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Abnehmen für einen Arbeitsplatz

Reutershagen Abnehmen für einen Arbeitsplatz

Ein neuer Kurs hilft übergewichtigen Hartz-IV-Empfängern dünner und selbstbewusster zu werden.

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Kurs gegen Pfunde: Sozialpädagoge Axel Propp und die Güstrower Teilnehmer Reno Jahn, Dirk Planeck, Michael Salow, Thomas Medow, Maren Hansen, Maik Eggert, Alexander Drabe, Birgit Samotia, Steffi Gienap und Margarete Kruse (von links).

Quelle: Ove Arscholl

Reutershagen. Neuer Job, neues Selbstbewusstsein und die Waage zeigt 21 Kilogramm weniger an. Für die Rostockerin Ute Ziesemeier (46) fing vor zwölf Monaten ein neues Leben an. Jahrelang war die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern arbeitslos. Die Betreuung ihres schwerbehinderten Sohns fesselte sie an die Wohnung. „Ich begann mich einzuigeln“, erzählt Ute Ziesemeier. Sie trank zwei Liter Cola am Tag und aß jede Menge Süßes — und wurde immer dicker. Das erzeugte neuen Frust, den sie mit weiteren Kalorien bekämpfte. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt sie.

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Ute Ziesemeier (46) hat 21 Kilogramm abgenommen und einen Job gefunden. Arbeit im Garten gehört zum Kurs dazu.

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Heute trinkt sie nur noch Wasser. Der Ausstieg aus der „Frustessen-Spirale“ begann mit einem Besuch beim Hanse-Jobcenter. Auf dem Schreibtisch ihrer Vermittlerin in der Hartz-IV-Behörde fand die Langzeitarbeitslose einen Flyer für den Kurs „Ich starte durch“. Zielgruppe sind übergewichtige Langzeitarbeitslose, die im Kreislauf aus viel zu viel Essen, Dickwerden und Enttäuschung gefangen sind — und auch deshalb so gut wie keine Chance haben, den Ausstieg aus Hartz IV zu schaffen.

Es betrifft viele Menschen: Jeder zweite Erwachsene in Mecklenburg-Vorpommern gilt als übergewichtig, fast jeder dritte als fettleibig (adipös). Sozial Schwache leiden besonders oft an Adipositas.

Laut Hans-Christof Schober, Ärztlicher Direktor am Südstadtklinikum, ist es ein „Armutsproblem“.

„Was soll diesen Leuten ein Kurs im Maschineschreiben bringen, wenn die Probleme ganz woanders liegen?“, sagt Uta Koss vom Institut für Gesundheitsmanagement Nord. Die Chefin des Bildungsträgers hat den Kurs zusammen mit dem Rostocker Hanse-Jobcenter entwickelt. „Im Grunde genommen ist es ein achteinhalb Monate langes Intensivcoaching“, beschreibt die Geschäftsführerin.

Abnehmen, lebendiger und selbstbewusster werden, das sind die Ziele der sogenannten Aktivierungsmaßnahme. Der erste Durchgang mit 14 Teilnehmern, eine von ihnen war Ute Ziesemeier, ist inzwischen beendet. Alle verloren Gewicht, zwischen zwei und 21 Kilo. Zehn von ihnen fanden eine neue Perspektive: einen Minijob, eine neue Ausbildung oder eine Vollzeitstelle.

Zu dem Intensivtraining neben Praktikum und Bewerbungstraining viel Sport und Bewegung, Ernährungskurse, jeden Montag war für alle mit dem Gang auf die Waage die Stunde der Wahrheit. Bei der Arbeit in einem extra angemieteten Schrebergarten sollte Wertschätzung für Lebensmittel vermittelt werden. „Viele Dicke kaufen zu viel ein und schmeißen viel weg“, sagt Uta Koss. In Einzelgesprächen wurde den Moppels klargemacht, wo sie gerade in ihrem Leben stehen, was sie erreichen wollen und wie sie dort hinkommen. „Man muss den Willen haben. Sonst funktioniert es nicht“, sagt Ex-Teilnehmerin Ziesemeier. Sie stand vor dem Kurs an einem Scheideweg: Ihr behinderter Sohn lebte seit kurzem in einer betreuten Einrichtung, die Zeit für eine Neuorientierung war da. „Ich wollte wieder mein eigenes Leben leben.“ Aber allein hätte es sie nicht geschafft, sagt sie. Die Gruppe gab ihr den nötigen Rückhalt. An Erfahrung mangelte es der Rostockerin nicht: Nach dem Abitur arbeitete sie in einer Kita, später lernte sie Bankkauffrau, sie jobbte zeitweise bei einer Zeitung und als Verkäuferin. Die sympathische Frau hatte Glück: Das selbstbewusste Auftreten der Kursteilnehmerin hinterließ

so viel Eindruck in dem Bildungsinstitut, dass sie dort als Qualitätsmanagerin eingestellt wird.

Das Hilfsangebot soll nun landesweit ausgebaut werden. Zurzeit läuft ein Kurs mit Teilnehmern aus Güstrow, ein weiterer startet Ende des Jahres im Landkreis Ludwigslust-Parchim, 2014 kommt Schwerin hinzu und ein zweiter Durchgang in Rostock.

Jeder dritte ist dick
32 Prozent der Männer in Mecklenburg-Vorpommern leiden an Fettleibigkeit (Adipositas), bei den Frauen sind es 30 Prozent. Zu dem diesem erschreckenden Befund kam die Ende 2012 vorgestellte Neuauflage der Langzeit-Studie SHIP der Universität Greifswald. Vor zehn Jahren betrug der Adipositas-Anteil der Männer noch 24 Prozent und unter den Frauen 26 Prozent. Mediziner erwarten eine Welle von durch Übergewicht ausgelösten Krankheiten.

 

Gerald Kleine Wördemann

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