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Behörden-Posse um einen Stuhl: Das ist Kunst, soll aber weg

NIENHAGEN Behörden-Posse um einen Stuhl: Das ist Kunst, soll aber weg

Ein Werk direkt an der Doberaner Straße soll verschwinden, fordert das Bauamt. Doch Bürgermeister Kahl kämpft für das „Buhnenstück“ von Volker Werner.

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Der Stuhl des Anstoßes: Hobby-Künstler Volker Werners „Buhnenstücke“ sind bundesweit gefragt.

Quelle: Andreas Meyer

Nienhagen. Wer mit dem Fahrrad durch das Ostseebad Nienhagen fährt, kann Volker Werners Kunst gar nicht übersehen: Direkt an der Doberaner Straße thront — auf einem Podest aus Sand und Stein — ein überdimensionaler Stuhl. Ein Hingucker, gefertigt aus alten Buhnen. Und um genau den ist in Nienhagen ein bizarrer Streit entbrannt: Das Amt Doberan- Land hat Werner aufgefordert, den Stuhl schnellstmöglich abzureißen. Weil die Gemeinde die Kunst nicht wolle. „Stimmt nicht“, sagt aber Bürgermeister Uwe Kahl (CDU). „Das Schreiben hätte so nie rausgehen dürfen.“

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Wir sind in   Nienhagen doch keine Banausen. Der Stuhl soll stehen bleiben.“Bürgermeister Uwe Kahl

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Er will dafür kämpfen, dass der Stuhl an der Straße stehen bleiben darf. Auf Grund und Boden der Gemeinde Nienhagen.

Die Posse um den Stuhl im Ostseebad nahm bereits im April 2012 ihren Lauf: Damals hatte sich Volker Werner an das Bauamt in Doberan gewandt — mit der Idee, eine öffentliche „Verweilzone“ an der Doberaner Straße einzurichten.

Seit 1999 fertigt Werner — im Hauptberuf Polizeibeamter — aus alten Holzbuhnen Kunst. Sogar im Berliner Reichstag waren seine Stühle schon ausgestellt. Aus ganz Deutschland bekommt er Angebote für die sogenannten „Buhnenstücke“. Nur in seiner Heimat Nienhagen scheinen sie unerwünscht. Dabei wollte Werner der Gemeinde doch nur ein Geschenk machen.

Denn die Fläche, auf der auch der Stuhl des Anstoßes steht, gehört dem Ostseebad Nienhagen. Als die Häuser in der Straße Am Gespensterwald Anfang der 1990er Jahre gebaut wurden, bekamen die Bauherren von der Kommune Land dazu. Einen gut fünf Meter breiten Streifen direkt am Gehweg. Pacht oder Miete mussten sie dafür nie zahlen, aber das Gelände sauber und in Ordnung halten. „Ich wollte aus dem Areal nun was Besonderes machen. Um den Ort zu verschönern“, sagt Werner. Er meint die besagte Verweilzone.

Die Hecke sollte weg, stattdessen wollte er zwei seiner Stuhl- Kunstwerke und Sitzbänke aufstellen. „Damit Radfahrer und Wanderer dort Rast machen können. Ich hätte alles aus eigener Tasche bezahlt und auch gepflegt. Das hätte die Gemeinde nichts gekostet.“ Eine Reaktion auf seinen Vorschlag bekam er nicht. Also baute Werner schon mal den ersten Stuhl auf. Schließlich hatte sich die Kommune 20 Jahre lang auch nicht um die Fläche und ihre Nutzung gekümmert.

Dann aber wurde das Amt doch plötzlich aktiv: „Im Januar wurde ich aufgefordert, die baulichen Anlagen bis Ende März zu entfernen und die Fläche in ihren ,Urzustand‘ zu versetzen.“ Was genau das zu bedeuten hat, weiß Werner bis heute nicht. Aber schade sei es, dass seine Kunst nicht mehr erwünscht sei.

Kurios: Das Amt bezieht sich auf eine Entscheidung der Gemeindevertretung. Doch die hat nie über den Stuhl beraten. „Das war zwar Thema im Bauausschuss, aber der hat nichts zu entscheiden“, sagt Bürgermeister Kahl. Im Ausschuss sei damit argumentiert worden, dass unter dem kleinen Streifen Gemeindeland Stromleitungen verlaufen und deshalb darauf nicht gebaut werden dürfe. „Aber das ,Bauwerk‘

für den Stuhl hat nicht einmal ein Fundament. Im Notfall käme man schnell an die Kabel.“

Kahl vermutet hinter der Kampagne gegen die Kunst — und auch hinter dem Schreiben des Amtes — einen Gemeindevertreter: „Der ist offenbar übermotiviert“, so der Bürgermeister. Namen will er nicht nennen. Nur so viel: „Es entsteht dadurch der Eindruck, wir seien Kunstbanausen. Aber das ist nicht wahr: Volker Werners Arbeiten genießen bundesweit großes Ansehen. Ich bin dafür, dass der Stuhl stehen bleiben darf.“

Inge Rieck, die Leiterin des zuständigen Bauamtes in der Amtsverwaltung Doberan-Land, will sich zu dem Thema nur kurz äußern: „Wir sind — in Anwesenheit des Bürgermeisters — aufgefordert worden, Herrn Werner zu schreiben.“ Wer sie aufgefordert hat und mit welcher Legitimation, sagt sie nicht. Das Bauamt warte nun auf ein neues Votum der Gemeindevertretung: „Ob die Kunst dort bleiben kann oder nicht, ist eine politische Entscheidung. Wir setzen nur durch, was die Politik möchte.“

Das Material stammt aus der Ostsee
53 Jahre jung ist Volker Werner. Der Nienhäger ist Polizist. Seine große Leidenschaft aber gilt der Kunst. Aus alten Buhnen, die nicht mehr für den Küstenschutz benötigt werden, fertig er Tische, Stühle und Sitzbänke.

1999 hat Werner das Hobby für sich entdeckt. Bereits vor einigen Jahren wollte er an sein Wohnhaus eine Galerie anbauen.

200 Kilogramm wiegt der größte Stuhl Nienhagens.

Andreas Meyer

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