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Rostock Auf diesen Kirchturm wollen alle
Mecklenburg Rostock Auf diesen Kirchturm wollen alle
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00:00 06.03.2013
Betreuungspflegerin Kerstin Kirstein mit Krankenpflegehelferin Mandy Jenke (29) im Maria- Martha-Haus am Alten Markt.
Östliche Altstadt

Verbrannt und geschmolzen sind dabei auch die acht Klaviere, die Wäschemangeln, Kommoden mit Steingut und Porzellan, Kleidung und Gardinen, die die Rostocker sicher im Gestühl des evangelischen Gotteshauses in den Kriegswirren aufbewahrt glaubten.

Feuersbrünste, an die Rainer Schwieger (44) denken muss, wenn er am Morgen die Fensterläden im 48 Meter hohen Turm von St. Petri öffnet. „196 Stufen“, sagt der Historiker. „Mein individuelles Fitnessprogramm.“ Das absolviert er seit 2011, seit sein touristisch ausgerichtetes Unternehmen den Turm gepachtet hat.

Das Geschäft mit dem Turm läuft, denn Touristen und Einheimische wollen Rostock von oben genießen. Wie Mario Schletter. „Erinnerungen auffrischen“, sagt der 39-Jährige. „Als Kind war ich oft in Rostock. Aber nie in der Petrikirche.“ Der Stadthafen habe ihn damals mehr gereizt. Diese Sehnsucht nach dem Meer. Das fehlt in Bayern, wo der gebürtige Sachse heute arbeitet. Tief unter ihm gerade:

Rostocks Kopfsteinpflaster.

Verlegt wurde es erst nach dem Mauerfall. „Bei Schnee und Frost wird das für Senioren schnell zur Rutschbahn“, sagt Birgit Hubert. Der Grund dafür, so glaubt die Haus- und Pflegedienstleiterin des Maria-Martha-Hauses, dass die erst im Januar eröffnete Begegnungsstätte nur langsam anläuft. „Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, bleibt im Winter daheim.“

Geschilpe aus dem Vogelkäfig im Aufenthaltsraum. Zwischen Huberts Beinen ein Bündel Fell. Kater Teddy, lebender Nachlass eines im Haus Verstorbenen. „Natürlich durfte das Tier bleiben, auch die Vögel“, wirft Verwaltungsmitarbeiterin Sylvia Arndt (50) ein. „Wir leben das Familiäre.“ Im Jahr 2001 wurde das Altenhilfezentrum der Rostocker Stadtmission auf dem Alten Markt erstmals bezogen. „Die Plätze sind begehrt, die Wartelisten lang“, sagt Hubert. Sicher auch, weil die Altstadt nach ihrer Sanierung optisch gewonnen hat. „Als ich klein war, erschienen mir die engen Gassen und der Markt düster.“ Hubert hat Kindheit und Jugend rund um den Alten Markt verbracht, den Verfall in den 80er Jahren verfolgt.

Dumpfes Poltern auf dem Bürgersteig. Stadtreiniger Daniel Barten schiebt Container zum Müllauto. Vorsichtig manövriert sein Kollege das Fahrzeug an Seitenspiegeln und Stoßstangen vorbei.

„Die Politessen sollten hier häufiger kontrollieren“, schimpft Janina Lempert. „Alles wilde Parker, die dem Fahrdienst unserer Schule das Leben schwer machen.“ Die 46-Jährige ist Hausmeisterin am Sprachpädagogischen Förderzentrum, repariert Stühle, verteilt Pflaster, schnäuzt Schülernasen.

„Wird sich geprügelt, gibt es auch mal einen Anpfiff“ — da hält die Rostockerin Obacht. Das Bemuttern der Erst- bis Viertklässler — in gewisser Weise übernimmt das auch Küchenkraft Iris Polat:

„Senfeier, Eintopf und Hackschmortopf stehen auf dem Speiseplan.“

Nach dem Essen geht‘s raus zum Toben. „Volleyball und Basketball habe ich früher auf dem Alten Markt gespielt“, sagt Polat. Zu Zeiten, als hier noch die Edgar-Andre-Schule stand. „Werden erst die angekündigten Spielgeräte installiert, ist es hier nicht mehr so trostlos“, meint die Hausmeisterin und blickt zur einsamen Tischtennisplatte. „Wenn nur nicht diese vielen Hundehaufen herumliegen würden“, sagt sie verärgert.

Auf Tretminen zu achten, dafür hat Ivonne Bronkal (33) keine Zeit. Ihre Stiefel klopfen einen Stakkato aufs Pflaster — vorbei an der Galerie des Kunstvereins. Die Sozialpädagogin hat einen Termin.

„Ich treffe mich mit einem Vater, dessen Kind gerade einen Test absolviert hat. Über das Ergebnis wollen wir sprechen.“ Petra Eichhorst studiert unterdessen die Speisekarte im Aushängekasten des „Ursprung“.

„Meine Freunde müssen aufs Geld achten, Hartz IV.“ Trotzdem wolle man sich sehen. „Freundschaften muss man pflegen.“ Das sei nicht einfach. „Ich arbeite im Schichtdienst. Betreutes Wohnen in Groß

Klein.“ An ihrem freien Tag ist sie auf Kneipenschau. Um sich später in großer Runde dort zu treffen. Dass das „Ursprung“ im Souterrain mit einer Kleinkunstbühne aufwartet, hat sie überrascht. „Jazz ist angekündigt. Klingt gut.“

Die Zeiten, in denen man in Rostock noch gut schwofen konnte, seien leider vorbei. Im Ratskeller auf dem Neuen Markt hat sie zu DDR-Zeiten gekellnert. „Da brannte die Luft“, sagt Eichhorst, Nostalgie in der Stimme. „Heute gibt es ja nur noch Disco oder Kaffeekränzchen für Senioren. Nichts dazwischen.“ Aber der Alte Markt in der Altstadt, der habe sich gemausert.

Serie

Straßen-Geschichten

Nur St. Petri verlieh dem Markt etwas Glanz
In Rostock gab es drei Siedlungen mit drei Marktplätzen. Der älteste war der Alte Markt, der bereits bei der Stadtgründung erwähnt wird. Die wirtschaftliche Bedeutung des Alten Markts schwand jedoch schnell. Die neuen Zentren waren der Mittel- (heute Neuer Markt) und der Neue Markt (heute Uniplatz). Die Rostocker fassten dies mit Blick auf die Kirchspiele lakonisch zusammen: „Marien reich, Jakobi gleich, Nikolai arm, Petri — dass Gott erbarm“. Der Gebäudebestand des Alten Markts war bescheiden. Nur St. Petri verlieh dem Platz Glanz. Der Stadtbrand von 1677 zerstörte die Westseite des Markts. Die zweite große Zerstörung brachten die Bombennächte 1942. Auch die beiden Altstadtkirchen waren schwer beschädigt. Die Petrikirche bekam ihren Turmhelm erst 1994 unter großer Beteiligung der Rostocker Bevölkerung zurück. Nach 1945 blieb die Östliche Altstadt ein stark vernachlässigter Stadtteil und verfiel teilweise. Sie blieb jedoch vom flächenhaften Abriss verschont. tst
Straßen der Serie:

Patriotischer Weg Schillerplatz

Fischbank Wokrenter Straße Barnstorfer Weg Augustenstraße Saarplatz Strandstraße Alter Markt

Ulmenstraße

• Die Serie online:
www.ostsee-

zeitung.de

Katrin Starke

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