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Zeitgemäßes Buhlen um Nachwuchs

Grevesmühlen/Schwerin Zeitgemäßes Buhlen um Nachwuchs

Imagefilme, Werbung auf Facebook oder dem Firmenauto: Die Grevesmühlener Unternehmer Christian Stappenbeck und Ulrich Martens wissen, dass Stellenanzeigen alleine nicht mehr reichen

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Haben Spaß in ihrem Beruf: Geselle Tom Klingbiel (22, l.) und Azubi Cris Boye (19) im Autohaus Martens in Grevesmühlen.

Quelle: Fotos: Jana Franke

Grevesmühlen/Schwerin. Nicht eine Bewerbung für einen Ausbildungsplatz hat Christian Stappenbeck in diesem Jahr bekommen. Ein Jugendlicher interessierte sich vorab für ein Praktikum in seinem Heizungs- und Sanitärbetrieb in Grevesmühlen, erschien letztlich aber einfach nicht. Einstellungssache? Unklare Berufsvorstellungen? Fehlende Unterstützung vom Elternhaus? Oder fehlende Motivation, sich vorher mit dem Berufsbild auseinanderzusetzen? Fakt ist: In Mecklenburg-Vorpommern kann jeder zweite Betrieb seine Ausbildungsplätze nicht besetzen.

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Imagefilme, Werbung auf Facebook oder dem Firmenauto: Die Grevesmühlener Unternehmer Christian Stappenbeck und Ulrich Martens wissen, dass Stellenanzeigen alleine nicht mehr reichen

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Online-Befragung

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nimmt in jedem Jahr eine sogenannte Online-Unternehmensbefragung vor. In diesem Jahr beteiligten sich deutschlandweit 10561 Unternehmen im Zeitraum vom 10. April bis 7. Mai. Der DIHK ist ein privatrechtlicher, eingetragener Verein, dessen Mitglieder im Wesentlichen die 79 deutschen Industrie- und Handelskammern sind.

Probleme: Abbrecherquote und Berufsschule

Christian Stappenbeck hat einen Auszubildenden. Phillip Schmidt ist mittlerweile im dritten Lehrjahr. Hat er seinen Abschluss im Februar in der Tasche, ist der Betrieb ohne Lehrlinge. Christian Stappenbeck meint, Gründe in der Demografie, aber auch in dem Trend, zum Studium zu gehen, zu finden. „Ich habe das Gefühl, dass manche durch das Abitur geprügelt werden, um dann studieren zu gehen, obwohl sie handwerklich begabt sind. Warum das nicht nutzen und eine Ausbildung machen?“, fragt er sich. Als guter Handwerker, so glaubt der Unternehmer, hätten sie mitunter bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und würden, wenn sie sich qualifizieren, mitunter besser verdienen als Akademiker.

Ähnlich sieht es Ulrich Martens vom gleichnamigen Autohaus in Grevesmühlen. Auch er kennt die Not der unbesetzten Ausbildungsplätze. Er hat drei Kaufleute und zwei Mechatroniker in der Ausbildung.

Die beiden Mechatroniker sind im dritten und vierten Lehrjahr. Die, die jetzt im zweiten Lehrjahr wären, sind nicht mehr dabei. Einer hat den Betrieb gewechselt, ein anderer die Lehre abgebrochen.

Der, den er für dieses Ausbildungsjahr an der Angel hatte, sollte zum Probearbeiten kommen – erschien aber nicht.

Die Abbrecherquote ist ein großes Problem. Das bestätigt auch Tobias Böse von der Kreishandwerkerschaft Wismar-Nordwestmecklenburg. Jeder vierte Azubi im Landkreis streicht die Segel, einige in der Probezeit, andere vor der Zwischen- oder Abschlussprüfung – aus gesundheitlichen Gründen, weil das Klima im Betrieb nicht stimmt oder eben die Motivation fehlt; die Gründe sind vielschichtig. Aber auch die, die durchhalten, haben Probleme. Angefangen bei den Berufsschulen. „Mitunter sind die Auszubildenden mehr in der Berufsschule als im Ausbildungsbetrieb. Und wenn dann ständig Stunden ausfallen, ist das verlorene Zeit“, meint Christian Stappenbeck.

Deutschlandweit ist das ein Problem. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages fällt besonders viel Unterricht an Berufsschulen in Sachsen-Anhalt (48 Prozent), Brandenburg (46 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (44 Prozent) aus. Eher selten fallen in Bayern, Schleswig-Holstein sowie Hamburg Stunden aus.

Jugend weniger leistungsbereit

Viele Ausbildungsbetriebe beklagen, dass die Jugendlichen heute weniger leistungsbereit und motiviert seien. Das spiegelt auch die Umfrage des Industrie- und Handelskammertages wider. Tenor: Die Anstrengungsbereitschaft Jugendlicher sinkt. Und: Allgemeinbildende Schulen müssen ihre Bestrebungen für eine bessere Berufsorientierung intensivieren. Das unterschreibt Christian Stappenbeck sofort. Die Berufsmessen seien grundsätzlich eine gute Idee, sagt er, nur müssten die von den Schulen besser vor- und nachbereitet werden. Er selbst habe beobachtet, dass sich Schüler lieber draußen rauchend unterhalten, als sich über Berufe zu informieren.

