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„Wir müssen uns das Vertrauen erarbeiten“

Wismar „Wir müssen uns das Vertrauen erarbeiten“

Dr. Mouna Yassin Kassab ist die neue Oberärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Hanse-Klinikum / Arbeiten und leben in ihrer Heimat Syrien wurde zu gefährlich

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Dr. Mouna Yassin Kassab arbeitet seit Februar im Hanse-Klinikum in Wismar.

Quelle: Vanessa Kopp

Wismar. In Dr. Mouna Yassin Kassabs Brust schlagen zwei Herzen. Eines, was sich auf einen Neuanfang im Wismarer Sana Hanse-Klinikum freut. Ein anderes, was mit Trauer und Schmerz in ihre Heimat Syrien blickt. Die 45-Jährige ist seit Februar die neue Oberärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Sie tritt damit die Nachfolge von Dr. Alfred Winterroth an, der 29 Jahre im Wismarer Kreißsaal Babys zur Welt brachte. „Meine Kollegen sind sehr nett und die Stadt gefällt mir gut“, erzählt die Ärztin. „Auch wenn ich noch nicht viel Zeit für das Kennenlernen hatte.“ Denn zur Zeit pendelt die zweifache Mutter noch für drei Tage die Woche aus dem brandenburgischen Schwedt in die Hansestadt. „Das ist anstrengend“, gibt die Gynäkologin zu.

Ich denke viel an meine Heimat. Die Nachrichten zu verfolgen tut weh.“Dr. Mouna Yassin Kassab

„Aber wir sind auf Wohnungssuche. Mein Mann und mein zehnjähriger Sohn werden an die Ostsee kommen und dann muss mein Mann, auch Arzt, eben pendeln“, erzählt sie mit einem Lachen. Ihre Tochter studiert in Würzburg, berichtet die Mutter stolz. Natürlich Medizin.

„Das ist wie ein Virus in unserer Familie“, sagt Mouna Yassin Kassab. Die Syrerin ist in Damaskus geboren. Sie hat fünf Geschwister, die auf der ganzen Welt verteilt als Ärzte arbeiten.

„Mein Onkel war 1945 der erste Kinderarzt in Damaskus. Vielleicht hat er uns infiziert“, so ihre Überlegung. Vor vier Jahren hat Mouna Yassin Kassab Syrien verlassen. „Ich habe 14 Jahre in Latakia als Belegärztin mit drei Privatkliniken zusammen gearbeitet“, erzählt sie. Bis es zu gefährlich wurde. Ein Jahr und drei Monate lebte sie mit ihrer Familie während den Unruhen noch am Mittelmeer.

„Irgendwann konnte ich meine Arbeit nicht mehr ohne Angst ausführen“, erzählt die Oberärztin. „Ich musste für die Geburten zu jeder Tages- und Nachtzeit zu meinen Patientinnen. Besonders nachts war das gefährlich.“ Einmal war die Windschutzscheibe ihres Autos von einem Einschussloch zersplittert. „Also haben wir in Deutschland eine neue Aufgabe gesucht. Das war eine anstrengende Zeit. Besonders für meine Kinder, die zwar Arabisch, Englisch und Französisch sprachen, aber noch kein Wort Deutsch.“ Mouna Yassin Kassab und ihr Mann hingegen kannten Deutschland gut. „Wir haben beide unseren Facharzt in Deutschland gemacht“, sagt sie. Sie lebte damals in Erlangen, Lübeck und dem bayrischen Fürth, machte 1998 ihren Abschluss in München. „Meine Tochter wurde während dieser Zeit geboren, wenn auch nicht in Deutschland.“ Ihre Erstgeborene brachte Mouna Yassin Kassab bei ihrer Schwester in den USA zur Welt. „Deshalb hat meine Tochter einen amerikanischen Pass.“ Die restlichen drei Familienmitglieder sind deutsche Staatsbürger, „auch wenn ich mich weiterhin als Syrerin fühle“, so die Oberärztin.

Ihr Bruder wohnt in Damaskus, der einzige der Familie, der noch in der Heimat lebt. „Wir haben viel Kontakt“, erzählt sie. „Für mich ist diese ganze Situation wie ein Alptraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Das tut weh“, sagt sie. Erzählt Mouna Yassin Kassab von ihrer Heimat, werden ihre strahlenden Augen traurig. „Es ist schlimm, all die Toten und die Gewalt zu sehen. Schließlich handelt es sich um mein Volk.“ Ihr bleibt nur die Hoffnung, dass sie ihre Heimat irgendwann wieder bekommen. „Wir Syrer sind ehrgeizig, wir wollen schnell lernen und uns etwas aufbauen“, erklärt die Ärztin. Deshalb war es für sie selbstverständlich, in Deutschland sämtliche Scheine zu absolvieren, um auf den hiesigen aktuellen medizinischen Stand zu kommen. Mouna Yassin Kassab ist ein positiver Mensch, sie blickt nach vorn und weiß, „dass das Leben weiter geht“.

So sieht sie auch Vorteile in der neuen Situation: „Ich kann durch meine Sprachkenntnisse — Deutsch, Englisch und Arabisch — das Team im Klinikum entlasten und für die arabisch sprechenden Patienten da sein“, erklärt sie. Denn Sprache sei nur das eine. „Die Flüchtlinge kommen aus einer anderen Kultur und haben eine andere Mentalität. Da ist es leichter für sie sich jemandem anzuvertrauen, der sie versteht.“

Und wie reagieren die deutschen Patienten auf das Kopftuch? „Einige haben zu Beginn Fragezeichen in den Augen“, so ihre Erfahrung. „Aber ich will durch meine berufliche Erfahrung und Professionalität überzeugen“, sagt Mouna Yassin Kassab. „Außerdem finde ich, wenn wir Menschen uns als Menschen begegnen, ist die äußere Schale nebensächlich.“ In Schwedt sei ihre Familie eine der ersten mit Kopftuch gewesen, die Tochter das erste Mädchen damit in der Schule. „Sie hat natürlich Fragen gestellt, wenn wir von den Einheimischen angeschaut wurden“, erinnert sich die Ärztin. „Ich hab ihr beigebracht stets freundlich zu grüßen. Menschen müssen Neues erst kennenlernen und akzeptieren.“ Und dafür müsse man als Fremder eben auch Gutes tun und sich das Vertrauen erarbeiten.

Das Klinikum in Zahlen

739 Babys kamen im vergangenen Jahr im Hanse-Klinikum Wismar zur Welt, davon 382 Jungen und 357 Mädchen. Im Sommer 2015 wurde der umgebaute Kreißsaal eröffnet. 1,16 Millionen Euro kosteten die Baumaßnahmen.

47 149 Patienten wurden im Jahr 2015 im Wismarer Klinikum behandelt. 480 Betten stehen dafür zu Verfügung. Im Haus untergebracht sind 13 Fachabteilungen. Das Sana-Klinikum zählt somit zu den großen Kliniken der Maximalversorgung in Mecklenburg-Vorpommern. Mit 963 Mitarbeitern und einem Umsatz von 71,6 Millionen Euro zählt das Klinikum zu den größten Arbeitgebern in und um Wismar. In diesem Jahr feiert das Sana-Klinikum sein 40-jähriges Bestehen.

Zur Sana Kliniken AG zählen bundesweit 48 Krankenhäuser.

Von Vanessa Kopp

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