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Auszeit für pflegende Angehörige

Lütten Klein/Groß Klein Auszeit für pflegende Angehörige

Neue Betreuungsgruppe kümmert sich stundenweise um Demenzkranke

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In der Betreuungsgruppe von Elvira Müller (mitte) wird gespielt, es gibt Bewegungsangebote und Themennachmittage.

Quelle: Foto: Katja Bülow

Lütten Klein/Groß Klein. Drei Stunden Zeit für sich selbst – für Monika K. ist das eine Kostbarkeit, auf die sie lange verzichten musste. Immer freitags um 14 Uhr bringt die 62-Jährige ihren vier Jahre älteren Mann zum PflegeWohnPark Lütten Klein. Dort gibt es die von Ehrenamtlichen getragene Betreuungsgruppe „Vergissmeinnicht“ für Menschen mit Demenz, für Menschen also, die manchmal kaum noch sagen können, wie alt sie sind, oder wo sie sich gerade befinden. Die Gruppe organisiert Sport, Spiel und unterschiedlichste Themennachmittage, mit denen die Alltagskompetenzen der Gäste erhalten werden sollen. Die Angehörigen, die sonst meist rund um die Uhr einsatzbereit sein müssen, haben derweil die Gelegenheit, Dinge zu erledigen, die sie sonst nicht schaffen, oder auch einfach mal nur Ruhe zu haben.

Zwei Jahre ist es her, seit sich das Leben für Monika K. grundlegend verändert hat. Ihr Mann, der schon seit längerem an Parkinson, einer Erkrankung des Nervensystems litt, wurde plötzlich auch noch dement. Manchmal merke man ihm gar nicht an, wie sehr vor allem sein Kurzzeitgedächtnis nachgelassen hat, so erzählt die Rostockerin. „Zu anderen Zeiten dagegen steht er vor einer Schublade und weiß

nicht, wie er sie öffnen soll.“ Mit einem Schwanken in der Stimme setzt sie hinzu: „Er war ein so kluger Mann. Es ist unglaublich schwer mit anzusehen, was die Krankheit mit ihm macht.“

Rund 32 000 Demenzkranke gibt es nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern, etwa zwei Drittel davon werden von Angehörigen zu Hause gepflegt. Was das für das eigene Leben bedeutet, wurde Monika K. erst nach und nach klar. Zuerst versuchte sie noch, weiterhin ganz normal zur Arbeit zu gehen, doch dann häuften sich die Anrufe, dass mit ihrem Mann irgendetwas nicht okay sei. „Es war einfach nicht möglich, ich bin in Vorruhestand gegangen, mit Abschlägen bei der Rente, aber sonst wäre ich kaputt gegangen.“ Wenn ihr Mann die Kaffeemaschine anschaltet, ohne vorher Wasser eingefüllt zu haben, wenn er ein heißes Bügeleisen auf dem Teppich abstellt und auch dann, wenn er einfach die Orientierung verliert – immer ist sie zur Stelle, um alles ganz unaufgeregt wieder gerade zu rücken. Zeitweise fühlte sie sich damit vollkommen alleine gelassen, doch dann las sie in der Zeitung von den Angeboten der Alzheimer Gesellschaft, ließ sich beraten, fand eine Selbsthilfegruppe und schließlich auch die Betreuungsgruppe in Lütten Klein. Erleichtert beobachtet sie: „Mein Mann fühlt sich wohl hier und ich habe regelmäßig eine kurze Auszeit.“

Heute hat Ingrid Standau, eine der ehrenamtlichen Betreuerinnen, Bernsteine mitgebracht, erzählt am Kaffeetisch, wie sie entstehen und welche verschiedenen Farben und Formen es gibt. Eine ältere Dame betrachtet die Exemplare mit einem Lächeln, erinnert sich an früher, an Ostpreußen. Und auch die anderen in der Runde haben fast alle eigene Erlebnisse beizutragen. Ingrid Standau, die selber seit langem Rentnerin ist, ist sichtlich in ihrem Element. Zufrieden erklärt sie: „Durch solche Gespräche werden die Teilnehmer animiert, in ihrem Gedächtnis zu kramen und manchmal findet sich dort doch noch viel mehr als man zunächst erwartet.“ Davon abgesehen tue die fröhliche Atmosphäre, das vertraute Miteinander auch ihr selber immer wieder gut.

Elvira Müller, die schon mehrere solcher Helferkreise aufgebaut hat und auch diese Gruppe leitet, schmiedet bereits neue Pläne. Ab März will sie auch in Groß Klein Angehörige von Demenzkranken und Menschen mit Pflegestufe 1 unterstützen. Gemeinsam mit dem Gemeinschaftsprojekt der Rostocker Heimstiftung und der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft plant sie den Aufbau einer Dienstagsgruppe. Ihr langfristiger Traum: Irgendwann soll es solche Möglichkeiten in jedem Stadtteil geben. Dafür sucht sie zum einen weitere ehrenamtliche Betreuer, die in einer 30stündigen Schulung auf die Arbeit vorbereitet werden und auch später regelmäßig Weiterbildungen absolvieren. Vor allem aber hofft sie, dass die Angehörigen von Demenzkranken sich zunehmend für solche Hilfsangebote öffnen. Ihre Erfahrung: „Für sie ist es oft gar nicht so leicht loszulassen. Sie fühlen sich wahnsinnig gebraucht, aber irgendwann geht das soweit, dass sie sich selbst nicht mehr spüren.“

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Zwei ehrenamtliche Helferkreise gibt es in Rostock: donnerstags im Rostocker Freizeitzentrum RFZ in Reutershagen, freitags im PflegeWohnpark Lütten Klein. Ab März soll sich darüber hinaus eine Gruppe im PflegewohnPark Groß Klein treffen, Anmeldungen ab sofort möglich.

Ansprechpartner sind Gabriela Schulz, Rostocker Heimstiftung, ☎ 0381 /81723082,

Janine Grundmann-De Simone von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft, Telefonnummer ☎ 0381 / 20875401, und Elvira Müller, ☎ 0173 / 6252781.

Informationen finden sich auch im Internet unter www.alzheimer-mv.de

Katja Bülow

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