An Lehrstellenbörsen oder Berufsinformationsmessen mangelt es nicht, dafür setzt sich auch die Industrie- und Handelskammer zu Schwerin ein. Von September bis November sind alleine acht geplant, darunter auch wieder in Wismar am 6. und 7. Oktober in der Reithalle. Noch nicht zu spät für die, die noch eine Ausbildung suchen. „Noch bis Ende Oktober können Ausbildungsverträge geschlossen werden, ohne dass dies Auswirkungen auf den Prüfungsrhythmus hat“, erläutert Peter Todt, Geschäftsbereichsleiter Aus- und Weiterbildung bei der IHK zu Schwerin. „Nach dem 1. September melden sich fast täglich Schulabgänger ohne Ausbildungsvertrag, Interessierte an einer Zweitausbildung oder Studienabbrecher mit der Bitte um Unterstützung bei der Suche nach einem Ausbildungsvertrag.“ In der IHK-Stellenbörse zu Schwerin sind aktuell 652 Ausbildungsplätze im Angebot, davon 127 noch für 2017 und schon 525 für 2018. In ganz Mecklenburg-Vorpommern gibt es noch 3356 offene Ausbildungsstellen.

Dem gegenüber stehen 1892 Bewerber.

Werbung: Mit der Zeit gehen

Wie nun Auszubildende gewinnen? Betriebe gehen ihren eigenen Weg. Sie wissen: Im Wettbewerb um den Fachkräftenachwuchs reicht es nicht mehr, einfach nur eine Stellenanzeige zu schalten.

Imagefilme werden gedreht, Fahrzeuge mit der Info freier Stellen beklebt, Werbung auf Facebook betrieben. Mit der Zeit gehen eben. Jeder zehnte Betrieb in Deutschland, so ergab es die Umfrage des Industrie- und Handelskammertages, setzt auf materielle oder finanzielle Anreize – übertarifliche Vergütung, mehr Urlaubstage, Bonuszahlungen für gute Noten und Fitnessstudiomitgliedschaften.

Cris Boye, Azubi im Autohaus Martens, wünscht sich am Ende des Monats mehr Geld. „In der Branche wird zu wenig Lehrlingsgeld gezahlt. Ohne Berufsausbildungsbeihilfe könnte ich mir Miete und Verpflegung nicht leisten“, sagt der 19-Jährige aus Perlin. Aber auch an der Einstellung der Jugendlichen müsse sich etwas ändern, meint er. „Kaum jemand möchte noch etwas Handwerkliches machen.

Stattdessen wollen sie im Büro sitzen und viel Geld dafür bekommen“, glaubt er.

Christian Stappenbeck sieht das Locken mit mehr Geld mit gemischten Gefühlen: „Motivation hat nichts mit Geld zu tun.“ Er geht einen anderen Weg. Seinem Azubi Phillip stellte er ein Smartphone zur Verfügung, über das dieser auf Facebook seine beruflichen Erfolge im Unternehmen postet. „Das wird unter Jugendlichen geteilt und wirbt gleichzeitig für den Beruf“, glaubt er.

Mit der Zeit geht auch Tobias Böse von der Kreishandwerkerschaft. Mit einer Plakatkampagne werden neue Wege beschritten. Auf Plakaten und Aufstellern klebt ein sogenannter QR-Code. Smartphone-Nutzer scannen diesen, auf dem Bildschirm erscheint der passende Mund zum Bild. Ausbilder und Azubis im ersten Lehrjahr werben für Beruf und Betrieb, andere suchen eine Lehre und werben mit ihrem Gesicht auf dem Poster und ihrem Mund auf dem Handy. „Ich weiß nicht, ob ich es an der Kampagne alleine festmachen würde, aber wir haben im Vergleich zum Vorjahr 33 Lehrverträge mehr vergeben“, rechnet Tobias Böse vor. Waren es zum 1. August 2016 insgesamt 92, zählte er in diesem August 125. Gelistet sind in der Kreishandwerkerschaft 450 Innungsbetriebe, rund die Hälfte bildet aus.

Letzter Ausweg Flüchtlinge?

Viele Ausbildungsbetriebe stellen Flüchtlinge ein. Im Bereich der Industrie- und Handelskammer Schwerin (Landkreis Nordwestmecklenburg und Ludwigslust-Parchim) absolvieren derzeit 227 junge Menschen aus 26 Nationen in 23 Berufen ihre Ausbildung – 99 starteten in diesem Jahr.

Auch Ulrich Martens denkt darüber nach, einen bestimmten Flüchtling einzustellen. „Er hat bereits ein Praktikum absolviert und sich gut gemacht“, berichtet er. Einige Formalien müssten noch geklärt werden, dann könnte er im Oktober anfangen.

Jana Franke

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