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Östliches Mecklenburg Riecher für Lebende und Leichen
Mecklenburg Östliches Mecklenburg Riecher für Lebende und Leichen
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06:05 22.06.2017
Mein Partner mit der kalten Schnauze: Auf den Riecher von Rüde Astor kann sich Andy Kothe verlassen. Quelle: Norbert Fellechner

Neugierig steckt Astor seine Nase in jeden Spalt. Irgendwo unter den Trümmern muss der Vermisste liegen. Akribisch schnuppert der Rüde den Schutthaufen ab. Da, ein unverwechselbarer Duft nach Mensch. Astor schlägt an und bellt. Diesmal ist die Schnüffelei eine Übung. Im Ernstfall kann Astors Riecher Leben retten: Der Belgische Schäferhund gehört zur Rettungshundestaffel „Vier Tore“.

Der Neubrandenburger Verein hilft dabei, Vermisste aufzuspüren und Personen in eingestürzten Häusern zu orten. 18 Leute und neun geprüfte Rettungshunde zählt die Truppe. Ihr Revier erstreckt sich über das ganze Land. Sind Demenzkranke unauffindbar, Kinder ausgebüxt oder Suizidgefährdete verschwunden, ist ihr Spürsinn gefragt. Denn die tierischen Schnüffler haben's drauf: Ein Hund könne binnen eineinhalb Stunden bis zu 100 000 Quadratmeter unwegsame Wälder absuchen und ersetze damit eine 50-köpfige Suchkette, erklärt der Vize-Vereinschef Uwe Becker (49). „Gegen unsere Hunde hat Manpower keine Chance.“

Astors Herrchen, Andy Kothe (42), ist seit neun Jahren im Team. Der Berufskraftfahrer hat gleich zwei Vierbeiner mit Supernasen: Neben Trümmer-Profi Astor gehorcht ihm Luca aufs Wort. Den Labradormischling nennt Kothe liebevoll „Opi“, denn er ist mit seinen zehn Jahren Zweitältester im tierischen Retterrudel. „Er macht den Jungen noch immer was vor“, sagt Kothe stolz. Zumindest dem drei Jahre alten Astor ist er eine Nasenlänge voraus: Der Jungspund schlägt ausschließlich bei Lebenden an. Luca kann Menschen hingegen selbst dann noch riechen, wenn die auf dem Grund eines Sees liegen. Luca ist für die Wasserortung ausgebildet. Bis zu einer Tiefe von 40 Metern kann er Leichengeruch wahrnehmen. Ein Großteil der Neubrandenburger Meute ist geschult, Personen nach Bade- und Bootsunfällen zu finden. „Wir sind die einzige Staffel im Land, die das zu bieten hat“, sagt Uwe Becker. Um ihre Hunde auf Leichengeruch zu konditionieren, holen sich die Ehrenamtler Material aus dem Krankenhaus: Plazenta. Das Gewebe, das im Mutterleib den Embryo mit Nährstoffen versorgt, verströmt nach ein paar Tagen an der Luft Verwesungsgestank wie Wasserleichen. Letztere orten die Hunde bei einer Bootsfahrt: Von einer Plattform aus schnüffeln sie das Wasser ab. Wittern die Hunden eine Leiche, bellen sie oder lecken sich die Schnauze.

Der Geruch von Tod führte die Staffel vor fünf Jahren zu einem besonders grausamen Fund. Im Tollensesee ortete sie die Überreste einer Frau, die deren Mann zerstückelt und im Gewässer versenkt hatte. „Der Einsatz war sehr heftig“, erinnert sich Becker. Zum Glück kämen solche Extremerlebnisse selten vor, sagt der 49-Jährige. Aber auch so verlangt ihr Ehrenamt den Vereinsmitgliedern viel ab: Drei Mal pro Woche, jeweils drei bis vier Stunden, wird im Wald, auf dem See oder dem Übungsplatz trainiert. Zu ihren jährlich bis zu 30 Einsätzen müssen sie meist mitten in der Nacht ausrücken. „Und danach gehts direkt ins Büro“, sagt Bankkaufmann Becker. Auch für die Vierbeiner ist jede Suchaktion ein Kraftakt. „Nach eineinhalb Stunden Nasenarbeit sind meine Hunde platt und schlafen den ganzen nächsten Tag durch.“

Wer die Staffel alarmiert, zahlt dafür nichts. Die Truppe finanziert sich über Spenden und Gelder des Bundesverbandes Rettungshund (BRH). Ihm gehören deutschlandweit mehr als 80 Staffeln an. Zum Trainieren kommen die auch nach MV. Ihr Ziel: Malchin. Wo einst Teile der Berliner Mauer gegossen wurden, klettern heute Rettungshunde aus ganz Deutschland über die Ruinen des ehemaligen Betonwerks. Auf rund 25 000 Quadratmetern erlauben bis zu drei Etagen hohe Hallen Training bei jedem Wetter. Eingestürzte Gebäude bieten die perfekte Kulisse für realitätsnahe Einsatzszenarien.

Wie herausfordernd eine echte Trümmerlandschaft ist, haben zwei Neubrandenburger in Fernost erlebt: Staffel-Chef Gabriel Fibinger und seine Frau Beate suchten mit ihren Hunden 2015 in Nepal nach Überlebenden eines Erdbebens. Die Fibingers sind Mitglieder der internationalen Hilfsorganisation ISAR. Genau wie Andy Kothe und Astor. Das Duo hatte bislang noch keinen Einsatz jenseits deutscher Grenzen, trainiert aber regelmäßig im BRH-Auslandskader dafür. Und wenn es soweit ist, weiß Kothe: Auf Astors Supernase ist Verlass.

AB

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