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Von Zahlenspielen bis Terrakotta-Rettung

Wismar Von Zahlenspielen bis Terrakotta-Rettung

Georgenkirche und Fürstenhof als Beispiele beim Internationalen Kongress über Backsteinbaukunst

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Detail aus den Terrakottafriesen am Fürstenhof.

Wismar. Zwei Pfeiler in der Wismarer Georgenkirche sind ungewöhnlich dick. Sie wirken, als würden sie sich aneinander anlehnen. „Das kommt daher, weil der Grundriss des dritten Baus nicht hundertprozentig in die Maße des Vorgängers passt“, sagte Prof. Dr. Herbert Müller, der bis zu seiner Pensionierung an der Hochschule Wismar lehrte. Diese Differenz habe ausgeglichen werden müssen, daher komme es zu der „Pfeilerberührung“, erklärte er beim Internationalen Kongress Backsteinbaukunst in der Georgenkirche.

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Georgenkirche und Fürstenhof als Beispiele beim Internationalen Kongress über Backsteinbaukunst

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Ich bin wieder einmal ganz begeistert von der großen Bandbreite des Kongresses.“Dr. Holger Rescher, Deutsche Stiftung

Denkmalschutz

Der Grund für die Erweiterungsmaßnahme von 1404 war der Wunsch nach einem längeren und höheren Langhaus mit zusätzlichem Turmjoch. Der um 1340 erbaute Chor des Vorgängerbaus sollte jedoch erhalten bleiben. Er ist noch heute an den niedrigeren Deckengewölben zu erkennen. Das Spezialgebiet von Müller ist allerdings nicht St. Georgen, sondern vielmehr die Zahlensymbolik in der Backsteinbaukunst, besonders in den Kirchen. Eine, wie er sagt, „reizvolle und schöne Rentnerforschungsaufgabe“. In der Architektur habe alles mit Zahlen und Geometrie zu tun. „Dabei spielen einige Zahlen eine besondere Rolle, beispielsweise die 7 und die 12 – die Zahlen, die in der Bibel am häufigsten vorkommen“, erklärte Herbert Müller. Er sprach von der 1, der 2 und der 3 als von Elementar- oder Mutterzahlen. „Sie stehen für das Göttliche – und nicht nur in der christlichen Religion.“ Hinzu komme die 4, die für das Weltliche stehe. „Alle anderen Zahlen ergeben sich daraus durch Addition oder Multiplikation“, sagte der Professor. Das gelte auch für die Maße von St. Georgen. Dort finde sich auch, wie bei vielen Kirchenbauten aus der Zeit, die „Gotikzahl“ 12. Beispielsweise beträgt die Breite von St. Georgen 11x12 gleich 132 kurze Ellen, was 44 Metern entspricht. Bei der Länge gäbe es zwar eine Abweichung, „aber die ist vermutlich des wiederverwendeten längeren Chors aus dem Vorgängerbau geschuldet“, sagte Herbert Müller.

Während der Wismarer eher ein Mann der Theorie ist, hat Boris Frohberg aus Berlin sehr konkret mit historischen Gebäuden zu tun. Er ist Diplomrestaurator und eine seiner Baustellen ist der Fürstenhof in Wismar. Genauer gesagt sind es die Terrakotten an den Portalen. Sie stammen aus der Werkstatt des Statius von Düren, der nachweislich von 1550 bis 1565 in Lübeck eine Werkstatt betrieb und für viele Gebäude in Norddeutschland seine typischen Terrakotta-Relieftafeln lieferte. Beispiele sind das Schweriner Schloss, das Gadebuscher Schloss, Schloss Ulrichshusen bei Bützow.

Die Portale am Fürstenhof hatte Boris Frohberg vor 15 Jahren schon einmal unter seinen Händen. „Jetzt ist es Zeit, sie wieder einmal anzuschauen“, sagte der diplomierte Restaurator. Dabei zeigte sich, dass sowohl die Fugen als auch die Struktur Schäden aufweisen. Salze hatten teilweise zu Krustenbildungen geführt. „Die Schäden tauchen ganz unterschiedlich auf. Wir haben gut erhaltene Platten direkt neben stark geschädigten“, beschrieb Boris Frohberg den Zustand. Warum das so sei, könne keiner erklären. Mit verschiedenen Methoden werde versucht, den Schäden Herr zu werden. „Vor 20 Jahren haben wir noch stark auf Kunststoff gesetzt, jetzt versuchen wir es mit natürlichen Mitteln“, sagte Boris Frohberg. Dazu gehörten verschiedene Arten von Kompressen, die das Salz aus dem Stein ziehen sollen. Dazu gehört seit einiger Zeit auch Nanokalk. „Dabei ist es wie mit der Erforschung eines neuen Medikaments an freiwilligen Patienten – wir kennen die Nebenwirkungen noch nicht“, beschrieb er.

Einzelne Gebäude reichen Reiner Nagel nicht. Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur blickt aufs Ganze und auf die Wirkung einzelner Elemente darauf. Städtische Grundrisse seien ein besseres historisches Gedächtnis als einzelne Gebäude, die im Laufe der Zeit oftmals umgebaut wurden. „Das historische Bauerbe muss Impuls und Anregung für die moderne Stadtentwicklung und Architektur sein“, betonte Reiner Nagel. Die Einwohner würden instinktiv spüren, wenn Gebäude ausschließlich nach Immobilienrenditen aussähen und sie ablehnen. Nagel mahnte eine Rückkehr zu mehr Baukultur an, die auch die Denkmalkultur beinhalte. „Von außen werden wir oft als ein und dasselbe wahrgenommen.“ Daher sei die Fusion beider Bereiche ein folgerichtiger Schritt gewesen.

Der Kongress endete nach zwei Tagen und zwölf – da ist die Zahl wieder– Vorträgen. Sie führten die gut 100 Teilnehmer einmal rund um den Globus. Dr. Holger Rescher von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zog in seinem Schlusswort das Fazit: „Ich bin wieder begeistert von der großen Bandbreite des Kongresses. Das können nur die wenigsten aufweisen.“

Sylvia Kartheuser

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