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Mehr als zehn Wolfsrudel in MV sind denkbar

Güstrow/Pasewalk Mehr als zehn Wolfsrudel in MV sind denkbar

Der Wildbiologe Norman Stier meint: Ohne Regulierung ist eine breite Akzeptanz der Wölfe langfristig nicht möglich.

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Ein ausgewachsener Wolf wird bis zu 1,50 Meter lang und 60 Kilo schwer. In Mecklenburg-Vorpommern leben drei Rudel, bundesweit sind es 46.

Quelle: Martin Oeser

Güstrow/Pasewalk. Zehn Wolfsattacken in viereinhalb Monaten: Seit Jahresbeginn gibt es mehr Angriffe auf Schafe und Rinder als 2014 im ganzen Jahr. 28 Tiere wurden schon getötet, zwölf verletzt. Der Koordinator des Wolfsmanagements in MV, Norman Stier, hält die Bejagung des Wolfes für vertretbar, um langfristig Akzeptanz für den Wolf zu erreichen. OZ-Redakteurin Elke Ehlers sprach mit dem 44-Jährigen.

 

OZ-Bild

Dr. Norman Stier, Wolfsmanagement MV

Quelle: Foto: Ndr/wittig
OZ-Bild

Der Kadaver eines Kälbchens bei Pasewalk, das Anfang April auf einer Weide vermutlich von einem Wolf gerissen wurde.

Quelle: Foto: Raminer Agrar Gmbh

Anwohner sind beunruhigt, wenn Wölfe in ihrer Nähe auftauchen. Bauern sehen Probleme für die Weidehaltung – zu Recht?

Schafe lassen sich recht gut mit Elektrozäunen schützen, bei Kühen ist das schwieriger. Aber oft ist es auch gar nicht nötig. Wir wissen von Koppeln, da laufen jede Nacht Wölfe durch die Herde, ohne dass etwas passiert. Kühe und auch Pferde sind eigentlich recht wehrhaft.

Bei Pasewalk beobachten Landwirte seit längerem einen Wolf, jetzt ist ein Kalb getötet worden. Ist dieser Wolf eine Gefahr für die Herde?

Wenn er zum Wiederholungstäter wird – ja. Es kommt vor, dass bestimmte Tiere oder ein ganzes Rudel mehrfach an derselben Stelle Beute machen, weil sie dort Erfolg hatten. Wenn ein Wolf regelmäßig eine Herde angreift, muss etwas unternommen werden. Er kommt sonst immer wieder.

Was wäre machbar?

Das Landesumweltamt würde jemanden zur Präventionsberatung losschicken. Der sieht sich die Weide an und berät den Agrarbetrieb. Aufwendigere Zäune mit mehr Strom könnten helfen. Der Rüde in der Lübtheener Heide hat zum Beispiel zwischen 2007 und 2009 mehrfach Schafherden angegriffen. Seit die Schäfer ihre Weiden vollständig eingezäunt haben, wurde der Rüde bei Angriffen nicht mehr nachgewiesen. Wir vermuten, dass er mal Strom abbekommen hat.

Haben Wölfe, die in der Nähe von Dörfern und Weiden gesehen werden, die Scheu vor dem Menschen verloren?

Es gibt bei Wölfen – wie bei Füchsen – manchmal neugierige Jungtiere, die sich dicht an Siedlungen herantrauen. Die meisten Wölfe meiden jedoch nach wie vor die Nähe des Menschen. Es hängt auch vom Rudel ab. Sind die Eltern scheu, geht das auf die Jungen über. Leider gibt es inzwischen Beispiele, da haben sich Wölfe so an Menschen gewöhnt, dass sie sogar Autos hinterherlaufen. Auf die Rudel in MV trifft das aber nicht zu.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass Wölfe am Tage zu sehen sind?

Nein, Tagesaktivität ist normal. Wölfe nutzen gezielt die Tagesruhe ihrer Beutetiere. Sie kennen die Senken und Buschgruppen, in die sich Rehe und Wildschweine zurückziehen. Dort jagen sie auch am Tage.

In Güstrow und Pasewalk gab es am Freitag öffentliche Diskussionen zum Wolf – ging es dort mehr um Ärger mit dem Wolf oder sind die Leute offen für seine weitere Ausbreitung?

Beides. Aber natürlich ging es um die Wolfsattacken auf Nutztiere. Bauern und Jäger verlangen eine Obergrenze für die Wolfspopulation und damit auch die Bejagung.

Wie stehen Sie dazu?

Langfristig wird breite Akzeptanz für eine größere Zahl Wölfe nicht erreichbar sein, wenn nicht regulierend eingegriffen wird, um die Endlosentwicklung zu verhindern.

Sie befürworten auch, dass verhaltensauffällig Wölfe trotz ihres Schutzstatus geschossen werden?

Ja, verhaltensauffällige Tiere müssen der Population entnommen werden. Wenn Vergrämung keinen Erfolg bringt, ist die Akzeptanz der Art wichtiger als das Leben des einzelnen Tieres. Für die Bevölkerung ist nicht nachvollziehbar, dass in Niedersachsen viel Geld für Vergrämung ausgegeben wird – ohne Erfolg. Auch in Sachsen hatte die Naturschutzbehörde Anfang 2017 einen Wolf zum Abschuss freigegeben, weil er wenig Scheu zeigt. Er wurde als Jungtier in Polen von Menschen gefüttert.

Wie viele Rudel verträgt MV?

Letztlich ist das eine gesellschaftspolitische Entscheidung. Aber mehr als zehn sind denkbar. Wie viele der Lebensraum tatsächlich hergibt, das müsste genauer analysiert werden. Bundesweit geht man von mindestens 440 aus. Nahrung für den Wolf ist vorhanden, es gibt reichlich Wild. Aktuell leben in Deutschland 46 Rudel mit Jungtieren  und außerdem 15 Wolfspaare. Doch nicht alle Tiere überleben. Erst im Mai wurden zwei Wölfe aus dem Lübtheener Rudel überfahren, einer bei Ratzeburg in Schleswig-Holstein, einer auf der A24 bei Hagenow in Mecklenburg. Um den 1. Mai herum kommt der neue Nachwuchs auf die Welt.

Wolfsmonitoring in Mecklenburg-Vorpommern

3 Wolfsrudel mit je acht bis zehn Tieren gibt es in Mecklenburg-Vorpommern: in der Lübtheener Heide und bei Kaliß im Kreis Ludwigslust-Parchim sowie in der Ueckermünder Heide (Vorpommern-Greifswald). Außerdem haben sich mehrere Einzeltiere angesiedelt, andere ziehen aus Nachbarbundesländern nur durch.

83 ehrenamtliche „Wolfsbetreuer“, meist Förster, Jäger, Naturschützer, unterstützen das Wolfsmonitoring in Mecklenburg-Vorpommern. Sie registrieren gemeldete Sichtungen und dokumentieren als Riss-Gutachter Übergriffe auf Haus- und Nutztiere. Fotofallen und Wölfe mit Sender-Halsbändern liefern ebenfalls Informationen zur Entwicklung der Wolfspopulation.

Info: Jeder kann das Wolfsprojekt unterstützen. Unter www.wolf-mv.de heißt es: „Wenn Sie einen Wolf beobachten, versuchen Sie bitte Fotos oder ein Video als Beleg zu machen.“

Elke Ehlers

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