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Frech, laut und unverzichtbar: Möwenbestände an der Küste stabil

Güstrow Frech, laut und unverzichtbar: Möwenbestände an der Küste stabil

Sie schnappen Touristen schon mal ein Fischbrötchen aus der Hand. Doch was wäre die Küste ohne ihren Sound? Möwen gehören zur Ostsee wie Wind, Wellen und Strand.

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Die Heringsmöwe ist in Mecklenburg-Vorpommern selten. 2016 wurden hierzulande 14 Paare gezählt.

Quelle: Hinrich Bäsemann/dpa

Güstrow. Mal lästig, wenn sie wieder ein Fischbrötchen klauen, aber als Fotomotiv unverzichtbar: Die Möwen gehören zu den Stränden wie Sand und Wellen. Die Küstenvögel scheinen gute Lebensbedingungen an der Ostseeküste zu haben: Die Bestände von fünf der sechs an der Küste brütenden Arten seien seit Jahren stabil, sagte der Leiter der AG Küstenvogelschutz MV, Christof Herrmann. Die Brutpaarzahlen der Lachmöwe sind in den vergangenen Jahren an den östlichen Küstengewässern sogar wieder deutlich gestiegen. Zählten die Ornithologen 2008 etwa 6500 Brutpaare im Bereich des Oderhaffs und Achterwassers, hat sich der Brutbestand dort aktuell auf etwa 16 400 Paare mehr als verdoppelt. Den Brutbestand an der gesamten Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns schätzen die Ornithologen auf 17 000 Paare.

 

Natürlicher Erholungseffekt bei Lachmöwen

Vor etwa 40 Jahren lebten rund 65 000 brütende Lachmöwenpaare an den Küsten des Landes. Die Zahlen brachen ab den 1980er Jahren um 75 Prozent ein, so Herrmann. Die Fachleute vermuten, dass sich das Nahrungsangebot damals stark verschlechterte. Dass der Brutbestand jetzt in den wichtigsten Kolonien am Haff wieder zunehme, sei als natürlicher Erholungseffekt zu werten, so Herrmann. Vermutet werde, dass sich die Nahrungsverfügbarkeit in den Haffgewässern verbessert hat. Zudem sei die Insel Riether Werder seit vielen Jahren frei von Füchsen, Waschbären oder Mardern, die Jagd auf Eier und Küken machten. Dadurch konnte sich hier ab dem Jahr 2006 eine Lachmöwenkolonie herausbilden, die 2017 eine Größe von etwa 10 000 Brutpaaren erreichte.

 

Bejagung von Füchsen und Madern

Ornithologen sorgen durch punktuelle Bejagung von Füchsen und Madern in den wichtigsten Brutgebieten dafür, dass Möwen und die mit ihnen oftmals zusammenlebenden Seeschwalben möglichst störungsfrei brüten und Jungtiere aufziehen können. „Jedes Jahr im Frühjahr wird auf den wichtigsten Brutinseln wie Langenwerder, Walfisch, Pagenwerder, Kirr, Böhmke und Werder sowie auf dem Riether Werder eine Raubwildjagd durchgeführt.“ Dass dennoch – mit Ausnahme der Lachmöwe im Oderhaffgebiet – die Möwenbestände nicht weiter anwachsen, hänge mit dem limitierten Nahrungsangebot zusammen. „Die Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Sommergetreide und Hackfrüchte werden kaum noch angebaut. Auf den heute dominierenden Wintergetreide- und Rapsfeldern finden die Möwen zur Brutzeit keine Insekten oder Regenwürmer.“ Zudem gebe es anders als zu DDR-Zeiten keine offenen Müllhalden, auf denen Sturm- oder Silbermöwen damals ausreichend Nahrung fanden.

 

Vielerorts „Möwen füttern verboten“

Silbermöwen sorgen auf Strandpromenaden immer wieder für Ärger, weil sie Urlaubern Fischbrötchen stibitzen und Müllbehälter durchwühlen. Der Bestand ist aber seit etwa 15 Jahren stabil, machte Herrmann deutlich. Etwa 3000 bis 3500 Brutpaare brüten an der gesamten MV-Ostseeküste, überwiegend in einigen großen Kolonien wie auf dem Pagenwerder oder der Barther Oie, aber auch zerstreut auf den Dächern der Küstenstädte. Eine Bejagung würde keine Effekte bringen, weil die Population schnell die Lücken kompensiere. Die betroffenen Seebäder sollten darauf achten, dass die Möwen nicht auf den Fischbrötchenklau konditioniert werden, so Herrmann. An vielen Seebrücken des Landes finden sich Schilder wie „Möwen füttern verboten.“

Anders als in den 1970er und 1980er Jahren, als unter dem Motto des gelenkten Vogelschutzes die Möwenbestände in Ost- wie in Westdeutschland gezielt dezimiert wurden, halten Ornithologen eine Bestandsregulierung heute für falsch. „Mit sehr großem Aufwand können nur geringe Effekte erreicht werden“, erklärte Herrmann. Die Erfahrungen zeigten, dass die Bestände nach dem Abschluss der Regulierungsmaßnahmen – Absammeln oder Unfruchtbarmachen von Eiern, Tötung von Brutvögeln – sofort wieder anwuchsen.

 

Keine Bedrohung für andere Seevogelarten

Zudem habe sich die frühere Annahme, dass Möwen die Bestände anderer Seevogelarten wie Seeschwalben und Limikolen bedrohten, als falsch erwiesen. Möwen nutzten zwar auch Eier und Jungvögel anderer Küstenvögel als Nahrung, bei großräumiger Betrachtung gefährde dies aber nicht die Bestände der betroffenen Arten. „Große Möwenkolonien üben sogar eine gewisse Schutzfunktion beispielsweise für Reiherenten oder Flussseeschwalben aus, weil sie Prädatoren wie Füchse abwehren.“ Die Brandseeschwalbe brüte beispielsweise ausschließlich im Schutz von Lachmöwenkolonien.

Martina Rathke

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