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Güstrow Die fliegenden Rehkitz-Retter
Mecklenburg Güstrow Die fliegenden Rehkitz-Retter
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18:17 26.11.2018
Rehkitz-Retter Frank Demke vor seinem Anhänger und seiner Drohne. Quelle: Dietmar Lilienthal
Dolgen am See

Der Auslöser war ein Spaziergang. Frank Demke lief in seiner Nachbarschaft mit seinem Hund an frisch gemähten Feldern vorbei, als er eine Entdeckung machte, die sein Leben verändern sollte. Der 56-jährige Mecklenburger fand nacheinander im abgeschnitten Gras vier Rehkitze, alle verstümmelt von den Klingen einer Mähmaschine. Eines der Tierbabys lebte noch. „Es schrie wie ein kleines Kind. So etwas vergisst man nie wieder“, sagt Demke.

Abgesenste Läufe, zerschnittene Leiber – jedes Jahr von Anfang Mai bis Ende Juni werden unzählige neugeborene Rehe von den Erntemaschinen fürchterlich zugerichtet. Deren Fahrer bekommen davon in der Regel nichts mit. Rehkitzen fehlt in den ersten zwei Wochen jeglicher Fluchtinstinkt. Sie harren still aus, während das Unglück auf sie zukommt. Ihre Mütter – die Ricken – legen sie im hohen Gras ab, weil Füchse und Greifvögel sie dort nicht sehen können. Dass Traktoren mit Mähmaschinen noch gefährlicher sind, haben die Rehe in ihren Instinkten noch nicht abgespeichert.

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Das kann doch nicht sein, dachte sich Demke, der in dem kleinen Ort Dolgen am See im Landkreis Rostock lebt. Er engagiert sich schon lange im Tierschutz. In seinem Haus zieht er verwaiste Hasenjunge auf und wildert sie im Frühjahr aus. Bei Kitzen konnte er nicht nur einfach zusehen. Das war vor sieben Jahren. Am Anfang besorgte sich der gelernte Orthopädietechniker eine Wärmebildkamera und lief in einer Anglerhose früh morgens durch feuchte Wiesen, um während der Grünlandmahd Rehkitze zu retten. Später experimentierte er mit einem Freund, einem Hobby-Modellbauer, mit Drohnen. „2013 hatten wir einen professionellen Standard erreicht“, sagt Demke. Seitdem retten er und seine fünf Mitstreiter mit professioneller Luftüberwachungs-Technik Kitze.

Demke gründete einen gemeinnützigen Verein, „Wildtierhilfe MV“. Im Frühsommer fahren die Tierschützer viele Nächte mit ihrem ausgebauten Anhänger voller Technik auf die Felder und lassen die große Oktokopter-Drohne steigen. Um das System zu bedienen, zu dem Monitore, Videobrillen, unzählige Akkus und Ladegeräte gehören, sind mindestens zwei Personen nötig. Die Ausrüstung hat Demke mit eigenen Geld und aus Spenden finanziert. Unterstützung vom Staat gibt es nicht. Als sich seine Arbeit herumsprach, lud ihn Landeslandwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) ein. „Es war ein gutes Gespräch“, sagt der Tierschützer. Aber weiter passiert sei nichts.

Eine winzige Wärmebildkamera zeigt Kitz-Suchern an, wo im hohen Gras ein Tier hocken könnte. Oft ist nur ein aufgeheizter Stein. Sie haben Karten mit Flugbahnen erstellt. Finden die Retter ein Reh, schirmen sie es mit einem 80 Zentimeter hohen Windschutz ab. Der Landwirt mit seinem Traktor und der Mähmaschine kann dann drumherum fahren. So haben sie allein dieses Jahr 41 Rehkitze gerettet.

Dem Gemetzel sollen jährlich bundesweit mindestens 100 000 Rehe zum Opfer fallen, etwa ein Viertel davon im Agrarland Mecklenburg-Vorpommern. Das geht aus Hochrechnungen der Deutschen Wildtierstiftung hervor. Es gibt niemanden, der die „vermähten“ Kitze zählt. Im Juli warf die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ der Stiftung vor, die Zahlen seien erfunden. Andreas Kinser, stellvertretender Leiter für Arten- und Naturschutz bei der Hamburger Stiftung, weist das zurück. „Wir haben das konservativ berechnet“, sagt er. Wahrscheinlich würden sogar noch mehr Kitze sterben. Als Grundlage für seine Berechnungen dienten ihm Angaben von ehrenamtlichen Rehbaby-Rettern wie Demke. Mittlerweile sind mehr als 20 Tierschutz-Vereine bundesweit dem Beispiel des Mecklenburgers gefolgt und gehen ebenfalls mit professionellen Drohnen auf Bambi-Suche.

Professionalität ist wichtig, sagt Frank Demke. Jeder Handgriff müsse sitzen, „wie bei der Feuerwehr“. Der Verein übt regelmäßig. Während einer solchen Übung meldete sich vor ein Tagen eine Hundebesitzerin, deren Dobermann weggelaufen war. Die Tierschützer fuhren hin. Zehn Minuten nach dem Start der Drohne sahen sie die Kontur des Hundes auf ihrem Monitor. Seine Leine hatte sich im Schilf eines Sumpfgebiets in der Nähe der Stadt Barth verheddert. Die Bergung von Dobermann „Tyson“ dauerte dann noch einmal 20 Minuten. Die Hundebesitzerin war glücklich, Demke und seine Mitstreiter ebenfalls.

Sechs Landwirte lassen mittlerweile Demkes Drohne über ihre Felder fliegen. Andere lehnten ab. „Viele wollen nicht, dass über das Thema gesprochen wird“, ist sein Eindruck. Natürlich gebe es auch solche Bauern, die aufgeschlossen sind. Aber das sei nicht die Mehrheit. Den meisten Landwirten komme es nur darauf an, wie viel ein Tier kostet und wie viel Geld es einbringt. Drohnenflüge, die Betriebsabläufe verzögern, stören da nur, sagt Demke. Ein Grund aufzugeben, ist das für ihn nicht. Ganz im Gegenteil.

Gerald Kleine Wördemann

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