Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rostock Wagenknecht-Bewegung „#Aufstehen“ formiert sich in Rostock
Mecklenburg Rostock Wagenknecht-Bewegung „#Aufstehen“ formiert sich in Rostock
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:47 29.10.2018
50 Rostocker kamen zu dem jüngsten Treffen der Bürgerbewegung „Aufstehen“ im „Bunker“. Quelle: Andreas Meyer
Rostock

 Politikverdrossenheit – nein, davon kann in dem kleinen Versammlungsraum im Rostocker „Bunker“ wahrlich keine Rede sein. Im Gegenteil. Es ist ein regnerischer Oktober-Abend und gut 50 Menschen haben sich versammelt. Zum Diskutieren und Reden. Junge und ältere, Männer und Frauen, Arbeiter und Akademiker. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie interessieren sich für Politik, für ihre Stadt – und sie wollen Rostock zu einem besseren Ort machen. Doch von den „Oberen“ fühlen sie sich nicht mehr wahrgenommen, nicht vertreten. Genau deshalb wollen sie jetzt „Aufstehen“. So lautet nämlich der Name einer neuen Bürgerbewegung, die auch in Rostock Fuß fasst.

Unzufrieden mit den bestehenden Parteien

Zu den Gründerinnen des bundesweiten Bündnisses gehört unter anderem Linken-Frontfrau Sarah Wagenknecht. „Wir sind aber keine reine linke Bewegung. Bei uns sind alle Menschen, alle Meinungen willkommen“, sagt Anne Ruppert (41). Ruppert gehört zu den ersten Mitgliedern von „Aufstehen“ in der Hansestadt – ebenso wie Eric Giese (42): „Wir wollen den Menschen wieder Gehör verschaffen, uns Gehör verschaffen.“ Auch Andrea Zander (42) ist von Anfang an dabei: „Wir sind eine sehr bunte Truppe – und wir wollen gemeinsam schauen, was wir tun können, damit die Politik wieder mehr im Sinne der Menschen arbeitet.“

Denn genau das würden die Parteien derzeit nicht machen: „Viele Menschen interessieren sich für das, was in unserer Stadt und in unserem Land geschieht. Aber von den Parteien fühlen sie sich nicht mehr richtig vertreten“, sagt Giese. CDU, SPD, Linke, Grüne, AfD, FDP – allesamt seien die Parteien zu dogmatisch auf bestimmte Ideen, bestimmte Ziele ausgerichtet. Auf eigene Ideen statt die Interessen der Bürger. „Die Parteien in den Parlamenten und Vertretung spiegeln nicht mehr alle Meinungen wieder. Sie sind nicht mehr konsens- und kompromissbereit“, so Giese. Es gehe nicht mehr darum, das Beste für die Menschen oder den Willen der Mehrheit durchzusetzen – sondern allein um die eigenen Parteiprogramme, die eigene Sichtweise.

Hans-Jürgen Reister (77) kann da nur zustimmen: „Ich teile beispielsweise absolut die Haltung der Grünen zum Klimaschutz, aber ich bin vehement gegen ihre Sichtweise auf Auslandseinsätze der Bundeswehr“, sagt Reister. Die Sichtweise der „schweigenden Mehrheit“ werde nicht gesehen, ignoriert – weil sie nicht in inhaltliche Schubladen passe. „Meine Frau sagt, dass ich seit 30 Jahre zu Hause sitze und über die Politik gegrantelt haben. Nun will ich was bewegen.“

„Aufstehen“ will nicht zu Wahlen antreten

Bewegen – aber wie? Nein, „Aufstehen“ sei keine neue Partei. „Wir wollen nicht bei Wahlen antreten. Wir wollen andere Wege finden, die Ideen und Wünsche der Menschen in die Politik zu tragen“, sagt Andrea Zander. Sie denkt dabei an Bürger- und Volksentscheide, an Demos, an völlig neue Wege der politischen Teilhabe. Und es gehe auch nicht darum, dass System zu ändern oder gar die Demokratie abzuschaffen. Absolut nicht: „Es geht darum, den Wünschen der Mehrheit mehr Gewicht zu verleihen. Sie aufzuklären, Fragen zu stellen, Ideen zu entwickeln.“ Henning Schüßler (27), einer der jüngsten Teilnehmer der Bewegung, spricht von „positiver Veränderung“. Die Demokratie soll wieder eine wahre Demokratie werden – in der die Macht vom Volk ausgeht.

