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Rostock Als Eichhörnchen auf der Datenautobahn unterwegs
Mecklenburg Rostock Als Eichhörnchen auf der Datenautobahn unterwegs
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00:00 15.04.2013
Südstadt

Augenklappe, Säbel, verwegener Blick, Stoppelbart, und die schwarzen Stiefel sicher auf jede schwankende Planke setzend — das bietet nur noch Hollywood. Der Pirat von heute ist kein Johnny Depp mit einem Hauch von Karibik. Die Brille ersetzt die Augenklappe, die Datenautobahn die Weltmeere. 15 Piraten haben sich am Sonnabend zur Kreismitgliederversammlung (KMV) im „Heizhaus“ eingefunden.

15 Eichhörnchen. Wer Pirat sein will, sollte sich wie dieser possierliche Nager fühlen. Zumindest, wenn er sich um einen Parteiposten bewerben will. So sieht es die Linie der Partei vor. Denn:

Eichhörnchen seien geschlechtsunspezifisch, ist auf dem Wahlzettel zu lesen. Zumindest das Wort. Kein Problem für Sven Schannak. Schannak ist 22, seit 2011 bei den Piraten. Jetzt will er Schatzmeister im Rostocker Kreisverband werden. Er bringt mit, was die Partei prägt: Affinität zum Internet. „Mit 18 habe ich mich selbstständig gemacht, Webseiten programmiert.“ Mittlerweile studiert er Wirtschaft und Recht, plant nebenbei, drei Firmen an den Markt zu bringen. Dabei geht es beispielsweise darum, mit dem Smartphone einzukaufen. An dieser Idee will er mitverdienen.

Und er will auch politisch mitmischen. „Warum erhöhen wir nicht den Beitrag für die Kurkarte? Die zusätzliche Summe wird dann in Kulturprojekte gesteckt“, steht in einer Datei auf Schannaks Laptop.

Den Vorschlag will er einbringen. „Wie das in der Praxis umzusetzen ist, weiß ich nicht. Das muss die Verwaltung klären.“ Ein Einwand zur Zweckgebundenheit von Einnahmen und Ausgaben hat ihn kurz irritiert. Doch Schannak will sich seine Idee nicht wegreden lassen. Muss er eben schnell mal im Netz die Suchmaschine anwerfen, recherchieren. Schannak schiebt die Brille zur Nasenwurzel, klappt den Laptop auf. Einen von 15.

Kabelsalat unter den Tischen. Rucksäcke neben Verlängerungsstrippen. Ohne Saft aus der Steckdose läuft nichts. In der Mitte des Raumes ein Stativ mit voluminöser Videokamera. Die Versammlung soll aufgezeichnet werden. „Wir wollen Transparenz“, sagt Schannak. „Livestreaming“ ist das Stichwort. Versammlungsleiter Niels Lohmann greift zum Mikro: „Wollen wir die Öffentlichkeit zulassen? Ton- und Videoaufnahmen?“ Abstimmung. Blaue Karten schnellen in die Luft. Blau steht für Ja, rot für nein. Der Projektor wirft den „Timecode“ an die weiße Wand. 10.16 Uhr. Der frisch gebrühte Kaffee in der Kanne wird langsam kalt. Man hält sich lieber an Mineralwasser und Mate-Tee. „Der Bereich, wo Klaus gerade stand, ist im Livestream nicht einzusehen“, wirft Dörte Petzsch (27) ein. Sie ist eine von drei Frauen in der Männerrunde. „Ich lass‘ mich nicht unterbuttern.“ Die 27-Jährige ist Diplom-Physikerin, gerade mit dem Studium fertig. Jetzt habe sie endlich Zeit für die Politik. In den Bundestag will sie für die Piraten. „Irgendwann mal. Ich stehe auf der Liste. Aber leider irgendwo in der Mitte.“ 40 Prozent bräuchte die Partei sicher auf einen Schlag, damit sie bei dieser Position eine Chance auf ein Mandat hätte.

„Eigentlich waren heute ja erste Schritte für die Formulierung unseres Wahlprogramms geplant“, sagt Kreisverbands-Chef Klaus Klepik in die Runde. Zieht traurig die Brauen hoch, lässt das süddeutsche „R“ rollen. „Aber durch ein paar ungünstige Fügungen…“ Klepik bricht ab, den Blick auf den Boden gerichtet. Nun ist er selbst Gegenstand der Versammlung. Der dreiköpfige Vorstand muss neu gewählt werden. Wegen des Schatzmeisters. Der sei ausgestiegen. Schannak erklärt: „Der wollte, dass die Partei sein privates Projekt unterstützt.“ Aber so etwas gehe doch nicht. Ein User meldet sich online zu Wort: „Jemand tippelt ständig neben dem Mikrofon. Das erschwert es, die KMV zu verfolgen.“ Die Runde gibt sich unbeeindruckt. Und wieder huschen Fingerspitzen flink über Laptop-Tastaturen.

Das Wahlergebnis am Ende: Die Vorstände Klepik und Tom Jaster sind bestätigt, Schannak ist neuer Schatzmeister.

Katrin Starke

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