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Rostock Ausverkauf im Ost-Markt: Schluss mit Badusan und Rondo
Mecklenburg Rostock Ausverkauf im Ost-Markt: Schluss mit Badusan und Rondo
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00:00 08.03.2013
Der „Heros“-Markt in Roggentin schließt. Ralf Wemhöner (48) und Jana Brecht (40) haben ihn gerade erst für sich entdeckt. Quelle: Fotos: Ove Arscholl
Roggentin

Rosenthaler Kadarka, Gotano-Wermut, Club Cola, Brockensplitter, Bambina-Schokolade, Hansa-Keks und Rondo-Kaffee, auch Malzkaffee Im nu — die Kunden im Ost-Supermarkt „Heros“ füllen noch mal die Körbe. Schokocreme Nudossi und Schlagersüßtafel sind schon ausverkauft, aber Knusperflocken liegen noch in den Kartons. Der Rundgang durch den Supermarkt weckt Erinnerungen: Baden mit Badusan, ach ja — Linda neutral, und dort Tempo-Erbsen, wieder in altem Gewand.

Doch nun hat der Ostalgie-Trip ein Ende, denn der einzige großflächige Ost-Discounter Deutschlands schließt seine Türen. Ausverkauf im „Heros“ in Roggentin, 15 Prozent Rabatt auf alles. „Anfang des Jahres fiel die Entscheidung: Wir schließen“, sagt Geschäftsleiter Christoph Lederer. „Die wirtschaftlichen Zahlen zwingen uns dazu.“ Der Markt ist abgelegen, Kosten steigen, Wettbewerber bieten immer mehr regionale Produkte an. „So verschwindet unser Alleinstellungsmerkmal: alles Gute aus dem Osten, kaufen, was man von früher kennt und sonst nicht findet“, bedauert Lederer.

„Schade, schade“, reagieren die Kunden. Reinhardt Wegener kam seit fast 13 Jahren wöchentlich zum Einkauf. Getränke, Fisch, Süßigkeiten, Zahnpasta — „querbeet alles, was man so braucht“, habe er hier geholt. Vor allem aber kam der 60-jährige Dachdecker, um Melkfett zu kaufen. „Ich habe Hautprobleme, und die Cremes hier tun mir gut. Und sind viel günstiger als im Fachhandel“, sagt Wegener, der gestern aber vergeblich nach Melkfett suchte. „Is‘ nich‘ mehr.“ Auch Karin Krakow aus Toitenwinkel findet ihre Beerengrütze aus Mühlhausen nicht mehr. Die Regale sind schon ziemlich leergeräumt. „Die Käsecreme aus der Tube, die ist total lecker“, sagt die 69-Jährige und packt ein. „Wir sind gern hergekommen, weil es viele Artikel nur hier gibt.“

Mehr als 4000 Produkte wurden auf 2000 Quadratmetern Fläche angeboten. Zur Eröffnung im November 2000 waren es gerade mal 1200 rein ostdeutsche Waren gewesen. „Später haben wir Produkte aus Osteuropa dazugenommen wie polnisches Bier oder russische Spezialitäten. Den Rosenthaler Kadarka beziehen wir direkt aus Bulgarien“, erzählt Marktchef Lederer.

Der 45-Jährige kommt ursprünglich aus Hessen und bekam von den Kollegen im Markt erst einmal die Ostprodukte gelehrt. „Markenbewusstsein hält hier viel länger an“, sagt Lederer, der inzwischen selbst auf Nudossi und Co. abfährt. In guten Zeiten hätten 4000 bis 5000 Kunden pro Woche den Markt besucht. „Vor allem ältere, die die Produkte noch kennen.“ Bei jungen Leuten beobachte er, dass sie Ostprodukte als Kult entdeckten.

Ralf Wemhöner (48) und Jana Brecht (40) sind gerade auf der Heimreise vom Ostseeurlaub, als die Berliner von der Autobahn aus auf den Markt aufmerksam werden. Die Ostberlinerin ist sofort gefangen von Produkten aus ihrer Kindheit. „Wo sind die Nudeln in Tomatensoße im Glas? Die habe ich so geliebt.“ Ihr Mann, Westberliner, schaut schmunzelnd auf Filinchen, Brockensplitter und andere Leckereien, die Jana Brecht in den Korb packt. So ganz unbekannt sind ihm die Waren nicht. Als Student habe er oft zum Einkaufen die Grenze passiert, weil‘s billiger war.

An der Kasse zieht Ellen Schmidt (57) die Artikel über den Scanner. Von Anfang an gehörte die Verkäuferin aus Tessin zum 14-köpfigen Team. „Nun werde ich nach 40 Jahren das erste Mal arbeitslos, schade.“ Der Ausverkauf soll bis April dauern. Ein Nachmieter für den Markt wird gesucht.

Doris Kesselring

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