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Rostock Ärger mit dem Landesamt: Felix bekommt keine Begleitung
Mecklenburg Rostock Ärger mit dem Landesamt: Felix bekommt keine Begleitung
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06:49 27.08.2013
In der Wohnung kennt Felix (8) sich aus. Zusammen mit Schwester Maja (5) spielt er gern Lego. Aber wenn es zur Schule geht, braucht der Achtjährige ständige Begleitung. Der Zweitklässler leidet unter Epilepsie. Er könnte jederzeit einen Anfall bekommen. Quelle: Ove Arscholl
Rostock-Südstadt

Ärger mit dem Landesgesundheitsamt (Lagus): Seit über einem Jahr versuchen Cornelia und Rüdiger Bauer, für ihren behinderten Sohn Felix eine Begleitung im öffentlichen Verkehr zu bekommen. Der Achtjährige hat einen Grad der Behinderung von 80, leidet etwa an Epilepsie, kann nicht allein zur Schule fahren. Doch die Behörde lehnt eine ständige Unterstützung für den Jungen ab.

Jeden Tag bringt Rüdiger Bauer Felix zur Schule und holt ihn wieder ab. „Wenn wir ihn losschicken, kommt er nicht an. Er hat keinen richtigen Orientierungssinn, er läuft bei Rot über die Ampel, weiß

nicht, an welcher Haltestelle er aussteigen muss“, schildert der 54-Jährige die Situation. Hinzukomme, dass er jederzeit einen epileptischen Anfall bekommen könnte.

Felix ist mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen. Bei seiner Geburt waren Speise- und Luftröhre zusammengewachsen — der Achtjährige kam als Frühgeburt auf die Welt und hat schon einige Operationen hinter sich. „Durch seine Krankheit ist er unterentwickelt“, erzählt Rüdiger Bauer. In der Schule sei er unkonzentriert, komme im Unterricht nicht mit. Im Kindergarten habe er eine Eins-zu-Eins-Betreuung gehabt. Die sei in der Schule jetzt nicht mehr gegeben.

Im Schnitt muss Felix 15-mal im Monat zum Arzt. Die Fahrtkosten könnte die Familie durch eine bestimmte Einstufung sparen: das sogenannte „Merkzeichen B“. Schule und Ärzte haben schriftlich bestätigt, dass Felix eine Begleitung im öffentlichen Verkehr braucht. „Die Schreiben liegen dem Amt vor“, sagt Bauer.

„In der Schule treten über den gesamten Schultag verteilt immer wieder kurze epileptische Anfälle auf, die mit einer Bewusstseinsstörung und anschließender Desorientierung einhergehen“, schreibt Silke Kreiß, Felix‘ Heilerzieherin in der ersten Klasse. Mittlerweile geht er in die zweite Klasse der Paul-Friedrich-Scheel-Schule. „Felix hat viele Lernschwierigkeiten“, sagt der zweifache Vater.

Bauer versteht die Welt nicht mehr. „Alle befürworten die Einstufung, und das Amt stellt sich stur? Die kennen Felix doch gar nicht.“ Er schüttelt den Kopf.

Im Ablehnungsbescheid begründet das Landesamt die Entscheidung damit, dass keine wesentliche Änderung im gesundheitlichen Verhältnis eingetreten sei, die eine Erhöhung des Grads der Behinderung rechtfertigte. Die Voraussetzungen für eine Zuerkennung des Merkzeichens B lägen nicht vor. „Welche Voraussetzungen brauchen sie denn noch?“, fragt sich Bauer.

Im Dezember 2012 erhielten Bauers den Amtsbescheid, in dem Felix das Merkzeichen B nicht zugesprochen bekam. „Die Familie hatte vier Wochen Zeit, Widerspruch einzulegen. Das ist nicht geschehen, damit ist der Bescheid rechtskräftig“, sagt Lagus-Sprecherin Anja Neutzling. Jetzt, acht Monate später, habe sich Rüdiger Bauer erst wieder beim Amt gemeldet und einen Antrag auf Neufeststellung gestellt.

„Die vorhandenen Unterlagen reichen nicht für das Merkzeichen B“, sagt Neutzling. Das würde Felix bekommen, wenn er einen Grad der Behinderung von 70 durch die Epilepsie hätte. „Dafür liegen keine Unterlagen vor“, so Neutzling. Um das zu prüfen, hat das Amt an Felix‘ Neurologen geschrieben. Außerdem werde die Schule für einen Entwicklungsbericht angeschrieben.

„Die Entscheidung wird oft nach Aktenlage getroffen“, erklärt Neutzling. „Als Amt wollen wir keinem ein Merkzeichen vorenthalten, wenn es ihm denn zusteht. Aber wir können damit auch nicht durch die Gegend werfen“, so die Sprecherin.

Voraussetzungen für das Merkzeichen B
Zur Mitnahme einer Begleitperson sind schwerbehinderte Menschen berechtigt, die bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln infolge ihrer Behinderung regelmäßig auf Hilfe angewiesen sind. Dafür steht das Merkzeichen B im Schwerbehindertenausweis.


Regelmäßige Hilfe heißt, wenn die schwerbehinderten Menschen beim Ein- und Aussteigen oder während der Fahrt erforderlich ist oder zum Ausgleich von Orientierungsstörung dient beispielsweise bei einer Seh- oder geistigen Behinderung.

Die Voraussetzung für den Erhalt des Zeichens erfüllen beispielsweise querschnittsgelähmte und blinde Menschen oder solche, deren Anfallsleiden einen Grad der Behinderung von 70 ausmachen.


Weiterhin haben Taube und hörbehinderte Menschen, bei denen an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit im Kindesalter vorliegt, einen Anspruch auf das Merkzeichen. Auch geistig behinderte Menschen mit einem Grad der Behinderung von 100 erfüllen immer und mit 80 oder 90 in den meisten Fällen die Voraussetzung.

Anja Levien

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