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Rostock Auch 100 Jahre danach: Die Frage nach dem „Warum“ bleibt
Mecklenburg Rostock Auch 100 Jahre danach: Die Frage nach dem „Warum“ bleibt
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00:00 28.03.2014
Bernhard Schmidtbauer las gestern Abend aus seinem Buch „Als ob die Welt an allen Ecken brannte“ über den Ersten Weltkrieg. Quelle: Fotos: Ove Arscholl

Es sei nur ein einzelnes Schicksal von vielen Millionen, aber dennoch wollte Bernhard Schmidtbauer es erzählen: Die Geschichte von Bernhard Apelt, seinem Großonkel. Als 18-Jähriger zog dieser 1914 in den Krieg, sollte an der West- und Ostfront für Deutschland kämpfen — bis zum bitteren Ende. Gestern las der OZ-Redakteur zum ersten Mal aus seinem Buch „Als ob die Welt an allen Ecken brannte“.

Eine Kiste reicht aus, um das, was von Bernhard Apelt bekannt ist, zu verpacken. Bernhard Schmidtbauer hat sie gestern Abend mitgebracht. In ihr liegen neben Orden vor allem Briefe und ein Tagebuch, die die Geschichte eines kriegsbegeisterten Jungen aus Berlin erzählen, der wie so viele andere es kaum erwarten konnte, für sein Land 1914 an die Front zu ziehen. Vor allem die Briefe an seine Mutter Marie und Schwester Anneliese lassen erahnen, was in Apelt zu jener Zeit vorging. „Es hat etwas herrliches, dieser Krieg“, heißt es darin. „Ich habe oft überlegt, was ich ihm sagen würde“, sagt Schmidtbauer. Er selbst hat Apelt nie kennengelernt. Doch aus den Briefen werde klar: „Bei meinem Großonkel fiel die Propaganda auf fruchtbaren Boden“.

Nur zwei Monate vor Ende brach Apelt seine Kaufmannslehre in Güstrow ab, um endlich Soldat zu werden. Was vorerst nur Adligen und Wohlhabenden vorbehalten war, wurde im August 1914 mit Ausbruch des Krieges auch für Apelt möglich. Mit dem Zug geht es nach Russland, zerstörte Dörfer und zahlreiche Leichen auf dem Weg dorthin ändern nichts an der Freude auf den Krieg. Nur selten scheint Apelt kriegsmüde zu werden. Dennoch: den Krieg habe er nie infrage gestellt, sagt Schmidtbauer.

Bei der Lesung, zu der rund 60 OZ-Leser erschienen, war auch Wolfgang Nothdurft zu Gast. Der ehemalige Berufssoldat interessiert sich sehr für den Ersten Weltkrieg. „Es ist egal, ob ein Krieg 100 oder 200 Jahre her ist. Wir dürfen nie vergessen, dass der Frieden nicht selbstverständlich ist“, sagt der 63-Jährige. Mit Sorge blicke er derzeit auf die Geschehnisse im Osten und frage sich, ob die Welt nicht irgendwann einmal vernünftig werde. „Die Frage ist doch: Für was gehen Menschen in den Krieg?“, so Nothdurft.

Bernhard Apelt wollte unbedingt Offizier werden. Es war sein „Traumberuf“, so Schmidtbauer. Aber auch die Erziehung, die beigebrachte Verachtung anderen Völkern gegenüber, hätten seinen Großonkel mit so viel Euphorie in den Krieg getrieben. Vier Wochen, bevor Apelt befördert werden sollte, wird der damals 22-Jährige an der Westfront tödlich im Oberschenkel von einem Granatensplitter getroffen.

Anfang April erhalten Mutter und Schwester die Todesnachricht. Damit starb der letzte Mann im Haus. „Bis heute war Bernhard Apelt jedoch der einzige, der in unserer Familie im Krieg den Tod fand“, erzählt Schmidtbauer.



Sophie Pawelke

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