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Rostock Baustelle Kohlekraftwerk: Renovieren im Groß-Format
Mecklenburg Rostock Baustelle Kohlekraftwerk: Renovieren im Groß-Format
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06:45 05.09.2013
Kraftwerkmeister Arnd Dittmer (28) steht vor einer der beiden Turbinen, die nach 19 Jahren Dauerbetrieb ausgetauscht werden.
Rostock-Überseehafen

Bunte Balken, Punkte und Linien flimmern über eine Batterie von Bildschirmen. Detlef Beyer, der davor sitzt, bringt das Gewimmel nicht aus der Ruhe. „Hier wird gerade Asche in einen Lkw geladen“, sagt der 51-Jährige und deutet auf eine unscheinbare, grüne Säule. Beyer ist Kraftwerker, sein Arbeitsplatz ist das „Gehirn“ des Kohlekraftwerks im Überseehafen. Von der Steuerzentrale aus sorgen er und seine Kollegen dafür, dass jährlich eine Million Tonnen russische Steinkohle zermahlen, verbrannt und in 3,5 Milliarden Kilowattstunden Strom umgewandelt werden.

Zurzeit ist auf Beyers Bildschirmen weniger los als sonst. „Das Feuer ist aus“, sagt Kraftwerkchef Axel Becker (53).

Seit einer Woche steht der Betrieb still. Das Kraftwerk, das mehrheitlich den Energiewerken Baden-Württemberg gehört, erlebt eine seiner größten Umbauten, seit es vor 19 Jahren ans Netz ging. Statt selbst Strom zu erzeugen, kauft Becker nun Strom bei der Konkurrenz, den Rostocker Stadtwerken. Bis Mitte Oktober wird eine lange Reparatur-Liste abgearbeitet. Renovieren im XXL-Format: Zwei mächtige Turbinen werden gewechselt, ein 63 Tonnen schweres Teil des Generators sollte in der Nacht zu heute per Schwertransport zur Reparatur in die Schweiz gebracht werden. Der 140 Meter hohe Kühlturm erhält einen neuen Anstrich — von innen. Wie Wolkenkratzer-Fensterputzer fahren die Maler mit einer Art Aufzug die gigantische Betonwand hinauf und spülen mit Sandstrahlern die alte Farbe ab.

Normalerweise arbeiten 120 Leute im Kraftwerk. Nun sind es 300 mehr. „So viel Betrieb ist hier sonst nicht“, meint Becker. Wo sonst einsam Maschinen vor sich hin dröhnen, wird jetzt geschraubt und geschweißt. Die angereisten Service- Monteure arbeiten in Schichten rund um die Uhr, teils auch am Sonnabend.

20 Millionen Euro kostet die Überholung. Allein 13 Millionen verschlingen die beiden Niederdruckturbinen, die getauscht werden. „Die neuen müssen die nächsten 20 Jahre halten“, sagt Becker. Das entspricht der geplanten Restlaufzeit der Anlage.

Wie ein zu groß geratenes Flugzeugtriebwerk sieht eine der alten Turbinen aus, die in einer Halle steht. „Eigentlich ist das jetzt Schrott“, sagt Becker. Die Kanten der mächtigen Schaufeln wirken wie abgenagt — Folge von 19 Jahren Dauereinsatz bei 3000 Umdrehungen pro Minute. Die Rostocker Turbine steht vor einem zweiten Leben: Der Hersteller Alstom will das ausgediente Teil zurückkaufen und in der Ausbildung einsetzen.

Den härtesten Job haben gut 100 kroatische Schweißer, die im Auftrag der Firma Bilfinger und Berger den 80 Meter hohen Kessel warten. Eingezwängt zwischen Gerüsten und Stahlwänden flexen und schweißen die Männer im Halbdunkeln. Ab und zu dringt grelles Licht durch die schummrige Luft im Inneren des kathedralengroßen, verschachtelten Bauwerks. Die Atmosphäre ist gespenstisch.

Normalerweise tost hier in der Brennkammer das ewige Kohlenstaub-Höllenfeuer. Jede der kleinen Schweißnähte muss sitzen. „Das hält nicht jeder durch“, sagt Becker.

Die Rostocker müssen keine Angst haben, bei einem plötzlichem Wintereinbruch frierend im Dunkeln zu sitzen — im Überseehafen wird auch Fernwärme gewonnen. „Die Rostocker Stadtwerke machen das mit“, meint Becker. Auch bei früheren Abschaltungen gab es nie Versorgungslücken.

In der Steuerzentrale sieht Kraftwerker Beyer wieder auf seine Monitore. Der Asche-Lkw ist voll. 100 000 Tonnen fallen jährlich ein. Kein Abfall. Unter dem Markennamen „Warnowfüller“ wird daraus Zement gemacht. „Der halbe Potsdamer Platz in Berlin wurde damit gebaut“, sagt Beyer. Ganz schön vielseitig, so ein Kraftwerk.

Gerald Kleine Wördemann

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