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Rostock Abfragen und Tee trinken: Ferien in der Ulmenstraße
Mecklenburg Rostock Abfragen und Tee trinken: Ferien in der Ulmenstraße
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00:00 13.03.2013
H�lt am Ulmenmarkt Eier in �bergr��e feil: Heiko Korsin (42).
Kröpeliner-Tor-Vorstadt

Die OZ sucht gestern Vormittag Geschichten in der Ulmenstraße. Und merkt: Etwas fehlt. Die Studenten. Schließlich sind Ferien. Aber dann finden sich doch noch vereinzelt Exemplare. Auf der Bank vorm Thünen-Haus des Uni-Campus erwartet Anja Schomann (22) eine Freundin. „Wir wollen lernen.“ Wollen? „Müssen“, berichtigt Katrin Schulz (26) lachend, als sie eintrifft. Die beiden haben perfekte Gebisse, studieren Zahnmedizin im vierten Semester. Die Ferien sind keine: Donnerstag steht eine Ankreuz-Klausur an. Schomann: „Die zweite nach einem Fehlversuch. Ich bin nicht der schriftliche Typ.“

Das Studium nimmt die jungen Frauen in Beschlag. Anja Schomann, bei Potsdam geboren, kennt von Rostock bisher nur Mitte und Seebad. Und der Rest? „Vielleicht ist nach dem Physikum Zeit.“ Katrin Schulz hat einen Korb mit Ordnern, Büchern und Stullenbüchse dabei. Ihre Hand hält eine Thermoskanne. „Schwarztee. Mit viel Zucker, das hält wach!“ Zucker? Bei der Studienrichtung? „Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe“, sagt die Studentin lachend, und die beiden betreten das Uni-Gebäude.

Gegenüber, im „Copy und Paste“, herrscht etwas, das nur die Semesterferien erlauben: Ruhe. Keine Schlange im Vorhof, kein Gedränge an den Kopierern. „Und keine Radfahrer auf den Gehwegen“, sagt Mitarbeiter André Barges (33) amüsiert. Da haben auch Nicht-Studenten Chancen auf einen sofortigen Platz an der Maschine. „Der Rest der Kundschaft“, erzählt Barges, „stimmt seine Kopiergänge eh auf die Studenten ab, kennt Pausen- und Vorlesungszeiten.“ Ältere würden immer bevorzugt behandelt. Noch zweieinhalb Wochen, dann ist hier wieder die Hölle los.

Draußen bietet Bernhard Drobniecki (63) seinen Arm, sein Fahrgast, eine alte Dame, hakt sich dankbar ein. Der Taxiunternehmer bietet Dienstleistung übers bloße Chauffieren hinaus. Halb sechs morgens schon fährt er Patienten zur Dialyse, Radiologe, Onkologie. „Vielen geht es dreckig.“ Da sei es keine Frage, dass sein Job nicht an der Taxitür ende. Er kennt alle mit Namen. Ab zum nächsten Kunden, dem achten heute.

Manchmal muss auch Ingedore Helms per Taxi zum Arzt in der Ulmenstraße. Dann blickt die 88-Jährige zum Haus hoch, in dem sie früher wohnte. Eine Episode ist ihr gut in Erinnerung: „Während des Kriegs flog ein Kanarienvogel gegen mein Fenster, ich fing ihn ein, nahm ihn in unseren Vogelbauer.“ Tags darauf habe ihr ein Kollege bei der AEG in der Breiten Straße erzählt, ihm sei sein Tier entflogen.

Da konnte sie helfen. „Es war alles so ernst und traurig, aber da mussten wir doch lachen.“

Mittagszeit, die Straße füllt sich. Den „größten Burger der Stadt“ verspricht ein Geschäft, ein paar Hundert Meter weiter gibt‘s Känguru-Steak. Dass es aber gar nicht exotisch sein muss, weiß Michael Bösener (40), Küchenleiter der Kleinen Mensa. Schon draußen duftet es. Drinnen werden Kochklopse, Hoki-Filet und Gemüse gar. Schnitzel — ginge es nach den Studenten, brächten die panierten Fleischstücke sie durchs ganze Jahr. „Aber wir wollen ja alle gesund verpflegen“, sagt der Küchenchef. Die Vorlieben variierten semesterweise: „Mal gehen viele Steaks über die Theke, mal viel Gulasch, mal ernähren die Leute sich sehr figurbewusst.“ Und: Die Sozialwissenschaftler der KTV äßen sehr gesund, die Maschinenbauer und Landwirtschaftler in der Südstadt bevorzugten da schwerere Kost.

Schiebefenster auf, Kälte rein bei Heiko Korsin (42), einem der zwei Standbetreiber, die auf dem Ulmenmarkt noch Ware feilbieten. Eier und Kartoffeln hat er im Angebot. „Eier in Übergröße gehen am besten.“ Die pickten sich die Kunden als Erstes heraus. Seit elf Jahren ist er am Platz. Fast so lange wie die Blumenverkäuferin nebenan. „Mittlerweile sind wir befreundet. Frühstücken und essen Mittag zusammen“, sagt Korsin, richtet das Preisschild, winkt und lächelt. Schiebefenster zu, Kälte raus.

Kasernen prägten das Bild rund 100 Jahre lang
Die Ulmenstraße ist 1863 — sozusagen als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme — mit den für sie charakteristischen Ulmen bepflanzt worden. Sie wurde in einem Jahr hoher Arbeitslosigkeit gemeinsam mit der Lindenallee (heute Schillingallee/Maßmannstraße) im Rahmen kirchlicher Sozialarbeit bepflanzt. Ihren Namen bekam sie 1890. Im Jahr 1963 wurde es sogar die Ulmenallee, 1969 erfolgte die Umbenennung nach dem von den Nazis ermordeten Hamburger Kommunisten Fiete Schulze (1894-1935). Nach der Wende bekam die Straße ihren alten Namen zurück.

Ab 1880 begann die Bebauung der Straße. 1907 wurde das vom Herzog initiierte „Landeskrüppelanstalt Elisabeth-Heim“, die spätere Orthopädische Universitätsklinik, bezogen. Daneben entstand das Säuglings- und Kinderheim (heute Sitz Kommunale Objektbewirtschaftung — KOE) und gegenüber der Kasernenkomplex. Die ersten Wohnhäuser wurden beginnend bei der Wismarschen Straße gebaut. Die andere Straßenseite kam erst in den 30er Jahren hinzu und gehörte nicht mehr zum klassischen Arbeiterviertel. Auch der Ulmenmarkt war 1932 noch unbebaut. Typisch für die Ulmenstraße waren in den Nummern 32, 33 und 36 Uniformschneidereien. Daneben gab es zahlreiche Kneipen, Zigarrengeschäfte — und mit der „Schauburg“ ein Kino. tst

Straßen der Serie:

Patriotischer Weg Schillerplatz

Fischbank Wokrenter Straße Barnstorfer Weg Augustenstraße Saarplatz Strandstraße Alter Markt Ulmenstraße

• Die Serie online:
www.ostsee-

zeitung.de

Kerstin Beckmann

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