Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rostock „Als ich aufwachte, merkte ich: Irgendwie ist alles anders“
Mecklenburg Rostock „Als ich aufwachte, merkte ich: Irgendwie ist alles anders“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:12 12.04.2018
Kristina W. tritt mit ihrem Anwalt Thomas Penneke vor dem Rostocker Landgericht als Nebenklägerin auf. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa

In ihren Nacken hat Kristina W. eine Rose tätowieren lassen. „ich mag Rosen“, sagt sie. Doch das ist nicht der Grund für das Tattoo: Mit ihm will die heute 46-Jährige die Narben überdecken, die ihren Hals und ihren Kopf gezeichnet haben. Diese Narben führten sie gestern vor das Rostocker Landgericht: Dort begann der Prozess gegen den Neurochirurgen, der vor acht Jahren Kristinas Leben entscheidend verändert hat. Mit einer - so die Anklage - völlig unnötigen und folgenschweren Operation an der Wirbelsäule.

Der Verhandlungstag beginnt mit einem Psycho-Duell. Während Richter und Staatsanwalt auf sich warten lassen, liest der Arzt auf der Anklagebank äußerlich entspannt eine Zeitschrift oder hantiert mit seinem Smartphone. Ihm gegenüber sitzt Kristina W. als Nebenklägerin und sucht immer wieder seinen Blick. Doch der 54-Jährige reagiert nicht. Irgendwann hält Kristina diese scheinbare Gleichgültigkeit nicht mehr aus und muss vor die Tür. „Der spielt da mit seinem Handy rum“, ruft sie erbost im Rausgehen.

Schließlich beginnt die Verhandlung mit fast einer Stunde Verspätung. Den Grund für die Verzögerung erläutert der Richter: Die Prozessparteien hatten auf Wunsch der Verteidigung unmittelbar vor Prozessbeginn nach einer Verständigung gesucht.

Der Deal: Der Angeklagte gesteht und bekommt dafür sechs bis 6,5 Jahre Haft. Darin soll eine bereits 2014 verhängte Haftstrafe über rund 4,5 Jahre wegen Abrechnungsbetrugs und Urkundenfälschung eingerechnet werden. Und auch ein weiterer Fall, in dem ihm eine Patientin schwere Behandlungsfehler vorwirft, soll nach dem Willen der Verteidigung mit dem Deal vom Tisch genommen werden, ebenso wie ein erneutes Berufsverbot. Doch die Verständigung kommt nicht zustande - unter anderem, weil der Richter nicht ausschließen kann, dem Neurochirurgen zu verbieten, seinen Beruf auszuüben.

So beginnt die Verhandlung mit der Verlesung der Anklage: Der Neurochirurg soll Kristina mit einem ihm völlig neuen Verfahren operiert haben, obwohl ihm klar war, dass es gar keinen Grund dafür gab. Der Patientin habe er eine bewusst falsche Diagnose aufgetischt, damit sie einwilligt. Die Ausführung der OP sei dann „eklatant fehlerhaft“ gewesen, so der Staatsanwalt. Die Folge: Kristina hatte starke Schmerzen in Hals und Kopf, konnte nicht mehr stehen oder sitzen und den Mund kaum noch öffnen. Zwei Folge-OPs waren nötig, um ihre Leiden zu lindern. Während der Verlesung bricht Kristina heftig in Tränen aus.

Dann hat sie Gelegenheit, ihre Leidensgeschichte aus ihrer Sicht zu schildern: Nach einem Verkehrsunfall hat sie Nackenschmerzen, ihr wird der Angeklagte als Arzt empfohlen. Der untersucht sie und diagnostiziert einen angeblich instabilen Halswirbel sowie einen verengten Wirbelkanal. Dies können dazu führen, dass sie ins Koma falle, habe er gewarnt. „Da saß ich nun mit einem Befund, der für mich Horror war.“ Also habe sie zugestimmt. „Als ich aufwachte, merkte ich gleich: Irgendwie ist alles anders.“

Wie sich herausstellt, hatte der Neurochirurg vier Halswirbel miteinander verschraubt und den Hinterkopf mit einer Metallplatte fixiert. Kristina W. ist am Boden zerstört. Sie war davon ausgegangen, dass lediglich der vermeintlich geschädigte Halswirbel fixiert wird. Jetzt kann sie kaum noch den Kopf heben, geschweige denn drehen. Als sie eine Physiotherapie machen will, soll der Neurochirurg ihrer Therapeutin gesagt haben: „Die braucht eine Psycho- und keine Physiotherapie“.

In der Folgezeit muss Kristina W. immer wieder behandelt werden. „Ich habe mehr Zeit in Kliniken und Praxen verbracht als zu Hause“, sagt die Mutter von drei Kindern. Bis heute muss sie täglich zur Physiotherapie und bekommt alle acht Wochen 36 Botox-Spritzen, um die verkrampfte Nackenmuskulatur zu entspannen. In einer Reha hätten die Ärzte ihr geraten: „Unternehmen sie etwas gegen diesen Arzt, der ist eine Schande für unseren Beruf.“

Ob und welche Schuld der Neurochirurg wirklich an Kristinas Leiden hat, muss allerdings erst noch der weitere Prozessverlauf zeigen. Er verweigerte zum Auftakt die Aussage.

Büssem Axel

Seit Donnerstag muss sich ein 54-jähriger Chirurg vor dem Rostocker Landgericht wegen schwerer und gefährlicher Körplerverletzung verantworten. Er hatte einer Patientin bei einer überflüssigen Operation bleibende Schäden zugefügt.

12.04.2018

Footballer tragen Ende ihr Heimspiel Ende Mai gegen die Berlin Adler in der großen Fußball-Arena von Hansa Rostock aus.

15.04.2018

Die Usedomer Band spielte am Donnerstagabend im ausverkauften „Moya“. Das Konzert in Bildern.

13.04.2018
Anzeige