ihm Brot und Butter mit. „Davon habe ich gelebt und von den Eiern, die die Hühner gelegt haben.“ Es ist die Zeit, in der Plünderer ihr großes Geschäft machen. Auch Friedrich erlebt eine dieser Banden. „Ich lag eines Nachts in dem Ehebett in dem Haus, als ich hörte, wie welche durchs Fenster reinkommen.

Ich habe so getan, als wenn ich schlafe, solche Angst hatte ich. Wenn ich einen mit dem Knüppel gekriegt hätte, keinen Menschen hätte das interessiert. Die haben dann in aller Ruhe das Haus ausgeräumt.“ Am nächsten Tag kam die Polizei und fragte, ob der 14-Jährige etwas gesehen habe. „Ich hab’ doch nicht mal gewagt, die Augen aufzumachen.“

Friedlinde und ihr Vater werden mit Lastwagen weit in das tschechische Hinterland gefahren. „Da kommen wir in ein Lager, da gucken aus einem Haus lauter Mongolen raus, russische Soldaten. Mein Gott, haben wir gedacht, wo sind wir bloß gelandet. Wir waren nur Frauen auf unserem Lkw. Zum Glück kamen die Männer, darunter auch mein Vater, mit einem anderen Lkw.“ Doch die Angst vor den russischen Soldaten blieb. „Im Schlafraum sagten die älteren Frauen zu uns, wir sollten uns ganz nach hinten legen. Das haben wir gemacht.“ Sie hat Glück. „Uns hat niemand angerührt.“

Sie sind in einem Betrieb gelandet, der demontiert und in die Sowjetunion gefahren wird. Das mussten die Deutschen machen. Die Maschinen wurden in Fett eingepackt und in Kisten gelegt. „Das Essen war ganz schlecht“, erinnert sich die 87-Jährige. „Der Essensaal war getrennt, die Tschechen saßen auf der einen Seite mit ihrem guten Essen, wir auf der anderen. Aber eines Tages stand einer der Tschechen auf und brachte mir seinen Nachtisch, was habe ich mich damals gefreut darüber.“ Vier Wochen dauert die Arbeit in dem Werk.

Nach Deutschland

Später kommt die Familie, die sich durch glückliche Umstände wiederfindet, in die ehemalige Kreisstadt nach Hohenfelde. Und wieder geht es in die Tschechei. Inzwischen ist es Spätsommer 1945. „Dort haben sie wieder die rausgesucht, die arbeiten können“, sagt Friedlinde Stockdreher. „Unsere Familie kam auf einen Bauernhof, wo es sehr armselig aussah.“ Nach der Zuckerrübenernte wird die Familie auseinandergerissen, Friedrich kommt allein zu einem alten Bauern. „Ich war der Einzige, der dort arbeiten konnte, ich musste ganz schön schuften.“ Die Eltern kommen auf einen gepflegten Hof, den ein Doktor übernommen hat. Friedlinde hat kein Glück, sie bleibt auf dem verwahrlosten Anwesen, der Bauer ist alt, seine Frau blind. „Ich habe jede Nacht geweint, ich konnte ja nicht einmal Tschechisch.

Ein ganzes Jahr musste ich dort bleiben, das war eine schlimme Zeit.“ Und doch bleibt ihr eine Szene besonders in Erinnerung. „Als ich dann wegsollte, hat die alte Bäuerin, die ja blind war, geweint und mir als Erinnerung eine goldene Kette mitgegeben. Die Leute waren nicht schlecht, es waren harte Zeiten damals.“ Die Kette hat sie noch. „Die Bauern waren in Ordnung“, fügt Friedrich Schneider hinzu. „Wir mussten hart arbeiten, aber das mussten ja alle.“

Im Herbst 1946 hat diese Zeit ein Ende. Von einem Sammellager aus geht es in die sowjetisch besetzte Zone. Drei Tage in einem Viehwaggon geht es bis nach Mecklenburg.

In Schwerin hielt der Zug, wie sich Friedrich Schneider erinnert. „Da stand ein Schild, auf dem stand: Mecklenburg, das Land, wo Milch und Honig fließen. Von wegen, wir kamen nach Questin ins Lager.“

60 Waggons waren es insgesamt, mehr als 1500 Menschen. In Bad Kleinen wurde der Zug geteilt, die Hälfte fuhr nach Nordosten nach Rostock und Güstrow, Schneiders kommen nach Questin.

Baracken im Wald

„Von den Baracken waren nur die Dächer zu sehen, vier Stufen ging es runter in den Bunker, richtige Stufen waren es auch nicht. Ich saß da draußen und dachte, ich habe so ein schlimmes Jahr hinter mir. Und jetzt soll ich da rein.“ Die 17-Jährige ist verzweifelt. Aber die Familie ist zusammen und gemeinsam geht es rein in die Erdbunker. Die Erinnerungen von Friedrich Schneider, damals 15 Jahre alt, sind nach mehr als 71 Jahren noch klar. „Bretter an den Seiten, im Gang in der Mitte standen Kinderwagen. Auf dem Bunkerdach lag ein halber Meter Sand, aber wenn es doll geregnet hatte, tropfte es dort durch.“ Jeweils 30 Menschen waren in einer von unzähligen Baracken.

Welche Jahreszeit war es bei der Ankunft? „Die Getreideernte war schon durch, die Kartoffelernte auch. Es muss Spätsommer oder Herbst gewesen sein“, erzählt der 85-Jährige. Seine Schwester meldet sich zur Rübenernte, damit die Familie etwas zu essen bekommt. Sie kommen über die Runden. Doch ein Erlebnis hat Friedrich bis heute nicht losgelassen. „Damit wir im Lager etwas Zerstreuung hatten, kam einer mit einem Akkordeon. Ganz in der Nähe waren noch Russen, einer kam und stand in der Nähe und hörte zu. Auf einmal kommt ein russisches Auto an, die haben den Soldaten verdroschen mit Gewehrkolben. Später habe ich auch Musik gemacht, in den 1960er Jahren habe ich im „Sternkrug“ Musik gemacht, da habe ich genau das Gleiche erlebt. Die hatten es nicht leicht.“

Die Familie kommt nach drei Wochen aus dem Lager heraus. Gostorf und Kussow Ausbau sind die nächsten Stationen, eine Dachkammer ohne Möbel. Aber kein Lager mehr, Ende 1946 baut sich die Familie ihre neue Zukunft auf. Friedlinde lernt ihren Mann kennen, einen Flüchtling aus Ostpreußen, zieht nach Bielefeld. Roland studiert Musik. Friedrich wird Imker und Musiker, bleibt in Grevesmühlen.

Michael Prochnow

Rosemarie Willig, Sören Fenner und Kirsten Lorenz sind dabei

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