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Rostock Alte Häuser verschwinden: Verliert Rostock sein Gesicht?
Mecklenburg Rostock Alte Häuser verschwinden: Verliert Rostock sein Gesicht?
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00:01 06.12.2017
Das ehemalige BSH-Gebäude am Dierkower Damm: In zwei Wochen soll alles abgerissen und der Schutt abtransportiert sein, kündigt die Abrissfirma an. Was hier später mal entstehen soll, ist noch offen. Zurzeit wird ein Bebauungsplan entwickelt. Quelle: Foto: G. Kleine Wördemann
Dierkow

Abrissfirmen haben zurzeit gut zu tun in Rostock. Am Dierkower Damm wird gerade das ehemalige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) abgerissen.

Altes BSH und DMR-Halle weg, Kritiker befürchten „Identitätsverlust“

Vergangene Woche verschwand in der Südstadt eine denkmalgeschützte Industriehalle des Diesel-Motoren-Werks (DMR) und in der Ulmenstraße das Elisabethheim. Auch für die Heinkel-Mauer an der Hamburger Straße sind die Tage wohl gezählt.

Gegen die vielen Baggereinsätze regt sich auch Kritik. Rostock sei auf dem Weg, eine „anonyme, gesichtslose Stadt“ zu werden meint etwa OZ-Leser Detlev Burska. Mit dem alten BSH-Gebäude verliere Rostock schon wieder ein „markantes“ Gebäude. Er erwarte schon den Tag, „an dem die Petrikirche einer dreispurigen Stadtautobahn weicht und zum Ausgleich ein Betonhochhaus daneben gesetzt wird“.

Er steht mit dieser Meinung nicht allein da. „Warum muss das alles weg?“, fragt Knut Thielk von der Interessengemeinschaft Bauernhaus. Die Vereinigung setzt sich bundesweit für den Erhalt alter Häuser ein und hat in Rostock laut Thielk rund 30 Unterstützer. „Mit dem Verschwinden dieser Bauwerke verlieren wir unsere Identität“, meint er. Gebäude, die für eine bestimmte Epoche stehen, sei es auch eine negative wie im Fall Heinkel-Wand, würden ersetzt durch gleichförmige Neubauten „die weltweit gleich aussehen“. Der Rostocker Architekt Michael Bräuer möchte zwar nicht von einer Abrisswut sprechen, findet die Entwicklung aber dennoch ebenfalls nicht gut: „Grundsätzlich sollte die Weiterentwicklung der Stadt auch aus bereits gebauter Substanz möglich sein“, sagt der frühere Rostocker Stadtarchitekt und Ehrenvorsitzende der vom Bund berufenen Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz. Mit jedem Abriss gehe „mit jedem gebrannten Ziegelstein“ unglaublich viel Energie für immer verloren. Aus denkmalpflegerischer Sicht besonders dramatisch sei das der Abriss der DMR-Halle durch Nordex. „Man muss früher ins Gespräch kommen“, meint Bräuer. Damit ließen sich wichtige Bauwerke unter Umständen noch retten.

Vom ehemaligen BSH-Gebäude wird in zwei Wochen nichts mehr zu sehen sein, heißt es bei der Abrissfirma. „Das Haus war etwas Besonderes“, sagt Jutta Kohse. Die Diplom-Kartografin arbeitete von 1978 bis 2003 in einem der hinteren Gebäude des Komplexes, erst beim Seehydrographischen Dienst der DDR, nach 1990 beim BSH. Mit der Seezeichen-Tonne an der Tür sei das Ende der 1920er-Jahre gebaute Gebäude eine Art maritimes Wahrzeichen gewesen. „Ich verbinde viele schöne Erinnerungen damit“, sagt Jutta Kohse. Jetzt, wo es verschwindet, „ist schon ein bisschen Wehmut dabei“.

Eigentümer ist die Stadt, die es 2016 vom Bund kaufte. Seitdem der BSH 2003 auszogen war, stand das Haus leer. Bereits vor ein paar Jahren gab die bundeseigene Anstalt für Immobilienaufgaben (Bima) bei den Rostocker Architekten Bastmann und Zavracky ein Konzept für einen Neubau der Stasi-Akten-Behörde auf dem Grundstücks in Auftrag. Woraus nichts wurde. Warum das Gebäude so lange leerstand, konnte ein Bima-Sprecher gestern nicht sagen. Laut Kommunaler Objektbewirtschaftung und -entwicklung (KOE) wies die „Deckenkonstruktion erhebliche statische Probleme“ auf, das Haus sei nicht mehr sanierungsfähig gewesen. Nun entwickeln das Stadtplanungsamt einen Bebauungsplan für eine künftige Nutzung. Die Entscheidung, wie die aussehen soll, sei noch offen.

Gerald Kleine Wördemann

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