Noch aber ist „Aufstehen“ in der Selbstfindungsphase. So jedenfalls beschreibt es Hans-Jürgen Reister. „Es geht darum, eine Fülle von Problemen und Themen zu bestimmen – und dann die gemeinsamen Standpunkte dazu.“ Zwei Mal hat sich die Bürgerbewegung bereits getroffen. „Es waren lebhafte, aber ehrliche und sachliche Diskussionen“, sagt Anne Ruppert. „Und wir waren uns in vielen Fragen erstaunlich schnell sehr einig.“ Die Debatten – sie verlaufen trotz der vielen Teilnehmer überraschend ruhig, sachlich und verständnisvoll.

Gerechtigkeit steht ganz oben auf der Agenda

Im Gegensatz zur Alternative für Deutschland (AfD), die sich als Partei organisiert hat und zugleich ein Gegenentwurf zu den anderen Parteien sein will, sieht sich „Aufstehen“ mehr als Sprachrohr. Als eine Art „Ergänzung“ zur bestehenden Politik. Als Begleiter, Ratgeber. „Und bei uns geht es thematisch auch nicht allein um die Migration. Das ist ein Thema, aber nicht das vorrangigste“, erzählt Ruppert. Das Bündnis habe sich aber auch ganz bewusst entschieden, sich nicht an den Gegendemos gegen die AfD-Kundgebungen in Rostock zu beteiligen: „Wir dürfen auch die Menschen, die mit der AfD demonstrieren, nicht ausgrenzen. Nur weil jemand eine andere Meinung als ich habe, muss diese nicht sofort falsch sein“, so Ruppert.

Wichtigstes Anliegen von „Aufstehen“ in Rostock sei aber die „soziale Ungerechtigkeit“. Auch um das „Selbstverständnis der Gesellschaft“, um „Friedenssicherung“ und „Umweltschutz“ will sich das Bündnis Gedanken machen. In Arbeitsgruppen wollen sich die Teilnehmer nun Gedanken zu den einzelnen Punkten machen, konkrete Forderungen erarbeiten. Über die werden dann wiederum basisdemokratisch im Rostocker „Aufstehen“-Plenum beraten und abgestimmt.

Mischung aus roten, grünen, schwarzen Ideen

Auf großen Blättern haben die Teilnehmer ihre ersten Ideen und Ansätze formuliert. Ein bunter Themen-Mix ist es geworden. Ideen der Links-Partei sind dort zu finden, der SPD und der Grünen. Ebenso finden sich dort aber auch Thesen, die aus den Programmen von CDU oder FDP stammen könnten. Ein gerechteres Gesundheitssystem („Keine Zwei-Klassen-Medizin“) ist dort zu lesen, auch der Begriff „Abrüstung“ taucht auf. Der „Kampf gegen Rechts“, die Bekämpfung von Fluchtursachen, Kinder-Armut, sozialer Wohnungsbau, ein Ausbau des Nahverkehrs – all das bewegt die „Aufstehen“-Mitstreiter. Unabhängige Medien, gerechtere Renten und das bedingungslose Grundeinkommen: Auch darüber wollen die Bürger in den kommenden Wochen mit einander reden und diskutieren. Ebenso wird es um konkrete Rostocker Sorgen gehen – um neue Baugebiete, die Ängste der Kleingärtner. Ganz unten steht ein Begriff, der das, was viele Teilnehmer der Versammlung im „Bunker“ ehrlich bewegt: „demokratische Evolution“. Rostock soll ein besserer Ort werden, nicht ein anderer.

Info: Die nächsten Termine der Bürgerbewegung und Kontaktmöglichkeiten gibt es im Internet unter der Adresse https://www.aufstehen.de/mecklenburg-vorpommern/

Mehr zum Thema:

Ex-AfD-ChefinFrauke Petry: „Wagenknecht könnte der AfD im Osten gefährlich werden“

#Aufstehen: Sahra Wagenknecht in der Bredouille

Sahra Wagenknecht im Interview: „Ein reines Ostprogramm wäre ein Fehler“

Andreas Meyer

Zum ersten Mal hat die Reisemesse im OSTSEE-ZEITUNG in Rostock stattgefunden. Fünf Reiseanbieter sind mit rund 500 reiselustigen Lesern ins Gespräch gekommen. Veranstalter sind zufrieden.

27.10.2018

Sechs Wochen hatte Klaus Behrendt aus Diedrichshagen kein Telefon. Erst dank einer Anfrage der OZ kann er nun wieder telefonieren.

27.10.2018

Am 31. Oktober ist Halloween. Die Beliebtheit des Festes nimmt in Rostock und Umgebung von Jahr zu Jahr zu. Sowohl der Handel und Veranstalter als auch die Einwohner bereiten sich auf das Fest vor.

27.10.2018